Draußen sein (Love how you can pee on anything) #5.1

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Im Wunsch, der Verantwortung für die sexuelle Begegnung ledig zu sein, blickt durch meine persönlichen Motive, vielleicht im Widerspruch zu ihnen, das schlechthin Unverantwortbare am Sex. Und dieses Unverantwortbare wiederum wäre zu übersetzen in zähe, aber zeitbezogene, historische Verlegenheiten: Wie Sex machen, ohne das Genießen an einer Ungleichheit auszurichten, die ich im Zusammenleben sonst inakzeptabel finde und deren ökonomischen Rationalisierungen („Es braucht Führende, um…“) das zoon politikon in mir den elementaren demokratischen Wert, das Egalitäre, entgegenhält? Wie durch Sex Lust empfinden, ohne dass deren obszöne Wahrheit die Richtigkeit meiner Überzeugungen kompromittiert?

Formulierungen wie „sex positive“ implizieren ja bereits ein trotzdem. Sex wünschen, Sex wollen, Sex machen, sich an Sex gütlich tun, obwohl ethisch und politisch so Vieles gegen den Sex spricht. Also lieber den Sex unterscheiden in einen schlechten und einen guten Sex, ihn als solchen einer moralischen Differenz beugen, als vom Sexismus in Asexualität oder Schulderotikspirale getrieben zu werden? Ein feministisches und queeres Unterfangen schreibt diese Differenzierung in die Zeitlichkeit eines Projektes ein, das Bersani „redemptive reinvention of sex“ nennt.[1] Rettung durch Neuerfindung.

Mit dem offenkundigen Problem: Was, wenn ich am neuen, guten Sex keine Lust habe?

Gilt es an den ethisch rechten Setzungen festzuhalten, auch wenn sie gegenwärtig bei einer Anzahl von Menschen Frustrationen verursachen, in der Hoffnung, über längere Zeit einen Umgewöhnungsprozess in Gang zu halten? Werden, wenn schon nicht die Mehrheit von uns gerade, so doch kommende Generationen, die in eine gefestigte queere Soziosphäre und deren Werteordnung hineinwachsen, auch die zu diesen Werten passenden Lüste ausbilden? Werden sie unter Gleichen begehren und der Gleichheit im Begehren Respekt erweisen ähnlich selbstverständlich, wie sie in den Dropdown-Menüs der Netzwerke nuancierte Gender-Optionen klicken: einfach weil dieses Gleiche infrastrukturell vorliegt, ausgebreitet, offensichtlich, von der Multitude somit beaufsichtigt, kritisiert, umstritten, nachverhandelt und nachgebessert? Werden die Vehemenz und der Aufwand dieses kollektiven Aushandelns, dieses Bestimmens von Sexualität vielleicht den Vollzug auf einen Nebenschauplatz drängen? Das Aufbegehren der schöpferischen Potenz im Sex selbst schwächen, so dass die Erlebnisse, die dann ein Sexleben ergeben, sich einverstandener damit zeigen, Anwendungsbeispiele zu sein? Geht es weg vom Akt, hin zu Beschäftigung als Wirklichkeitsformat des Sexuellen?

***

Bislang offeriert die Theorie entweder einen Zweckoptimismus der von nun an endlich wirksamer administrierten Vernunftgemäßheit von Sex//Liebe oder den zwecklosen Pessimismus Freud’scher und Lacan’scher Psychoanalyse, die zu Fragen einer Ethik der Lust den Kopf schüttelt und mit grimmigem Lächeln versichert, der Mensch sei so und so und der Abgrund zwischen dem einen so und dem andern habe noch jeden Entwurf eines guten Zusammenlebens verschluckt.

Bersani hält am ethischen Projekt von Queerness fest, um dem enthistorisierend reaktionären Zug des psychoanalytischen Diskurses zu widerstehen. Er interpretiert das Projekt aber anders: Statt Sex als guten neu zu erfinden (und darauf zu spekulieren, dass der alte, schlechte allmählich verkümmert oder gesetzliche Regelungen ihn für die Mehrheit zu sehr erschweren), herausfinden, was im schlechten Sex Formen hat, die für was anderes verwendbar wären. Das Schlimmste am schlechten Sex ist dafür am besten.

***

Wobei das Verwendete die Aufmerksamkeitsverteilung einer bestimmten Praktik, Haltung oder Lage sein kann.

Diese Schule der Lust kommt ohne Turnen aus, aber nicht ohne Beteiligung meines Körpers, und das schließt die Aufmerksamkeit (deren biochemische Verfassung Theorie trotz all des Kaffees, der Zigaretten und Süßigkeiten so oft vergisst) ein. Ob die Sex-Situation angelesen, angeschaut, angehört oder angetan ist, zählt für Bersani weniger, die Ausstreuung des Achtens in dem, was sich darin an Körperformen ermitteln, dafür umso mehr.

Der Zugang zur Form muss mein Erfahren in einem Draußen antreffen, wo Vergegenwärtigung keine subjektive Aneignung und kein sie bloß invertierendes Sich-Aussetzen meint, sondern eine spezifische Verteilung von Mit-x…-bei-y…-Sein (x… und y… stehen jeweils für Mehreres; sie nehmen Werte an, indem an ihren Stellen etwas einander stattgibt, folgt, ersetzt, in einem Zugleich verweilt, einander bekämpft, eins anderes niederkämpft, sich verbindet, hybridisiert, verwandelt…).

Sex heißt Reibungen und Prellungen für eine Zeit am Laufen halten. Die Gegenwart dieser Mehrzahl von Kontaktgeschehen erstreckt sich indes aus den Wanderungen des Bei-Seins: labyrinthische Zimmerfluchten, Palastgartenecken, Escher’sche Treppen, Verweilgruppen des bei.

***

„Du scheinst weit weg.“

„Du bist gar nicht bei mir.“

Solche Sätze bekomme ich manchmal zu hören beim Sex, und schon dass sie mich zurückholen ins Hören, zeigt mir, wie sehr sie wohl stimmen in dem, was sie mir mitteilen wollen.

Und, wogegen verstößt das?

#5.2

[1] Leo Bersani, Is the Rectum a Grave?, S. 22 (s. Anm. zu den Teilen 2 – 4).

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