Draußen sein (Love how you can pee on anything) #4

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Die Aversion gegen den Sex betrifft unter anderem (unter den Bedingungen eines sozialen Kapitalismus vor allem?) die Verantwortung, die ich für eine jede Begegnung übernehmen muss. Diese Verantwortlichkeit reicht über das hinaus, was aneinander reibende Hautflächen in der endlichen Zeit des Geschehens vergüten. Wie jede Verantwortung in einer okzidental geprägten Gesellschaft kommt auch diese der Gegenwart mittels eines Absehens von ihr zu. Während ein Teil meiner selbst sich im Aktuellen des Vollzuges zu verlieren sucht, kehrt der ethisch belangbare Part aus einem Abstrahierten, der Materie und ihrer Zeitigung Enthobenen in den Augenblick dieses Vollziehens zurück: Der Sex ist ein Fall von Sex.

Der Fall keiner unter vielen. Ethisch geht es nicht an, sexuelle Begegnungen zu verrechnen. Wenngleich das beziehungspraktisch passiert, wo der Sex zwischen zahlreiche Dinge gerät, die man miteinander, füreinander, für sich mithilfe des anderen tut, und bei glücklicher Fügung entlastet die Profanation das Tun (der Vorteil einer festen partnerschaftlichen Bindung für den Sex besteht in diesem Verdinglichungseffekt; das Hineinziehen sexueller Handlungen in die Verkettung der Dinge schlägt in Nachteil um, wenn die Grammatik des Übergehens von Ding zu Ding keine schlüpfrigen Anschlüsse mehr zulässt). Wer Partner aber häufig wechselt, muss der Aversion im Draußen jedes Mal das Material für ihren Zickzack beschaffen.

Die Fotze im Sling demonstriert eine irregulär abkürzende Lösung dafür, einen Kurzschluss des Fleisches in der Zeit, da ihr Verhalten sozusagen eine Routine in einem Fall inkorporiert: Dieser Körper hängt da wer weiß wie lange und wird wer weiß wie lang hängen bleiben. Er mag schon oftmals so gehangen haben; es fällt schwer, sich die Auslieferung ohne Wenn und Aber anders denn als schlechte Gewohnheit vorzustellen. Denn das Spektrum an Kompetenzerwerben in unserer Kultur unterbreitet keine Übungen fürs Sich-Überlassen. Wer hier beweisen wollte, wie erfahren er ist, könnte allenfalls mit der Dehnbarkeit seines Darms beeindrucken (die schwule Fisting-Szene zelebriert diesen inversen Phalluswettbewerb: meins kriegt mehr rein…!). Der Sling aber ist kein Instrument, das erst zu lernen wäre. Das Hängen enthält sich Angaben zur Erfahrung, die der neuromuskulären Disposition des Körpers einen Leistungsindex beifügten, stolz von all den Ficks berichteten, die ihm schon widerfahren sind. Es offeriert, aber ohne Präsentation. Es soll verschenken, nicht verkaufen, und stößt diejenigen ab, deren Begehren auf einen kleinen Vorteil im symbolischen Tausch abzielt (jemanden, der etwas attraktiver, etwas jünger, etwas besser bestückt, etwas beliebter ist als mein Selbstbild).

Eben dies Gewohnheitsmäßige abseits jeder Evidenz von Wiederholung macht den politisch interessantesten Aspekt der Form aus. Die Fotze im Sling begeht die stärkste Tabuverletzung damit, dass sie sich in eine Zeit des Wartens schickt, die keine Anspannung auf ein Ziel hin kennt und kein Projekt, in diesem Ziel den Ursprung zu erneuern. Dieser Körper wartet weder auf den Einen, der die Gewohnheit bricht, noch auf das Ereignis, das ihn erlöst. Sein Warten ist der Erwartung fremd. Während ich ihn ficke, wartet er weiter – was meine Geilheit versacken lässt wie Treibsand, falls ich mich seiner in der üblichen Manier einer leidenschaftlichen Begegnung zu bemächtigen suche: er genießt, ja, offenbar, doch die Erregung hält ihn keinen Augenblick vom Weiterwarten ab; zwischendurch kann es passieren, dass er kommt, und sein Abspritzen gleicht einem Überschwappen.

***

Die Geschichte von der Entjungferung, wie wir sie uns geläufig aus der Sicht des Überwältigers (seiner Gewissheiten, seiner Zweifel) erzählen, überliefert eine ganze Metaphysik des ersten Mals, die dem sexuellen Erlebnis unvergleichliche Intensität zuspricht. Jeder weitere Sex misst sich an diesem Unvergleichlichen, scheitert daran, das Erstmalige zu wiederholen (umso mehr, wenn es schlecht war), wächst an der Aufgabe, den Mangel an Ursprünglichkeit durch andere Überbietungen zu kompensieren.

Das dramaturgische Muster dieser Geschichte gestattet dem Sexobjekt, an seinem Überwältigtwerden aktiv mitzuwirken: Die einseitige Verführung, in die Zivilisierung Vergewaltigung sublimiert, löst sich in etwas schönes Wechselspielartiges auf. Die Zwei flirten. Pirschen in kollegialer Ablenkung an den Rand eines passenden Ortes. Irgendwann überwältigt es sie dort beide, idealerweise zugleich, und wer schließlich über wen herfiel, wird nachher umso weniger ins Gewicht fallen, je offenherziger die Beteiligten sich eingestehen, dass ihre subjektiven Vorhaben („Ich wollte dich von Anfang an und habe nur auf die Gelegenheit gelauert…“) und das Ungeplante, Überraschende („…und da, auf einmal lagen wir uns…“) Komplizen waren bei einem notwendig doch immer so ein bisschen verlogenen Wünscheerfüllen.

In einer Gesellschaft, die konsensuellen, beidseitig betriebenen Sex vom gewaltsamen trennt, brauchen die Menschen Ironie, um den Moment des Vordringens zum sexuellen Akt zu um- und überspielen. Die Fiktion eines solchen Akts erfordert es paradoxerweise, die Gegenwart zu zerstreuen, in der man seinen Anfang auffinden könnte: Sollen sie wahrhaft Partner gewesen sein, müssen die, die Sex hatten, gemeinsam, Seite an Seite, die passage à l’acte zurückgelegt haben und gemeinsam, wie in Einem, aus der unendlichen Annäherung in den Zustand des Es-Machens gesprungen sein. Erinnerung daran, was geschah, bis wir uns die Klamotten vom Leib rissen (oder kichernd an deinem klemmenden Reißverschluss verzweifelten), managt ihr Gemeinsames mittels einer Kooperation bei dieser zeitlichen Verwischung. Die rhetorischen Schlenker deiner Vergegenwärtigung und die meiner Vergegenwärtigung greifen ineinander, ziehen und schieben sich hin wie die Glieder unserer Körper vergangene Nacht, und heraus kommt ein Ereignis, für das alle und niemand Verantwortung tragen, weil seine poetische Zeit – dieser hingeblätterte, aus Lamellen gelegte Augenblick – die konkrete Dauer des Geschehenen abdunkelt.

Die Ironie ist hier dieselbe wie bei der Liebe. Auch Verlieben sieht sich darauf angewiesen, dass es immer schon stattgefunden hat, wenn der Akt eines Bekenntnisses ein Datum draufschreibt. Was jeder von uns tut in dem Moment, da ich dir meine Liebe gestehe, antizipiert ein Serie von Gelegenheiten des Darauf-Zurückkommens, bei denen wir es sowohl mit der Ewigkeitsreferenz dieses Immer-schon versehen als auch mit den Symptomen der Überraschung, eines Nichtahnens, Niemals-zu-hoffen-Wagens dekorieren. Angewiesenheit auf ironische Poesie vereinbart Sex und Liebe zeitlich, ist vielleicht das einzig Einende dafür in einem Leben, das bürgerliche Phantasie wie eine große Konversation vorstellt und bürgerliche Institutionalisierung des Gesellschaftlichen auch so einrichtet. Wer das mit der ironischen Poetisierung gut hinbekommt, kriegt mit, wie der Sex dadurch seine romantische Qualität erhält oder wie von der Liebesszene lichte Pfade zum Ficken abzweigen. Wer nicht, hält sich zurecht für einen sozialen Versager, denn ihm fehlt das Zeug zum Ko-Autor der Situation.

Gesetzliche Regelungen, die ein explizites „Ja“ zum Sex vorsehen (selbst solche, die einem „Nein“ Autorität verschaffen sollen) kommen dieser Poetisierung in die Quere. Ob das gegen die Regelungen oder gegen die Poetisierung spricht, hängt wohl auch davon ab, was der Verzicht auf Ambivalenz hervorruft. Den Romantikern unter uns mag die Aussicht auf Erotik mit einem Körper, der „Ja“ sagt, trostlos erscheinen: Bleibt ohne die ironische Poesie der rückwirkenden gemeinsamen Zeitverwischung etwas anderes vom Sex als Handlungen, die nur insofern keine Vergewaltigung waren, als ein Protokoll ihre Vertragsgemäßheit nachweist? Das aber hält fest an der Dramaturgie einer Begegnung, bei der das „Ja“ dem anderen nur im Verlauf einer Konversation entfahren kann, im Vorübergehen, als rasche, möglichst leicht verspätete Versicherung, die Bewegung hin zum Sex, die sich da eben andeutete, sei real und auch jetzt noch real… Je fester wir uns in der Vorstellung vom Konversationscharakter des Erotischen einschließen, desto unannehmbarer wird ein Sex, der von der Bejahung ausgeht, statt sie flüchtig zu streifen.[1]

Derjenige, der darauf wartet, dass irgendwer kommt, ihn zu ficken, passt so viel besser zu einem Gesetz über Sex. Doch er missachtet die ungeschriebene Regel, dass man Sex zwar wollen, aber nicht im Vorhinein bejahen darf, weil seine Form (ungeachtet der Praktiken) dem Dialogischen gesellschaftlichen Umgangs eingetaktet werden muss und ein „Ja“ nur als spontane Erwiderung zählt. Selbst im Cruising-Labyrinth behält das bejahende Warten etwas Pariahaftes. Es steht im Unverhältnis zum taxierenden Umherstreifen der aktiven Sucher und Finder, vertrödelt deren Zeitökonomie. Obwohl sie manchmal stundenlang unbenutzt dahängt, weil keiner sein erotisches Kapital an etwas so Wertloses verausgaben mag, erregt die Fotze im Sling bestenfalls ein schlecht geheucheltes Mitleid. Der Neid auf das, was sie sein könnte, wenn ihr Körper zufällig dem von mir Begehrten ähnelte – und die Angst davor, was das mit mir machte – ist dafür immer zu groß.

#5.1

[1] Auch die SM-Codes bieten diesbezüglich keine Alternative. Die Anstrengung, erotische Interaktion von ethischen Klärungen freizuhalten, indem die Beteiligten zunächst einen umfassenden Vertrag aushandeln, scheitert letztlich an der Nichtigkeit solcher Abmachungen vor dem bürgerlichen Gesetz. Persönliche Limits ändern nichts daran, dass der Staat die Einwilligung seiner Bürger in das, was man ihnen ungestraft antun darf, eng beschränkt und im Zweifelsfall für sittenwidrig erklärt. Zwei Seiten de Sade, und das erregte Gefeilsche um die Grenzen des Extremen beim SM kommt einem lächerlich vor. Der Vertrag funktioniert hier als Teil der Konversation, die mit der Dynamik des Gesellschaftlichen völlig im Einklang steht (wenn überschreitend, so ist SM exzessiv gesellschaftlich); er stellt ein erstes, stellvertretendes Objekt des masochistischen Begehrens dar, und das improvisierte Paragraphenwerk entfaltet seine Macht am stärksten dort, wo der Herr den Knecht in Reaktion auf dessen Ungehorsam im Unsicheren belässt, inwiefern er das Verabredete einzuhalten gedenkt.

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