Draußen sein (Love how you can pee on anything) #7.3

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Das Glück der Hündchen: Sie sind wie pubertierende Jungs immer unter sich, wenn sie spielen oder jemand mit ihnen spielt. Es umgibt sie ein Geruch nach Dingen, die man nur in Zimmern tut, wo kein anderer ohne vorheriges Anklopfen eintritt. Weshalb sie aller Welt arglos, vorsichtslos (stets zu stolz für Angst) ihr Gesicht dabei zeigen. Screenshots allowed.

Ihre Tollerei gleicht ihrer Langeweile. Beides rollt die wie aus nichts als Extremitäten bestehenden Leiber durch einen Tag, dessen Zeit das misst, was man mit ihnen gerade verpasst.

Sie wissen nichts mit sich anzufangen.

Eine Grammatik ihrer Bewegungen kennt Verben eigentlich unflektiert, oder genauer gesagt ist die Endung ein Nuscheln oder Verschlucken, so dass ein Adressat, sollte wer die Position beanspruchen, sehr wahrscheinlich die gewünschte Konstruktion ableiten kann. Sie mogeln sich durchs Leben, fänden Menschen alter Schule. Sie wissen überhaupt was sie wissen vorzüglich im Hinblick darauf, wie man damit durchkommt. Authentisch erlebt man sie da, wo ihnen das Durchkommen egal ist. Oder wo sie es genießen, selbst ein bisschen ein Widerstand für das Durchkommen von jemandem zu sein. In einer unklaren Zartheit, mit dem membranhaften Lachen des noch nie richtig Gedehnten oder Verletzten.

Sie lernen Streichelbarkeit quasi im Schlaf. Tatsächlich scheint der Schlaf die Körperoberfläche zu pflegen wie einen weißen, immer leicht schweißnassen Rasen. Sie sehen aus, als ob sie wunderbar schliefen, auch wenn es nicht stimmt.

Während Erziehung zur Weltbedienung nach und nach exaktere Koordination von Hand und Auge verlangt, werden sie gelenkig von den Füßen, den Waden und Schenkeln, dem Becken, dem Bauch und der Brust, dem Po und Rücken her, einem Gliederensemble, das über Umwege (ein Kameradisplay) mit dem Auge von Fremden kooperiert. Ihre Somatische Praxis erarbeitet ein second-person knowledge:[1] sie wissen sich hinzuschieben, einem Blick so abtastbar zu machen, dass der Blickende sich vorstellen kann, ihren materiellen Körper ohne weiteres Dazutun zu seiner Lust zu verwenden. Wer es wie sie versteht, ein Bild von sich zu geben, das sagt: Hier, nimm! nimm dieses Bild!, lebt leibhaftig in den Phantasien Vieler zugleich. Bürgerlicher Ordnungs- und Verwaltungssinn, den Eltern, Schule, Gesellschaft ihnen vermitteln, betreut diese Vervielfältigung. Ihre Nachrichten enthalten Nachfragen: Wie war es mit meinem Bild? Hattest du Spaß damit? Jede kommunikative Äußerung erbittet ja Feedback, aber hier spitzt das ganze Interesse am Körperabnehmer sich auf den Punkt hin zu, an dem jener durch einen Korrekturvorschlag, eine Anregung zur Überarbeitung der Haltung eben die maßgebliche Vorliebe artikuliert. Was die an ihnen Erregten präferieren – das „etwas mehr so…!“ –, ist diesen Passiven wirklich körperlich Maß; und insofern gern mehr und mehr hinzukommen und Wünsche mitteilen dürfen (sie sehen es naiv-verschlagen auf Erfolg, auf Popularität ab), treffen im Wechsel der Posen, in den Übergängen zwischen ‚show toes‘, ‚show abs‘, ‚show armpits‘‚ ‚show bulge‘, ‚show hole‘… eine Vielzahl von Ermessen aufeinander. Sie sind die Entsprechenden.

Um das second-person knowledge nicht misszuverstehen, darauf achten, wie sich das Entsprechen von älteren Szenen der Zurschaustellung, bspw. dem Striptease unterscheidet. Dort dient die Bewegung, wie Barthes scharf (gelangweilt) beobachtet hat, bloß als Alibi für einen Zuschauenden, der gezwungen ist, aktiv zu projizieren, gerade weil die Situation seinem Begehren keine Chance einräumt, sich in Form eines Vorziehens zu artikulieren.[2] Die Dramaturgie des Ausziehens ist gesetzt, kultureller Standard (mit dem Mehrwert Sicherheit); alles andere muss der Betrachter heimlich, voyeuristisch für sich erledigen. Metaphern wie die von der katzengleichen Gewandtheit einer Nackttänzerin sagen verhüllend die Wahrheit, dass das Gleiten die Positionen, die es abklappert, verachtet. Souverän performter Striptease spottet über die erotische Fixierung auf den Körper in einer bestimmten Haltung. Das, was die Bewegung dem Tanz anhängt, paktiert mit dem Fetischismus als anonymer, maximal gesellschaftlich determinierter Form für die Wunscherfüllung. „So-o…nicht“, lautet die Botschaft des glatten Absolvierens einer Striptease-Choreographie, über ein Ostinato aus Hüftschwüngen gekichert. Das Glück der Hündchen hüpft dagegen in der Wörtlichkeit, mit der sie einem jeden Begehren antworten, sorgsam separat wie bei einer Q&A-Session. In Kiss von Tino Sehgal nehmen eine Frau und ein Mann nacheinander in rascher Folge Haltungen des Sichumarmens und Küssens ein, die auf Skulpturen und Gemälde, auf die reiche und gewichtige Kunstgeschichte der Liebensform verweisen. Vergiss das Paar, und die Hündchen zeigen dir, was in der Gegenwart geht.

[1] Thomas Hannah bestimmt Somatische Praktiken dadurch, dass sie im Unterschied zum „third-person knowledge“ der Naturwissenschaften ein „first-person knowledge“ des Körpers gewinnen (s. Thomas Hanna, What is Somatics?, in: Somatics, 5[4], 1986, S. 4-9).

[2] „Entgegen dem geläufigen Vorurteil ist der Tanz, der den Striptease die ganze Zeit über begleitet, keineswegs ein erotischer Faktor. Wahrscheinlich ist er genau das Gegenteil: Das schwach rhythmisierte Wiegen beschwört hier die Angst vor der Unbeweglichkeit; nicht nur verbürgt er dem Schauspiel seinen Charakter als Kunst (Varietétänze sind stets ‚künstlerisch‘), sondern vor allem bildet er die letzte, wirksamste Abschließung: Der Tanz aus rituellen, tausendmal gesehenen Gesten wirkt wie eine kosmetische Hülle aus Bewegungen, er verbirgt die Nacktheit, verbirgt das Schauspiel unter einer Lasur unnützer und trotzdem wichtiger Gebärden, denn die Entkleidung wird hier auf die Stufe parasitärer Operationen herabgesetzt, die in unglaublicher Ferne ausgeführt werden. So sieht man, wie sich die professionellen Stripteasetänzerinnen in eine wunderbare Leichtigkeit hüllen, die sie unaufhörlich bekleidet, sie entrückt, ihnen die eisige Gleichgültigkeit raffinierter Praktikerinnen verleiht, die sich hochmütig in die Sicherheit ihrer Technik zurückziehen: Ihr Wissen kleidet sie wie ein Gewand.“ Roland Barthes, Striptease, in: Mythen des Alltags, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2010, S. 191-195, hier S. 193.

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