Draußen sein (Love how you can pee on anything) #1

Subjektivismus entfaltet das Drama des verunsicherten Narzissmus. Ich lerne eine Welt kennen, die sich zur Welt zusammenfügt in dem Maße, wie sie aus lauter Nicht-Ich(s) besteht. Daher Faszination an Objekten. Und an anderen Menschen, die sich wie noch perfidere, noch hinterhältiger eher miteinander als mit mir zusammenhängende Objekte verhalten.

Das Objekt kränkt. Zunächst weniger dadurch, dass es sich klar von mir abgrenzt, mir durch den Widerstand gegen eine Bewegung zu verstehen gibt, wo das Andere anfängt und das Selbst endet (das Objekt als Gegenstand einer Berührung kommt erst viel später, wenn das Ich bereits wund ist und überempfindlich genug, so dass im zartesten Kontakt die primitivsten, existenziellsten Ängste und Hoffnungen toben). Die Kränkung fängt an mit dem „Vielleicht“, das Objekte auf die Frage erwidern, ob etwas von mir in ihnen sei.

„Ist etwas von mir da drin?“ fragt das verunsicherte narzisstische Subjekt. „Vielleicht“, macht das Ding. Im Idiom des Draufpatschens heißt das Vielleicht Oberfläche.

Lasse ich mich davon nicht abschrecken, bleibe dran, halte fest oder spiele fort-da, zieht das Objektive sein Unentschließbares in Modalform: „Vielleicht nicht mehr“, macht es. „Vielleicht noch nicht“, macht es. Dazwischen passt jederzeit ein „Vielleicht gerade jetzt nicht“.

Damit sind die Einstellungen fürs Leben vorgenommen. Der Rest ist Besetzen: aggressiv-defensiv erotisch. Pathetisch das Leiden an einer allem Anschein nach feindlichen Welt nach außen kehrend, umstülpend in Verführung aus Rache für das vorenthaltene Ja, gebe ich der Welt ihr dreckiges Vielleicht zurück. Spott und Hohn wechseln auf meine Seite. Solange ich Kraft habe, schlüpft mir kein Ding durch die Finger, ohne dass meine Finger vielleicht (d)ich hineindrücken. Und sobald der Abdruck sichtbar ist (gesehen wird), ist das nächste Ding dran.

Einige packe ich für eine Weile in den Schrank.

***

Es gibt nur eins, was den Spaß an dieser obsessiven seriellen Monogamie im Weltverhältnis vergällt: dass mein Körper, einmal relativiert, nie wieder davon loskommt, ein Ding unter all den anderen zu sein. Indem das Kind Dinge wiederfindet, den Raum vorn mit den seitlichen Räumen und dem Raum hinten sensomotorisch-kognitiv zu einer Sphäre näht, wo auch das Zurückgelassene, das Vergessene in einem Bleiben eigener Geltung beharrt, liefert es sich schließlich selbst an dieses Bleiben aus. Zwischen dem Spielzeug, das, in einer Spielpause beschaut, sonderbar aufrecht, kantig, schief und ragend auf dem Zimmerboden liegt, sitze ich.

Wenn ich irgendwie seiender (oder beständiger) wäre als das um mich herum, gelänge es viel besser, mein Verhalten für promisk zu halten: hier die Einheit (ich), da draußen die Vielheiten. Je stärker das Integrierende an mir, desto überzeugter könnte ich wiederum gegenüber anderen meine innere Mannigfaltigkeit behaupten, so tun, als brauche Objektlust in mir immer mehr als eins, weil so zahlreiche Facetten meiner Bereitschaft danach drängen, dass sich Welt an ihnen reibt. Bedauerlicherweise bin ich aber immer wieder auch bloß eins in den Monogamie-Serien anderer Subjekte, finde mich ein- und wieder ausgewechselt, und dann kommt dazwischen immer mal ein Augenblick, in dem ich mir selbst über den Weg laufe wie einem, dem man halt so begegnet, den man mitnimmt, der ganz nett ist, in Maßen interessant.

„Ich würd mich ficken!“ ruft der Serienkiller in Schweigen der Lämmer. Ich würde mich ficken und danach vielleicht noch ein, zwei weitere Treffen, bis die Faszination erlahmt – lautete die Schreiformel für diese Erfahrung des Eingereihtseins.

***

Oder so es denn immerhin alle anderen wären. Aber es sind nie mehr als viele, und ein Ding unter vielen zu sein zitiert Vergleichbarkeit herbei. Die zweite Kränkung widerfährt mittels des Verglichenwerdens. An dem ich mich zu meinem Ärger engagiert beteilige. Denn obwohl Vergleichen mit mir nicht geht, obwohl es mir lebenslänglich misslingt, aus den Gauß’schen Normalverteilungen eine Ansicht meiner Person zu beziehen, die mich und einen konkreten Nachbarmenschen auch nur wie einen Apfel und eine Birne aufs selbe Tablett legt, praktiziert das Subjekt am Ort meines Körpers Entsingularisierung. Zivilisiert, pflicht- und gewohnheitsmäßig, wie man sich die Nägel schneidet, spielt es quasi das Gegenteil von Einreihung: Sich-Aussortieren. Steckt Eigenschaften, die es Grund hat an sich zu vermuten, probehalber dahin draußen, wo sie unter Ähnelndem nicht weiter auffielen. Und schaut.

Und da draußen hab ich lieber was Samtenes, was von einem langen Ast, was Nacktvogelhaftes, als dass meine Ersetzung durch Ralph keine größeren Störungen im Betriebsablauf verursacht. Aussortieren bitte unter Abstrakta, Gegenstände, Pflanzen, Tiere. Unter Mitmenschen nur, falls unumgehbar und wir in keiner Konkurrenz um etwas stehen. Oder Liebe.

Eine Gesellschaft, deren Mitglieder hemmungsloser (weniger verstohlen, schuldvergessener) Persönliches auf Abstrakta, Gegenstände, Pflanzen und Tiere projizierten, driftete wohl tatsächlich in friedlichere Gewässer. Niedlichkeit zeigt das Prinzip: Vermeide das Unverzerrte im Vergleich mit dir selbst! Das funktioniert mehr oder weniger mit dem gesamten Affektspektrum.

(Übrigens Fetisch hin oder her, denn es geht dabei nicht um das Partialobjekt, das Teil als pars, das einen vagen, kaum durchschaubaren Zusammenhang kompakt verfügbar hält, sondern darum, zwischen dem Ähnlichen und dem Unähnlichen halbwegs gut durchzukommen.)

***

Am besten ginge es mir geistig-seelisch, metaphysisch allerdings, wenn ich weg wäre. Stell dir vor, du müsstest kein Ding unter anderen sein, weil die anderen Dinge es ohne dich schaffen zu sein. Ja, sofort, bin dabei! Lass uns einen Roman drüber schreiben.

Einen ökologischen Roman über die Zukunft.

#2

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