Draußen sein (Love how you can pee on anything) #5.2

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So vulgär pompös der Hetero-Mainstream-Porno das Machtgefälle von Mann/Schwanz und Frau/Öffnungen in Szene setzt, achtet man sorgsam darauf, die Responsivität nicht aus dem Blick zu verlieren. Die Frau muss beim Blasen regelmäßig die Lider aufschlagen und zu ihrem Herren nach oben schauen. Der kontrolliert seinerseits hoheitsvoll-kritisch, was mit seinem besten Stück geschieht, und falls er sich gestattet, für ein paar Sekunden die Augen zu schließen, versichert seine tätschelnde, fixierende, im Nacken packende Hand, die Lust folge in ihrer Entstehung psychisch der mechanischen Bewegung. Von ihr zu ihm, mit Feedback von ihm. Guck, die beiden interagieren!

In der Pornowelt darf der Mann die Frau nach Kräften erniedrigen, sie mit Gewalt der gewünschten Mechanik gefügig machen, so sie dem nicht gehorsam vorauseilt. Er darf ihr sein Ding bis zum Anschlag in den Hals drücken, sie am Haar ziehen wie einen widerwilligen Hund an der Leine, ihr zwischendurch Schläge versetzen, in den Mund spucken, sie beleidigen und verhöhnen. Was er nicht darf, ist ihre Liebkosungen genießen und dem Genießen aus der Kopräsenz von Reizung hinaus folgen, dorthin, wo Erinnerung, Ahnung, Phantasie eine Gegenwart aufschließen, die sein Erleben mit anderen Frauen, mit anderem vielleicht als einer Frau bevölkert. Frau zu Sache machen geht in Ordnung; aber es frevelte am Leitwert dieser Ordnung, nicht bei der Sache zu sein. Der unerträglichste Moment schlecht gemachter, unprofessioneller Exemplare solchen Mainstreams mutet mir den Anblick des Mannes zu, der krampfhaft versucht zu kommen, weil er muss, und dies nur kann, indem er sich selber wichst, während die Partnerin mit offenem Mund und herausgestreckter Zunge geduldig wartet, und dessen stumpfer Blick dabei verrät, wie er im Anschein des Hinguckens intensiv an etwas weit Entferntes, für ihn wirklich Geiles denkt…

Das Bestehen auf einem Face-to-face, auf einer sozialen Mechanik der Zuwendung in der pornographischen Inszenierung wäre nur ein groteskes Detail mehr, eine weitere Entgleisung beim Bemühen um Natürlichkeit ohne Sinn für das Künstliche der naturalistischen Illusion, gehorchte es nicht einem moralischen Imperativ bürgerlicher Sexualität, der, nachdem der Porno allen übrigen Anstand fallen gelassen hat, umso merkwürdiger im Raum steht. Und wenn es peinlich mitanzusehen ist, wie sichtlich mühsam und oft unzulänglich Akteure dem Anspruch genügen, gemahnt das daran, dass auch beim sog. echten Sex ein Gebot des Kommunizierens mit dem ringt, was bei mir zwischen Hautfremdkontakten und idiosynkratischer Verfilmung vermittelt, um Erregtheit aufzubauen, zu steigern, zwischendurch auf einen Vorsprung des Gesteigerten zu legen, wieder hochzunehmen und weiterzusteigern, um sie endlich bis zur Überwältigung durch den Orgasmus zu treiben.

Der gemeinsame Orgasmus – das Überschreiten der Grenze zwischen den Leibern im simultanen Außer-sich – ist, wie sich herumgesprochen hat, eine romantische Fiktion (ein ungefähr koinzidentäres Kommen dennoch oder eben deshalb toll, wie Romantik ja überhaupt von den Wonnen der Approximation lebt). Doch rund um den transgressiven Akt soll zumindest das Interagieren real sein: Wie wir tatsächlich miteinander reden, wenn wir ein Gespräch führen, ein jeder dem Partner das Recht einräumen, den eigenen Monolog, das Bewusstseinsstromsprechen zu unterbrechen, so fordert die Moral des Dialogischen auch beim Sex von mir, die Anwesenheit des anderen Körpers immer wieder zu einer Unterbrechung meiner Selbstpräsenz werden zu lassen. Es reicht nicht, dass der andere nah dran, schmatzend dicht daneben, beinah direkt angrenzend ist; es reicht nicht, dass wir reiben. Physiologisch mag es notwendig sein, zwei Selbstgenießen in mutueller Onanie Seite an Seite in dieselbe Richtung zu schieben wie bei einer Tangopromenade. Damit der Sex aber das gewesen sein kann, was die neuronale Erzählung (die ‚Stimulation‘) für jenes Drama mobilisiert, auf dessen entscheidender Szene jeder vom Begehren des anderen erfährt, muss der Erregungsleib alle Atemzüge lang sagen: Ich erblicke dich! Ein an‑erkennend Freies, das sich nicht im freiwilligen Machen zeigt, sondern im Passieren-Lassen, keine Huld ist, sondern Leidenschaft, muss das Notwendige überholen, an die Spitze der Berührung vorpreschen und den Symptomen des nahenden Ereignisses die Botschaft vorausschicken: Oh, wie ich dich in dieser Welle von Druckmeldungen und Imaginationen erblicke!

Der Mensch wäre fein raus, hätte er wie manche Seesterne ein Skelett, das Tausende von Linsen ausbildet, so dass der gesamte Körper wie ein Sehorgan funktioniert.[1] Er könnte mit Brust, Bauch und Rücken, Armen, Schenkeln und Waden, Fingern und Füßen, Schwanz, Möse und Arsch erblicken. Sämtliche Glieder wären nicht nur durch die Sensomotorik an der eigenen visuellen Erfahrung beteiligt, wie es bei uns Menschen der Fall ist (denn auch wir sehen mittels des gesamten Körpers und seiner Bewegung); sie würden auch das tun, was die Augen für den anderen tun: ihm den Eindruck geben (seine Einbildung in diesem Sinne ködern), dass er angeblickt wird – dass das, was ich hier vollführe und was dabei mit mir geschieht, einschließlich dessen, wovon er nur Zeichen mitkriegt, ihn meint, ihm gilt.

So, wie es steht mit meinem menschlichen Körper, bleibt mir jedoch nur ein schmales Repertoire von Techniken, die das Augenaufreißen und Hinschauen ergänzen oder für eine Weile vertreten: die Wechselrede der Zungen beim Küssen; die saugenden Bisse, die das weite Feld der fremden Haut metonymisch kontrahieren (‚Du bist gerade diese Brustwarze für mich‘); die Finger im Mund (‚Ich wünschte mir Tentakel, um dich, während ich in dir bin, zugleich zu umschließen‘); das Aussenden von Spasmen durch die Bauchdecken und sowieso das Abpassen der Anspannungen und Entspannungen im andern, das Synchronisieren dessen, was mich bewegt, mit seinen Bewegungsrhythmen („muscular bonding“, in der Liebe wie im Krieg: der Rhythmus als Materialisator einer Fiktion von Verbindung[2]).

#5.3

[1] Vgl. zum agential realism des Schlangensterns (brittle star) Karen Barad, Queer Causation and the Ethics of Matterin, in: Noreen Giffney / Myra J. Hird (Hg.), Queering the Non/Human, Aldershot: Ashgate 2008, S. 311-338, bes. S. 319ff.

[2] Vgl. William McNeill, Keeping Together in Time. Dance and Drill in Human History, Cambridge MA: Harvard University Press 1997.

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