Draußen sein (Love how you can pee on anything) #6

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Wie Deleuze beschrieben hat, eignet dem Masochismus ein kritisches Moment: In der Rolle des Masochisten nutzt das Subjekt, das ich bin, die Freiheit zum Ungehorsam, genieße ich mich selbst als den kreativen Frechdachs, dem unerschöpflich Schliche einfallen, um die Autorität des Herren in Frage zu stellen, ihn zu parodieren und ironisieren.[1] Doch heißt das eben auch, dass es dem Kritiker nur in der Position des Sklaven behagt. Forderungen nach einer affirmativen Konsequenz des Kritischen, einer im Verweilen beim Negativen gereiften Bejahung verebben mangels Begehren nach etwas, das in der Gestalt der Verantwortung wartet. Den Arschlöchern in Führungspositionen fiel es niemals schwer, denen, die Macht nicht anzog wie sie, Unverantwortlichkeit vorzuwerfen. Und viel zu selten hielt Theorie es für ihre Aufgabe, der Welt zu erklären, warum und wozu genau dieses Unverantwortliche gut war – oder hätte gut sein können, hätten wirksame institutionelle und sittliche Vorkehrungen die Arschlöcher daran gehindert, sich im Anschein des Verantwortlichen an der Macht zu bereichern.

In unseren Breiten schließt diesbezüglich das Sexuelle zum Politischen auf: Viele Menschen wären womöglich glücklich damit, die Verantwortung für den Sex auf eine ähnliche Weise los zu sein, wie das Leben in den fürsorglich-liberal regierten Staaten ihnen die fürs Zusammenleben weitgehend abnimmt. Das Begehren des Bürgers wetteifert immer weniger mit dem, was evident Geknechtete einem Souverän an Lust zutrauen durften. Das aktuelle Sinnbild des Herren wäre nicht mehr das Jus primae noctis, sondern die rundum befriedigende Wellness-Massage. An die Stelle des Despotischen rückt ein Kunde-als-Könighaftes (wobei es dem Kunden durchaus gefällt, wenn die Liste verfügbarer Services auch eine ‚Mittelalter‘-Fiktion enthält, die ihm sowohl die Position des Entjungfernden als auch die des Entjungferten zur Wahl anbietet). Fragen der Verantwortung sind dabei ans Unternehmen delegiert; Forderungen laufen darauf hinaus, dass dieses ethisch zertifiziert sei und irgendein Gremium von Zuständigen die Einhaltung der Richtlinien regelmäßig überprüfe.

Wo im sozialen Kapitalismus strategisch-umsichtiger Umgang mit dem eigenen Einfluss zu den alltäglichen Ansprüchen von Teamwork und Networking gehört, werden nicht nur politische Tugenden wie die Fähigkeit, andere zu überzeugen, zu überreden, für ein Vorhaben zu begeistern, vom Ökonomischen absorbiert. Die Umarbeitung der Phantasmen souveräner Macht in kooperationsverträgliche Vorteilnahmen affiziert auch das Erotische. Seit den 90ern merkt man den kulturellen Aufwand, den die Verdrängung und Verharmlosung dieses sozialkapitalistischen Eros kostet. Suggestionen wie der Werbeslogan, nichts sei so erotisch wie Erfolg, versteckten dessen Unform in der Inszenierung eines kultivierten Alpha-Tieres, eines Typs Mann (mit Varianten als Frau), in dem der Despot vom alten Schlag und der empathisch-manipulative co-competitor durch einen Anzugschnitt vereint schienen.

Vom Mensch her schaute das genauso nach ‚Innovation & Tradition‘ aus wie die Produkte, die man mithilfe des Images vermarktete. Es sparte dieses neokonservative Rollenmodell aber eben jene Verantwortung aus, die in der bürgerlichen Gesellschaft mit dem Erfolg assoziiert war – positiv, in den Facetten des Väterlichen, Beschützenden, des Mannes von Ehre, oder negativ in den Gegenbildern des gerissenen Schurken, des Virtuosen der Korruption. Der Körper einer Erfolgserotik, die an der Selbstbezüglichkeit von Finanzmärkten Maß nahm, strahlte ein technisches, semantisch weitgehend leeres Charisma aus. In dessen definierter Muskulatur hatte weder ein Gutes sich in Kondition gebracht, noch vermochte er dem Schlechten irgendeinen markanten Charakter zu geben. Die Figuren des Bösen waren nichts mehr für Jack Nicholson; sie begingen ihre Grausamkeiten unter der makel- und ausdruckslos glatten Haut eines Christian Bale als Patrick Bateman oder mit der nach vorn fliehenden Ratlosigkeit des Jokers in Nolans The Dark Knight. Während Frauen in Kontaktanzeigen beharrlich nach Partnern suchten, die „im Anzug so gut aussehen wie in Jeans“, und dabei sowohl hinter dem Kultiviert-Aggressiven des Business-Looks als auch hinter dem Lässigen des Casual Wear eine entsprechende, überdies miteinander kombinierbare Verantwortlichkeit imaginierten (die Führungsstärke und die Lockerheit ergaben einen traumhaften Familienvater), sagte der Erfolg nur noch: Der da hat ihn. Er verriet so wenig über die Gründe wie die matt polierte Armbanduhr über das Wesen der Zeit.

Aggressiv-verantwortliche Männlichkeit zerfällt seither in unverantwortliche Aggressionen und drängend-bedrängte, latent panische Bemühungen, Zuständigkeit an sich zu reißen. Dort dumpf Pöbelnde, hier logorrhöische Mansplainer, die einem zwanghaft ihre Kompetenz aufdrängen und auch dann nicht aufzuhören vermögen, wenn sie merken, dass es nervt und ihnen sozial gerade eher schadet als nützt. Beide Verhaltensmuster zeugen, isoliert symptomhaft, von einer Gesellschaft, die das Neurotische in seinen Entäußerungen vergisst, ohne es je zu verabschieden. Im bürgerlichen Formenkanon machte der widersprüchliche Zusammenhang solcher Muster im selben Menschen ihren charakterlichen Sinn aus. Ohne die Spannung des Widerspruchs fällt es schwer, sie sozial noch zu bearbeiten. Einseitige Enthemmung spült den Ansprechbaren hinter der zwanghaften Ausführung weg. Unter dünnen Normalmasken wimmelt es von Männern, deren Infantilismus keiner Kindlichkeit, ja nicht einmal einem Zurückbleiben entspringt, sondern der Verselbständigung einstmals miteinander streitender, nunmehr separat Diesen so, Jenen so ins kleinliche Extrem ziehender Tendenzen.

Die Herrscher-Galerie des 20. Jahrhunderts präsentiert den starken schwachen Mann, der seine Hysterie relativ offen zeigt, deren spektakuläre Übergänge von Schwäche zu Stärke zelebriert und strategisch instrumentalisiert (Hitler das prominenteste Beispiel, Gaddafi vielleicht die letzte größere Nummer). Das 21. Jahrhundert erlebt mit Typen wie Erdoğan oder Putin einen starken Mann, der seinen Erfolg gerade der Eindimensionalität des von ihm Verkörperten verdankt. Die Gewalt dieser starken Männer ist wesentlich defensiv, fanatisch stabilisierend, und die Defensive betrifft in sämtlichen Kämpfen zugleich die Männlichkeit selbst. Sie treten auf wie ein rettender Widerstand gegen die Entkopplung von Aggression und Verantwortung. Die von ihnen regierten Bevölkerungen akzeptieren die Verbrechen, die sie begehen, aus lauter Angst vor dem Unverantwortlichen. Mehr als zweihundert Jahre, zwei große, viele kleinere Revolutionen, und niemand hat ihnen erklärt, wie Menschen zusammenleben können, ohne dass immerzu einer in einer heroischen, der Aggression gegen Manche die Form eines ordnenden Vorstoßes für Alle gebenden Geste Verantwortung übernimmt.

***

Ob ein aufklärerischer Feminismus, der auf Einsicht setzt („Schaut mal, Männer, folgende Verhaltensweisen sind wirklich inakzeptabel, aus folgenden Gründen – wir erklären es euch noch mal, viele Male, so oft wie nötig…“); ob ein umerzieherisch gesinnter Feminismus, der eine Mischung aus gesetzlichen Regelungen, sozialem Druck und vorgelebter Veränderung favorisiert: Initiativen für weniger sexistisches Zusammenleben richten Erwartungen an sich selbst und anderen gegenüber Verantwortungsvolle. Sie werden immer besser darin, die unhaltbaren Widersprüche, das Absurde, oft schlicht Lächerliche des Männlich-Hegemonialen zu entlarven, unterschätzen aber vielleicht, dass die Desintegration des aus diesen Widersprüchen Gefügten auch die vorherrschende Form von Verantwortung mit ausschüttelt. Wo es seine neurotischen Farcen nicht mehr aufführen darf, rudert das männliche Ego wie irr mit den Armen. Wer dann das Pech hat, zu nah dran zu stehen, fängt sich was ein.

Und selbst die aufgeklärten, antisexistischen Gesetzen beipflichtenden, fürs unnachgiebige Ermahntwerden dankbaren und Vorbildern aufgeschlossenen Männer sperren sich dort am heftigsten gegen Konsequenzen, wo diese sie in jene mindere, unspektakuläre, prestigearme und dabei unbefristete, gleichmäßig weite, nicht nachlassende Verantwortung einschließen, die elementare Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern Jahrtausende lang den Frauen zuschob. Stell dir vor, dein Verhältnis zur gesellschaftlichen und politischen Welt entspräche dem zu zwei Kindern, einer Wohnung, einem letzthin immer merklicher senilen Vater und der Mutter, die sich, wenn du wegguckst, am Geländer die Treppen hochzieht. Es käme kein Moment, um Verantwortung in einer (je nachdem, was zu dir passt: etwas theatralischer, etwas subtiler) heroischen Geste zu übernehmen. Kein Anderer, dessen Antlitz dir im Blick eines Bettlers, eines schrecklich zugerichteten Opfers, eines Flüchtlings begegnet. Die Bedürftigkeit des Bettlers, des Opfers, des Flüchtlings wäre bloß ein weiterer Posten auf der täglichen Aufgabenliste, denn du befindest dich seit Kindertagen im Zustand des Helfens. Verantwortung, sie gehörte zum Selben.

Nein, danke, sagt der alte Mann in mir. Eher wende ich mein ganzes Wissen und Können, meine Leidenschaft, meinen Charme, die fürsorgliche Wärme meiner Stimme, meiner Hände auf, um eine Frau ins Unverantwortliche zu locken. Sei das mein Job: ihr eine Auszeit zu machen und sein. Ohne Vernachlässigung der Beziehung zu den Vielen zugunsten einer ungemeinen, asozialen, das Ethos des Erledigens verlachenden (und darin Lebenszeit erst ins Erträgliche rettenden) Intimität wird es schließlich nichts mit der romantischen Klammer um Liebe und Sex, und einer muss doch für das Vernachlässigen zuständig sein. Oder? Kann man Vernachlässigen aufteilen wie Arbeit? Soll ich dir vertrauen, dass du fürs Asoziale, fürs Anökonomische sorgst, während ich mich in die Pflichterfüllung stürze? Werden wir uns abwechseln beim Den-anderen-ins-Bett-Ziehen, beim Den-anderen-vom-Aufstehen-Abhalten, beim Insistieren darauf, dass jetzt verdreckt wird und nicht saubergemacht?

Schau, da weigert sich schon wieder etwas in dir, mitzugehen an diesen Ort, wo wir die allgemeinen Verbindlichkeiten für eine Weile los sind und eine andere, radikalere, nacktere Ethik probieren: Ethik der Gabe, der Verausgabung, der freien, nicht der unvermeidlichen Erschöpfung. Die Klamotten liegen neben uns, doch die Bettwäsche bleibt ein Kleid, das nachher abgezogen werden muss wegen der Flecken. Etwas könnte Ursache dafür gewesen sein, dass der Kinderkaratekurs heute früher vorbei ist. Die Eventualität von Nachbarn presst ihr Ohr an unsre Zimmerwand. Das Handy macht Empfangsgeräusche auf dem Küchensofa, ausbleibende Antworten ziepen am Jetzt. Werde ich wirklich noch imstande sein, dich festzuhalten und am Wiedereinrasten in diese Reflex- und Reaktionsketten zu hindern, nachdem ich endlich gelernt habe, die gerechte Hälfte davon zu bewältigen?

Sozial-ökonomisch ist die Rolle des Verantwortungslosen die eines Bösen, der Schuld trägt, ohne ihr Gewicht zu spüren. Zu den Bedingungen eines Familienlebens kommt das besonders fies und niederträchtig heraus. Doch was geschähe mit der Liebe und dem Sex in einer Welt, in der niemand diese Rolle mehr spielt? Momentan scheint an schlechtem Betragen von Männern so wenig Mangel, dass man diese Frage erst einmal für Jahrzehnte hintanstellen, erst mindestens annähernd eine Gleichbelastung mit Haushalts- und Pflegearbeit durchsetzen möchte, ehe wieder Zeit anbricht, sich über Nichtarbeit Gedanken zu machen. Fair enough. Und dennoch (Widerspruch oder bloß ein weiteres Widerstreben?) – schlügen wir nicht einen anderen Weg ein, wenn wir jetzt anfingen, zugleich mit einer besseren Allokation von Verantwortlichkeiten auch eine bessere der Unverantwortlichkeiten zu unternehmen? Wäre ein gleich auf die Geschlechter verteilter Zugang zu jenem Unverantwortlichen, das Begehren zu einer Kraft gegen die sozialen Ordnungen Familie, Nachbarschaft und bürgerliche Gesellschaft macht, nicht sogar eine Forderung, mit der sich die politische Positionierung eines Feminismus entscheidet?

#7.1

[1] Vgl. Gilles Deleuze, Sacher-Masoch und der Masochismus, in: Leopold von Sacher-Masoch, Venus im Pelz, Frankfurt/M. 1997, S. 163–281, bes. S. 238ff.

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