Aggressiv schwach

In was für einer Gesellschaft leben wir, wenn die Schwachen aggressiver werden, ohne deshalb stärker zu werden? Wenn sie eine Sprache, Bilder, Gesten finden, die ihrer Schwäche den Status eines Gesetzes verleihen, ohne die Allgemeinheit dieses Gesetzes einer der Autoritäten anzutragen, die Gesetze durchsetzen: ein Terror des Machtfernen, eine soziale Gewalt ohne Verbindung zur Macht, so dass die ‚politischen‘ Initiativen, institutionell oder im Modus der anarchischen Bewegung, wie ein ablenkendes Theater wirken. Irgendwo stehen auch Kataloge von Forderungen. Wer die für voll nimmt, gar beherzigt, erlebt spätestens in dem Moment, da das Beherzigen in der Illusion einer Übereinkunft Mitmenschen adressiert – in diesem Mit Gefestigte, jetzt sozusagen einvernommen Schwache –, wie sofort jemand von den Gemeinten zur Seite rückt, den Platz des Nachbarn verlässt, Ärger und Ekel, bestenfalls hämischen Schalk im Gesicht, als sei es nicht bloß unverschämt, sondern auch unendlich dumm, durch etwas anderes als die richtige Aggression an ihrem Leben partizipieren zu wollen. Das oberste Kriterium der kommunikativen Kompetenz scheint, sich in den Bewegungsregeln eines Abwendens auszukennen, dessen Affekt-Sinn das Gegenteil von Indigniertheit ist: nicht der Aufschrei über die verletzte Würde, in dem der soziale Schmerz wie ein körperlicher klingt, weil die Missachtung eine angenommene, bis eben noch selbstverständlich vorausgesetzte Haut aus Anerkanntem durchsticht, sondern ein quasi nickendes Zucken, das längst Bekanntes bestätigt. So haben sie schon tausendmal gezuckt und werden nicht damit aufhören, auch nicht wegen einem wie dir.

Veröffentlicht unter sozio-ökonomie, Tagebuch meiner politischen Dummheit | Kommentar hinterlassen

2016

Irgendwie passend zu 2016, am letzten Tag des Jahres ein Didier Eribon-Moment. Meine Mutter telefoniert nebenan in der Küche mit meiner Tante. Ihre Stimme so laut, dass ich durch die geschlossene Tür mithöre. Es geht um Politik, und im übelsten Wutbürgerton, jammernd anklagend, klappert ihr Monolog Posten um Posten des Ressentiments ab: Schau dir an, was da in den Schulen heute für ein Scheiß läuft, mit dem Laptop sind die zugange, bevor die Kinder überhaupt Schreiben und Rechnen können, kein Wunder, dass die Lehrlinge alle untauglich zur Ausbildung sind. Assad und Erdogan hätten sie erschießen sollen, dann wär das alles nicht passiert. Lokaljournalisten sind Dreckskerle, die es  darauf anlegen, jemanden, der der Stadt finanziell helfen will, als Rassisten bloßzustellen. So viele Pädophile, wie es heute gibt…! Die da oben betrügen uns (Renter) seit der Einführung des Euros. Bei Merkel zählt doch das Volk auch nicht mehr. Macht ist überhaupt das Schlimmste – mit dem Zusatz: „Ich würd allerdings ehrlich gesagt deren Job auch nicht machen wollen…“, was die nächste Tirade von Ausfällen gegen die Vollidioten, die uns regieren, nicht aufhält.

Ich krümme mich (und dieser Text ist vor allem der Versuch, den Peinlichkeitskrampf wieder aus den Gliedern zu kriegen). Wie willst du denn aber etwas zu Politik sagen, wenn du nicht einmal das aushältst? frage ich mich. Es leben in diesem Land und auf der Erde vermutlich weit mehr Menschen, die wie sie denken, als dir Urteils- und Empfindungsnahe. Menschen, die nach deinem Verständnis überhaupt nicht denken, sondern auf einen rhetorisch vorgefertigten Sinnkomplex direkt mit einem Affekt anspringen – einer Emotion, die so sein kann, wie sie ist, weil sie keine andere Bestimmung hat als die, sich zu äußern: die Affektivität staatsbürgerlicher Subjekte, die daran gewöhnt sind, vom politischen Handeln abgeschnitten zu sein, die nicht handlungsvorbereitend, handlungsbegleitend, handlungserinnernd empfinden, sondern Gefühle haben anstelle des Handelns: Efferenzen, die ins Leere zischen: Resonanz-Gefühle.

Meine Mutter ist ein extrem lieber Mensch. Der Hass, der da aus ihr herausspritzt, erschreckt mich umso mehr, als ich sie nur ohne Strenge kenne. Dass sie es geschafft hat, innerhalb ihres kleinbürgerlichen Umfeldes (und ohne ihm je zu entfliehen) mich zu dem werden zu lassen, was schon während meiner letzten Teenagerjahre im elterlichen Haus sich dem ihr Fassbaren entzog, nötigt mir heute Bewunderung ab. Die Mütter und Väter meiner Schulfreunde erzogen genauso mies wie die Ansichten, die sie politisch vertraten – ängstlich-aggressiv, voll Vorbehalt, die Hände und Gesichter hart von Bremsreflexen gegen jeden Schwung, der nur wenige Zentimeter aus den ihnen bekannten Bahnen auszuscheren drohte; oder sie erzogen gar nicht, weigerten sich, eine Elternrolle zu spielen. Vielleicht, dass die Liebe (zu einem 25 Jahre älteren Mann) meine Mutter das entscheidende Stück aus der Spur drückte. Gnädige, das Gesetz durch eine Lücke ziehende Ödipalität.

Das mag ihr die Aggression des Spießers erspart haben, der in erster Linie aus dem Motiv tätig wird, den Keim anderen Glücks zu ersticken. Aber nicht die untätige Aggression der Regierten. Wären die Regierenden Familienmitglieder, Verwandte, Nachbarn, sie gönnte ihnen die Freiheit ihrer schlechten Entscheidungen. Das Besserwisserische ihrer Weltbemutterung wollte dann helfen, nähme in Form von Ratschlägen, wie inkompetent und beschränkten Horizontes auch immer, Verantwortung wahr. Konkrete Sorge vergäße den Hass einfach; wie bei Brechts Mutter setzte bei ihr sofort ein routinierter Sinn für das Praktische ein, und die negativen Konsequenzen, unter denen Mitmenschen im Schatten ihrer Teilnahme eventuell zu leiden hätten, wären einer menschlich-unvollkommenen, notwendig kurzsichtigen, mit Irrtümern durchsponnenen Praxis geschuldet. Damit könnte man leben (was auch sonst). So jedoch, ohne jede Übung darin, etwas mit der Wut über all das Falsche zu machen, ohne Nächsten und ohne Übernächsten in Beziehung zu dem, was Informationen ihr in Sachen Politik übermitteln, ist ressentimentales Geschwätz eine selbstgenügsame Beschäftigung. Eine Realität der zupackenden Fürsorge und eine des nölenden Zorns existieren nebeneinander, separiert, wie zwei alternative Betriebsmodi. Zorn übernimmt, wo die Fürsorge kein Objekt zu fassen bekommt. Unterschiedlos Anstoß nehmender Zorn scheint der Preis für ein Verhältnis zur Welt, das außer dem Fürsorglichen keine Richtigkeit des Praktischen kennt.

Die Scham beim Mitanhören packt mich, weil ich Etliches von dem, was meine Mutter da für schlimm hält, auch für schlimm halte. Und ich weiß mit der Frustration angesichts dieses festgezurrten, in seine Infrastrukturen verfilzten Schlimmen nichts Besseres anzufangen. Außer Denken. Gerade dieses Denken trennt uns – und trennt mich von Millionen, die sich ohne denkenden Aufschub ihren Affektäußerungen hingeben und darüber ressentimentale Bande knüpfen wie sie. Es trennt mich sogar von dem an mir selbst, das ihr gleicht.

Was wir gemeinsam haben könnten, Denken hin oder her, wären Formen, unsere Aggression in etwas anderes als Geschwätz zu investieren. Beschäftigungen, die nach und nach Übergänge von bloß expressiver bürgerlicher Erregung zu kollektiver Handgreiflichkeit bahnen – bei denen die Affekte von der Zunge in die Hände wandern. Es wäre schön, jetzt zusammen ein kleines, handliches Stück schlechte Welt kaputt zu machen, denke ich mir, während draußen, hinter Sicherheitsrollos, Silvesterböller krachen. Kein laues Ritual, das die körperliche Gewalt übers Symbolische ableitet. Nichts Kathartisches, das als soziale Verrichtung funktioniert wie ein Film oder früher Drama auf der Bühne. Sondern selber wirklich richtig zerstören. Ein technisch versiertes, by doing gelerntes und by doing weiter verfeinertes Zusammenwirken dabei, von mehreren Seiten her gezielt destruktiv zu agieren. Die Antwort einer Gesellschaft des 21. Jahrhunderts auf eine Frage, die mit der Durchsetzung des Nationalstaates und seines Gewaltmonopols übergangen wurde und seither ohne Anerkennung, ohne Anrecht auf Mitsprache im politischen Diskurs in der Luft hängt: Was ersetzt die Rache?

Repräsentative Demokratie eingelassen in einen Nationalstaat ist der Versuch eines modernen Autoritären, dessen Fluchtpunkt der Faschismus bleibt, sich selbst in Schach zu halten. Einige Ereignisse 2016 haben gezeigt, wie schnell das scheitert. In einer segmentären Gesellschaft war Rache die ins Negative gewendete Fürsorge, die gewaltsame Konsequenz aus der Verantwortung für die Familie. Im Ressentiment nimmt ein kläglicher Rest dieser Konsequenz – nun, nachdem legitime Vergeltung allein dem Souverän zusteht, nackte Anmaßung – nahezu universale Ausdehnung an: Je machtärmer, desto umfassender verübe ich Negation an einer Realität, die kränkt, ohne mich zumeist auch nur persönlich zu meinen. Zerstören darf ich allenfalls im Anschein des Produktiven oder zur ordnenden Pflege, Unkraut ausrotten für den hübsch grünenden und blühenden Garten (meine Mutter betreibt leidenschaftlich Gartenarbeit). Während die aufbauenden, produktive Tätigkeiten aufteilenden und zusammensetzenden Formen selbstorganisierter Kollektivität durch Jahrhunderte Reichs- und Staatsbürgertum nie ganz außer Übung gerieten, da sie sich in Abwesenheit einer zivil-politischen Sphäre am Fürsorgeprinzip der Familie orientieren konnten, erging es dem Destruktiven schlecht. Sublimierung verlief im Politischen so viel blöder und eintöniger als im Erotischen – zivile Negativität wäre gut damit beraten, von der Perversion zu lernen, nicht zuletzt von ihrer Findigkeit im Mediengebrauch.

Es ist kurz vor Mitternacht. Mein guter (schlechter) Vorsatz für 2017 lautet: etwas darüber herausfinden, wie man richtig zusammen zerstört. Beim Zerstören.

Veröffentlicht unter demokratien, Partizipation, Tagebuch meiner politischen Dummheit | Verschlagwortet mit , , , , | Kommentar hinterlassen

Was gegen so viele andere spricht

Castro: kaum erschütterbares Vertrauen, dass jemand mit Stil kein wirklich schlechter Politiker sein kann. Niederträchtig, bösartig, egomanisch, ja; aber nicht schlecht.

Veröffentlicht unter Tagebuch meiner politischen Dummheit | Verschlagwortet mit | Kommentar hinterlassen

Emancipate Reacting! (a note on the present political stupidity)

Reality’s role in representational politics is uncertain anyway. And the less appreciation a political system has for that which is being articulated through reactions, the more likely the real will crumble into a stupid, annoying interruption of a governmental proceduralism, which today seems advised by a mix of Machiavelli (‘We must give the people a good show, so they believe they have wise and just rulers who care about them’) and McKinsey (‘We must make the people work for the show, so they will more likely believe what it shows them’).

Officials shake their heads, in honest frustration or cynical satisfaction, when manifestations of “the people’s will” produce obstructive instead of constructive results. The only answer you get when you press the plebs for a reaction, it appears, is a stubborn No: to a building project in their city, or to EU membership, or to refugees. In referendums and elections, we see reacting take on a reactionary character.

This should hardly come as a surprise after people’s reactions in the name of ‘the people’ have been systematically denied to convey anything beyond a thumb up or down, in response to an imposed question, for the longest of time. Cornered, like a child whose parents shout “So do you want this?,” the electorate expresses an “I’d prefer not to,” either by not voting at all or by spitting into the face of the political establishment. And if, for once, the state truly reacts to a situation, as the German government did when it decided to open borders for the refugees who were stranded in East Europe under terrible conditions in 2015, right-wing populist parties are thriving because the citizens feel resentment about not having been asked whether they want the foreigners in or out.

The same resentment informs much many-to-many communication in social networks. Where people reinforce each other with their racist and sexist rants, until some threaten to kill politicians at public demonstrations or set fire to refugees homes celebrating this as a political act of resistance, we do not see a wild mob, which would be the other of the nation state’s proper people. Those people are ‘the people.’ In a sense, they behave like they do because they do not know how to be anything else than ‘the people’ although this collective identity has become abominable to them. They disidentify with the image of themselves reflected back to them by how the politicians behave (the image of sheep, mainly); but their way to articulate how they are not this image remains identifying people who are to be excluded from ‘the people,’ like Muslims, People of Color, non-heterosexuals, feminists, intellectuals, etc.

While a left “small-a anarchism” (Graeber) has been able to embrace the loose, occasional collectivity of online communication for the reason that the Internet seemed to prefigure a non-statist, non-hierarchic and less institutionalized civil sphere, experiencing the same freedom without any practical knowledge of what to be but ‘the people’ catalyzes auto-aggression—because why are you still a member of this tame, sheepish collective politicians are callously referring to as ‘the people,’ if every trolling tweet or Facebook post resonating with likeminded makes you feel wolf pack power? And the historically established, all too well-rehearsed movement for breaking out of that auto-aggressive circle is that of the pogrom.

hx

As dumb as such reactions appear, we should bear in mind that the dumbness of ‘the people’ is not the result of individual intellects added up (the procedure of counting votes must not fool us into assuming one can summarize people or what they are thinking). This dumbness is the very product of an economic-social-political apparatus that disavows the inherent richness of reacting, narrowing down the feedback of the governed to an alternative of acceptance or rejection, Yes or No, A or B, wherever possible—and attributing everything better to the (fiction of the) creative act.

There is an almost absurdly wide gap between the image of creating a different, a better world, which has been planted in our minds binding our appetite for change to the desire for a new, clean beginning, and the reality of reactions, cut off from the power to do anything but confirm or obstruct.

Politically, there is no need for more creativity (or a more thoroughly creative creativity that would envision the other, the impossible, the utopian future). Rather, we ought to make an emancipation of reacting our goal. If democracy is to mean more than ‘nation state cum regular elections, and perhaps the possibility of referendums’—if change shall emanate from the power of the Many, of people organized politically along the lines of their living together, we better invest some knowledge and commitment in breaking loose the multiple actuality of reactions from the stupefying dichotomy of confirmative-constructive and reactionary-obstructive.

[from an essay I am currently working on]

Veröffentlicht unter demokratien, english, Partizipation, politischebewegung, Tagebuch meiner politischen Dummheit | Verschlagwortet mit , , , | Kommentar hinterlassen

Draußen sein (Love how you can pee on anything) #7.3

#1   #2   #3   #4   #5.1   #5.2   #5.3   #5.4   #6   #7.1   #7.2

Das Glück der Hündchen: Sie sind wie pubertierende Jungs immer unter sich, wenn sie spielen oder jemand mit ihnen spielt. Es umgibt sie ein Geruch nach Dingen, die man nur in Zimmern tut, wo kein anderer ohne vorheriges Anklopfen eintritt. Weshalb sie aller Welt arglos, vorsichtslos (stets zu stolz für Angst) ihr Gesicht dabei zeigen. Screenshots allowed.

Ihre Tollerei gleicht ihrer Langeweile. Beides rollt die wie aus nichts als Extremitäten bestehenden Leiber durch einen Tag, dessen Zeit das misst, was man mit ihnen gerade verpasst.

Sie wissen nichts mit sich anzufangen.

Eine Grammatik ihrer Bewegungen kennt Verben eigentlich unflektiert, oder genauer gesagt ist die Endung ein Nuscheln oder Verschlucken, so dass ein Adressat, sollte wer die Position beanspruchen, sehr wahrscheinlich die gewünschte Konstruktion ableiten kann. Sie mogeln sich durchs Leben, fänden Menschen alter Schule. Sie wissen überhaupt was sie wissen vorzüglich im Hinblick darauf, wie man damit durchkommt. Authentisch erlebt man sie da, wo ihnen das Durchkommen egal ist. Oder wo sie es genießen, selbst ein bisschen ein Widerstand für das Durchkommen von jemandem zu sein. In einer unklaren Zartheit, mit dem membranhaften Lachen des noch nie richtig Gedehnten oder Verletzten.

Sie lernen Streichelbarkeit quasi im Schlaf. Tatsächlich scheint der Schlaf die Körperoberfläche zu pflegen wie einen weißen, immer leicht schweißnassen Rasen. Sie sehen aus, als ob sie wunderbar schliefen, auch wenn es nicht stimmt.

Während Erziehung zur Weltbedienung nach und nach exaktere Koordination von Hand und Auge verlangt, werden sie gelenkig von den Füßen, den Waden und Schenkeln, dem Becken, dem Bauch und der Brust, dem Po und Rücken her, einem Gliederensemble, das über Umwege (ein Kameradisplay) mit dem Auge von Fremden kooperiert. Ihre Somatische Praxis erarbeitet ein second-person knowledge:[1] sie wissen sich hinzuschieben, einem Blick so abtastbar zu machen, dass der Blickende sich vorstellen kann, ihren materiellen Körper ohne weiteres Dazutun zu seiner Lust zu verwenden. Wer es wie sie versteht, ein Bild von sich zu geben, das sagt: Hier, nimm! nimm dieses Bild!, lebt leibhaftig in den Phantasien Vieler zugleich. Bürgerlicher Ordnungs- und Verwaltungssinn, den Eltern, Schule, Gesellschaft ihnen vermitteln, betreut diese Vervielfältigung. Ihre Nachrichten enthalten Nachfragen: Wie war es mit meinem Bild? Hattest du Spaß damit? Jede kommunikative Äußerung erbittet ja Feedback, aber hier spitzt das ganze Interesse am Körperabnehmer sich auf den Punkt hin zu, an dem jener durch einen Korrekturvorschlag, eine Anregung zur Überarbeitung der Haltung eben die maßgebliche Vorliebe artikuliert. Was die an ihnen Erregten präferieren – das „etwas mehr so…!“ –, ist diesen Passiven wirklich körperlich Maß; und insofern gern mehr und mehr hinzukommen und Wünsche mitteilen dürfen (sie sehen es naiv-verschlagen auf Erfolg, auf Popularität ab), treffen im Wechsel der Posen, in den Übergängen zwischen ‚show toes‘, ‚show abs‘, ‚show armpits‘‚ ‚show bulge‘, ‚show hole‘… eine Vielzahl von Ermessen aufeinander. Sie sind die Entsprechenden.

Um das second-person knowledge nicht misszuverstehen, darauf achten, wie sich das Entsprechen von älteren Szenen der Zurschaustellung, bspw. dem Striptease unterscheidet. Dort dient die Bewegung, wie Barthes scharf (gelangweilt) beobachtet hat, bloß als Alibi für einen Zuschauenden, der gezwungen ist, aktiv zu projizieren, gerade weil die Situation seinem Begehren keine Chance einräumt, sich in Form eines Vorziehens zu artikulieren.[2] Die Dramaturgie des Ausziehens ist gesetzt, kultureller Standard (mit dem Mehrwert Sicherheit); alles andere muss der Betrachter heimlich, voyeuristisch für sich erledigen. Metaphern wie die von der katzengleichen Gewandtheit einer Nackttänzerin sagen verhüllend die Wahrheit, dass das Gleiten die Positionen, die es abklappert, verachtet. Souverän performter Striptease spottet über die erotische Fixierung auf den Körper in einer bestimmten Haltung. Das, was die Bewegung dem Tanz anhängt, paktiert mit dem Fetischismus als anonymer, maximal gesellschaftlich determinierter Form für die Wunscherfüllung. „So-o…nicht“, lautet die Botschaft des glatten Absolvierens einer Striptease-Choreographie, über ein Ostinato aus Hüftschwüngen gekichert. Das Glück der Hündchen hüpft dagegen in der Wörtlichkeit, mit der sie einem jeden Begehren antworten, sorgsam separat wie bei einer Q&A-Session. In Kiss von Tino Sehgal nehmen eine Frau und ein Mann nacheinander in rascher Folge Haltungen des Sichumarmens und Küssens ein, die auf Skulpturen und Gemälde, auf die reiche und gewichtige Kunstgeschichte der Liebensform verweisen. Vergiss das Paar, und die Hündchen zeigen dir, was in der Gegenwart geht.

[1] Thomas Hannah bestimmt Somatische Praktiken dadurch, dass sie im Unterschied zum „third-person knowledge“ der Naturwissenschaften ein „first-person knowledge“ des Körpers gewinnen (s. Thomas Hanna, What is Somatics?, in: Somatics, 5[4], 1986, S. 4-9).

[2] „Entgegen dem geläufigen Vorurteil ist der Tanz, der den Striptease die ganze Zeit über begleitet, keineswegs ein erotischer Faktor. Wahrscheinlich ist er genau das Gegenteil: Das schwach rhythmisierte Wiegen beschwört hier die Angst vor der Unbeweglichkeit; nicht nur verbürgt er dem Schauspiel seinen Charakter als Kunst (Varietétänze sind stets ‚künstlerisch‘), sondern vor allem bildet er die letzte, wirksamste Abschließung: Der Tanz aus rituellen, tausendmal gesehenen Gesten wirkt wie eine kosmetische Hülle aus Bewegungen, er verbirgt die Nacktheit, verbirgt das Schauspiel unter einer Lasur unnützer und trotzdem wichtiger Gebärden, denn die Entkleidung wird hier auf die Stufe parasitärer Operationen herabgesetzt, die in unglaublicher Ferne ausgeführt werden. So sieht man, wie sich die professionellen Stripteasetänzerinnen in eine wunderbare Leichtigkeit hüllen, die sie unaufhörlich bekleidet, sie entrückt, ihnen die eisige Gleichgültigkeit raffinierter Praktikerinnen verleiht, die sich hochmütig in die Sicherheit ihrer Technik zurückziehen: Ihr Wissen kleidet sie wie ein Gewand.“ Roland Barthes, Striptease, in: Mythen des Alltags, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2010, S. 191-195, hier S. 193.

Veröffentlicht unter fucking as form, Geliebte_r, Synchronisierung, Zeit? | Verschlagwortet mit , , , | 1 Kommentar

Draußen sein (Love how you can pee on anything) #7.2

#1   #2   #3   #4   #5.1   #5.2   #5.3   #5.4   #6   #7.1

Der Aktive hat den Orgasmus bitter nötig. Denn allein im Orgasmus erfährt er die Gnade, den versöhnenden Tod, der ihm schließlich körperlich-sozial Zusammensinken gestattet. Er ist rechtschaffen erschöpft. Mit dem empfindsamen Witz einer hysterisch-patriarchalen Kultur hat die griechische Mythologie diesen Zustand sofort als verhängnisvolle Schwäche identifiziert: der mächtigste Gott pennt nach dem Kommen.

Die Unverschämtheit des Passiven besteht darin, die Gelassenheit, die der Aktive nur als Versprechen kennt, als utopische Erlöstheit, welche heftigste Anspannung in die Zeit des Arbeitens am Orgasmus gleichsam hinreinreißen muss, halt so währenddessen im Daliegen und Es-besorgt-Kriegen zu finden. Der Aktive arbeitet. Der Passive lässt sich bearbeiten, lässt sich auch wohl zur Kooperation herbei, sofern man ihn ein bisschen zwingt. Der Aktive blättert im Katalog von Stellungen und Techniken, wissend unwirsch, wie ein Handwerker, der auf eine Komplikation stößt, seinen Werkzeugkasten durchwühlt. Die Positionierungen der Körper, die Bewegungen, die Aufmerksamkeitsfokussierungen sind ihm allesamt Mittel zur Lösung des Problems Transgression. Der Passive hingegen nimmt im Sex die Beschäftigung wahr. Sein Begehren (der Anteil des Begehrens, dem seine Passivität Form gibt) geht darauf, sich körperlich in der Zeit der Beschäftigung zu erstrecken. Was immer seine sexuelle Identität sein mag – seine performative Identität im Sexleben ist die eines Haustiers.

#7.3

Veröffentlicht unter fucking as form, Partizipation, Synchronisierung, Zeit? | Verschlagwortet mit , , | 2 Kommentare

Draußen sein (Love how you can pee on anything) #7.1

#1   #2   #3   #4   #5.1   #5.2   #5.3   #5.4   #6

Ob hetero, homo, bi oder pansexual… Dort, wo das Liberale Ernst macht mit seinem spielerischen Zugang zur Realität, kann ich heute im Zuge irgendeiner sexuellen Präferenz aus Haltungen einnehmen, die der schwule terminus technicus „passiv“ vielleicht präziser erfasst, als wir einem solchen Wort zubilligen möchten. Warum schließlich diese Spracharbeit, dieses Aufblättern von Differenzen, wenn der Trumpf einer jeden Karte beim Ausspielen im Gewinn eines Nicht-…-tun-Müssens besteht?

Seine Präzision erlangt das „passiv“ aber gerade darin, dass das Wort hier nicht eine Seite des Dualismus aktiv/passiv markiert, eine von zwei Körperfüllungen für Handlungsfiguren, die wie Kugelhälften zusammengesteckt ein Ganzes ergeben, sondern die Möglichkeit einer Lösung vom Aktiven. Passiv, das heißt eine Runde Aussetzen im Drama des Zu-sich-Kommens, Sich-Verfehlens und Sich-Überschreitens. Befreiung von Mitarbeit, ohne das Kooperative ganz aufzugeben. Absinken, Ablegen meines Körpers auf das Level von Beschäftigung.

„Gibt’s hier keine Aktiven mehr?“ steht, halb ironisch, halb verzweifelt, in der Kopfzeile eines Profils auf einer schwulen Dating-Plattform (weiter unten im Haupttext die Hoffnung auf Machos, Prolls, Türken, Araber, Schwarze). Nein, knistert eine Stimme aus dem Inneren des schweigenden Konsenses – der Sopran eines sozialpsychologischen Whistleblowers, dessen dünnes Fisteln die Frequenzsperre des Identitätszensors durchdringt. Sind alle weg. Und was nun?

***

Beschäftigen wir uns. Mit Sex. Wie Tierhalter von ihren Tieren sagen, sie müssten beschäftigt werden. Nehmen wir die Hundeschlappohren und ‑schlabberzungen aus den Snapchat-Videos mit in die Welt hinterm Display.

Übung: täglich eine Viertelstunde nichts als niedlich sein. Egal, was passiert.

#7.2

Veröffentlicht unter fucking as form, Partizipation | Verschlagwortet mit , | 3 Kommentare