From Audience Aggression to Participatory Destruction in 3 Easy Steps

»I am offering myself for any kind of punishment that does not leave permanent marks or lead to injuries requiring medical treatment. Please, don’t restrain yourself. Be violent! And if possible, be collectively intelligent in your being-violent. Organize the pleasure you take in treating me violently in ways, and in collective forms, that show me you are a smart and politically-minded audience, and not a bunch of idiots.«

Lecture performance, presented at the conference “Public Emotions. Affective Collectivity in Audiences”, at FU Berlin, May 4, 2018

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Alltag als Partner: Das relativ unverbindliche Theater von Takuya Murakawa

Aufsatz, erschienen in: Paragrana Bd. 26, Heft 2: „Kunst und Alltag“, hg. von Julius Heinicke, Joy Kristin Kalu und Matthias Warstat, Berlin: De Gruyter 2017, S. 179-198

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»Gibt es gegenwärtige Ästhetiken der Beschäftigung? Und gibt es eine ökonomisch-ästhetische Wirklichkeit der Beschäftigung jenseits (diesseits) des staatlichen Paternalismus? Everett Ghost Lines – entstanden mit Festival-Geldern in einem Land, dessen staatliche und kommunale Kulturförderung insgesamt weit hinter der reicher europäischer Länder zurückbleibt – taugt mit seinem zivilen Pragmatismus nicht zuletzt dazu, eine Außensicht auf Diskussionen zu vermitteln, die in Deutschland und Nachbarländern stark im Bann des Dualismus ‚Staatssubvention oder Privatkapital‘ geführt werden. Murakawas Briefe stellten keine Bezahlung in Aussicht, sie schlossen keinen Vertrag. Was infolgedessen geschah, hielt indes zum in der freien Szene verbreiteten Typ von Ausbeutung, der an die Stelle des abwesenden Vertrages eine mehr oder weniger sanfte, Freundschafts- und Bekanntschaftsaffekte nutzende Erpressung setzt, genauso Distanz wie zur institutionellen Anstellung.

Das Ineinandergreifen von Text und Performance bei Everett Ghost Lines gibt, wenn man darin den ökonomisch-ästhetischen Vorschlag zu einer Aufführungspraxis sieht, eine schwach persönliche Beschäftigung zu bedenken. Die Umwertung von Autorschaft in einem Scripting, das zugleich mit dem Vertrag auch die ökonomisch potenten persönlichen Bindungen kompensiert, ergibt eine Situation künstlerischen Produzierens, in der jemand sein Schreiben einsetzt, um sozialen Abstand und Anstand zu wahren: Schreiben und Als-Regisseur-das-Schreiben-Zeigen verschafft gerade so viel Unabhängigkeit, dass man es sich leisten kann, den Alltag zum Partner zu machen, ohne sein loses Nebeneinander in die Beziehungsfalle eines gemeinsamen Projektes zu locken.

Beschäftigung impliziert ästhetisch ein downscaling des Produktes – kein Pathos des Scheiterns und Fehlermachens, wie es seit Jahrzehnten obstinat aus Künstlermündern dröhnt, sondern die Bereitschaft, sich mit weniger als einem großen Wurf zufrieden zu geben, sofern dies die Partizipation derer, die die Arbeit realisieren, von staatlich administrierter Gewalt und privater Erpressung entlastet. Statt Werken, die Geschichte machen, bleiben vielleicht nur eine gute Idee und eine Anzahl Menschen, die so höflich behandelt wurden, dass sie ihre alltägliche Lässigkeit in die Kunst hinein mitnehmen durften. Das ist aber schon ein Schritt Richtung Zivilisation.«

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Kindergarten #2

Einmal ließ der Kindergärtner ein Männermode-Magazin im Kindergarten. Die Models waren alle um die Zwanzig. Er platzierte es absichtlich dort, um zu sehen, wie die Reaktion der Kinder ausfallen würde: Hatten sie Sinn für die ästhetische und erotische Wirklichkeit von Kleidung?

Die große Mehrzahl der Kinder in diesem Kindergarten schien ihm gut angezogen. Sehr gut sogar. Nach Kriterien sehr gut, von denen er sich fragte, durch welche Instanzen sie gegangen waren.

Die Wahl trafen ja vermutlich die Eltern und diejenigen, die ihnen Sachen für ihre Kleinen schenkten – Oma und Opa, Onkel und Tante, Geschwister, Leute aus dem Freundeskreis… Wobei, beteiligten die Männer sich beim Aussuchen von Kinderklamotten? Er beobachtete unterwegs immer mehr Männer, die offenbar wert auf modische oder zumindest irgendwie individuell schicke, coole, für sie vorteilhafte Kleidung legten. Von einem Freund wusste er, dass der seine Partnerin in der Boutique beriet. „Sie vertraut mir bei fast nichts so, wie wenn sie aus der Umkleidekabine stakst und ich den Daumen hebe oder senke.“ Der Freund hatte das mit einer Miene gesagt, die zugleich lachte, Stolz ausstrahlte und auf eine säuerliche Art, wie sie dem Kindergärtner da zum ersten Mal an ihm auffiel, wirklich ernsthaft beleidigt wirkte. Die beiden hatten keine Kinder. Der Kindergärtner wusste auch nicht genau, ob sie jetzt noch zusammen waren. Aber hätte dieser Mann mit dem ausgeprägten Geschmack Vorschläge gemacht, wenn es darum gegangen wäre, dem dreijährigen Sohn eine neue Hose zu kaufen? Hätte er von sich aus Mitsprache bei einem Mitbringsel zum Geburtstag seiner Nichte verlangt?

Und falls ja, hätte er Teile aus anderen Gründen für gut oder schlecht befunden als bei seinem eigenen Körper und beim Körper der Frau?

Gedankenspiele wie dieses beschäftigten den Kindergärtner eine Reihe von Tagen.

Morgens trat er beispielweise vor den Spiegel und prüfte, ob er das, was er übergezogen hatte, auch seinem Kind zumuten würde. Er besaß überraschend viel Niedliches, aber es war unfreiwillig niedlich. Ein weißes Hemd mit einem hellblauen Kragen mit runden Ecken. Ein Polo-Shirt von einer Marke, deren Logo – ein Vogel – so groß war, dass er die Brusttasche wie einen engen Käfig bewohnte (der Schnabel stand zudem offen, er sprach oder sang). Vier Paar den Jahreszeiten entsprechend bebilderte Socken. Und Mokassins.

Er zählte zu denen, die von Lebensgefährtinnen sowas bekamen. Nicht, dass die es böse meinten. Oder doch, aber nur weil der ehrliche Ausdruck ihrer Zuneigung einen Hauch Verachtung brauchte. Ich bin ein Weder-noch-Mann, dachte der Kindergärtner. Meiner Männlichkeit fehlt der Nacken für einen Anzug. Und ihr fehlen die Schenkel für dreckige Jeans. Saubere Jeans sahen an ihm aus, als habe jemand statt Wein Traubensaft bestellt. Er vertrug auch Wein schlecht und mochte Süßigkeiten.

Wie viele Weder-noch-Männer es geben mag? Womöglich sind wir in der Mehrzahl, dachte der Kindergärtner. Hatte das Weder-noch ein Pendant bei den Frauen? Davon, dass Frauen unter körperlichen Mängeln litten – unter der Vorstellung, zu breite Hüften, ein zu dicker Po, ein vorgewölbter Bauch, Haare an den Armen oder kurze Beine ließen sie Männern und andern Frauen mit Männerblick abstoßend erscheinen –, hörte und las er in letzter Zeit oft. Sogar Frauenzeitschriften, die davon lebten, Mittel zur Beseitigung der Mängel anzupreisen, machten mit Artikeln über den psychischen Druck von Schönheitsidealen auf. „Kranke Ideale“ konnte da rot quer überm Cover stehen.

Aber sortierte die konventionelle Vorstellung das Attraktive bei den Frauen zwischen Kleidungsstücken wie bei den Männern Anzug und Jeans? So dass Weder-noch-Frauen herauskommen konnten?

Aus einer Phase seines Lebens, als der Kindergärtner Kontaktanzeigen gelesen hatte, hielt er im Gedächtnis den Satz: „Du stehst mit beiden Beinen fest im Leben und siehst in Jeans so gut aus wie im Anzug.“

Seine Architektenphantasie assoziierte Jeans und Anzug jeweils mit einem Bein. Dieses Bild ergriff von verschiedenen Selbstzweifeln Besitz. Nachdem eine berufliche Zufallsbegegnung die Suche schon erübrigte und er glücklich an der Schwelle von Affäre und Beziehung lebte, blieb doch die Figur eines Mannes mit einem Jeans- und einem Anzugbein. Er las und er imaginierte es wieder und wieder. Es war geradezu ein bisschen zwanghaft.

Den Morgen mit der Analyse seiner Garderobe kam der Kindergärtner zur Arbeit zu spät. Zum ersten Mal überhaupt, Frau Ban und die Kinder blickten ihn misstrauisch an. Am folgenden Morgen beschloss er, sich in einem Ensemble in den Kindergarten zu trauen, das er für viel Geld bei einem Internet-Händler bestellt, dann jedoch nie getragen hatte. Die Skepsis in den Augen der andern ermutigte zur Flucht nach vorn.

Ein herrenloses Modemagazin hatte damals, vor rund einem Jahr, in der Bahn auf dem Sitz gelegen. Jede Legende enthielt Angaben zur Marke, zum Preis und teilweise zu den Shops, die das Abgebildete führten. Er verstand wohl, dass die Kombinatorik ganz erheblich zur Gesamtwirkung beitrug. Entfernte man ein einziges Element, die Socken oder ein ledernes Armband, kollabierte das Geschmacksmobile, und trotz der fast obszönen Schönheit des Models klaffte unter dem Gekonnt-Gewagten sofort das Groteske auf. Diese Nähe zur Hässlichkeit war an dem Anblick eigentlich atemberaubend.

Zuhause angelangt, hatte der Kindergärtner alles geordert. Er erinnerte die Freude bei der Ankunft des Paketes, die Minuten des Auspackens, während derer er leibhaftig glaubte, der Junge vom Foto zu sein. Wie ihn mittendrin die Kraft verließ. Wie er das halb aufgeknöpfte Hemd wieder schloss, es über einen Bügel hängte. Das Seidenpapier in den Pulli mit zurückfaltete. Den Schal auf andere, ungemusterte packte. Den Gürtel durch die Finger gleiten ließ und dann zwei Mal, drei Mal, ein Mal für jedes sündhaft teure, nutzlose Stück über die Schulter sich auf seinen blanken Rücken voller Altersflecken schlug.

Nun, noch älter geworden, zog er die beiden Flügel des Hemdes um seinen Bauch zusammen. Das ging knapp zu. Die Hose machte oben wegen der Bundfalten keine Probleme. Dass sie unterhalb der Knie um einen Finger schmaler lief, als normal gewesen wäre, sorgte für eine seltsame Form, und er merkte, wie die Angst ihn beschlich, holte aber tapfer den Pullover, die Jacke aus dem Schrank. Da das Outfit komplett war, verschwand er bis zu einem gewissen Grade darin.

Unterwegs genoss er das Übersehenwerden wie eine Serie kleiner Triumphe. Jacke und Schal abzulegen, das ahnte er, würde am schwierigsten werden. Ohne den Schutz durch das Vollständige, nur mit diesem indezenten Drunter unter die Kinder zu treten. Die Zeit bis zum ersten Kommentar auszuhalten. Verlegen zu brabbeln, falls keine der zurechtgelegten Antworten passte.

Hinter einem Gebüsch wartete er ab, bis die letzten Eltern davonfuhren.

Frau Ban trat vor die Tür, hob die Hand gegen die Sonne. Sie trug einen Overall, einen weich fallenden, kurzärmligen Einteiler, von dem er nicht hätte sagen können, ob Modebewusstsein, eigenwilliger Schönheitssinn oder Ahnungslosigkeit ihn ausgesucht hatten. Er stand ihr wahrscheinlich. Auf jeden Fall war er praktisch.

Der Kindergärtner fasste sich ein Herz.

Die Kollegin hängte an ihren Gruß etwas Lapidares über den Frühlingstag, ehe sie herzhaft gähnte und sich lachend entschuldigte. Drinnen drang ihm das übliche Lärmen und Toben entgegen. Im Vorraum stopfte noch wer Schuhe in ein Fach, und neben den Garderobenhaken hielten vier Mädchen wispernden Rat. Die Vier quittierten seine Ankunft mit einem achtlos freundlichen „Morgen!“.

Den ganzen Vormittag hindurch trat nichts ein, was er erhofft oder befürchtet hatte. Der Kindergärtner entdeckte an den Kindern weder positives noch negatives Befremden. Es gab einen Zwischenfall am Karussellobjekt, wo einer von den Dreijährigen sich trotz Warnungen der älteren verletzt hatte. In dem Kindergarten nichts Ungewöhnliches, denn die Spielgeräte hatten raue Flächen, spitze Ecken und scharfe Kanten. Statt ihn zu trösten oder zu verhöhnen, erklärten ihm die anderen, wie er richtig aufsprang, so dass ihn auch bei voller Fahrt nichts erwischte. Die Neugier siegte schnell über den Schmerz – als Frau Ban mit dem Verbandskoffer eintraf, sauste er schon johlend im Kreis, und wie es ihre Art war, wartete sie geduldig, bis sein aufgeschlagenes Knie vor ihr austrudelte.

„Du hast eine zerrissene Jeans“, sagte der Kindergärtner, während sie Tinktur drauftupfte und die Wunde verpflasterte. „Eine Destroyed-Jeans…“

„Das war schon so!“ antwortete der Junge wie aus der Pistole geschossen. In seiner Stimme lag der halb empörte, halb panische Nachdruck, mit dem man sich als jemand, der auch manchmal lügt, gegen ungerechtfertigte Vorwürfe wehrt.

Nachmittags zupfte es hinten am Hemd. Der Kindergärtner schnellte herum, aber falscher Alarm – ein Kind wollte nur eine Zeichnung begutachtet haben.

„Soll ich das sein?“

Das Kind schüttelte den Kopf.

„Wer dann?“

Es zuckte die Schultern.

„Jemand, den du dir ausgedacht hast?“

Es überlegte.

„Ich frage nur, weil ich wissen möchte, ob dein Bild jemandem ähnlich sehen soll. Ich soll ja sagen, ob es gut geworden ist, oder? Soll es jemandem ähnlich sehen?“

Das Kind schüttelte wieder den Kopf.

Der Rest des Nachmittags verging, und der Kindergärtner schob schließlich das Modemagazin, das er ursprünglich als Nachweis mitgebracht hatte, unter einen Stapel Mal- und Bastelbücher.

„Steht Ihnen, dieser Overall“, verabschiedete er sich von Frau Ban.

Und stand daheim erneut vor dem Spiegel. Zog langsam Jacke und Schal aus.

Ich bin noch der Gleiche, schien der Spiegel zu sagen. Und du?

Der nächste Tag, ein Mittwoch, brachte ebenso wenig Fortschritt. Das Magazin lag, wo es deponiert worden war. Der Kindergärtner steckte es weiter nach oben, dann noch weiter, zweitoberst und so, dass ein Drittel seitlich hervorragte. Sie hätte gern Fell, entgegnete die ehemalige Affäre oder Beziehung des Kindergärtners bei einem Essen, zu dem er sie abends spontan einlud. Das leuchtete ihm ein. Ihr Auftreten draußen war immer tadellos. Zuhause kannte er sie dagegen ausschließlich in Schlabbersachen, und es geschah gar nicht selten, dass sie T-Shirts, Pullis, ja selbst Unterhosen falschrum trug, ohne es mitzukriegen. War das Hintere hinten, stand wahrscheinlich das Schild raus. Dann überkam ihn eine Welle aus Liebe und melancholischer Rührung, wie man sie für gefährdete Tierarten empfindet.

Am Freitag riefen sie ihn laut im Chor, und als er angewetzt kam, zappelte da ein Hampelmann an der Wand.

Beine breit, Beine zusammen, Beine breit, Beine zusammen, machte der Hampelmann.

Ein Bein steckte in der ockergelben, unten schmal zulaufenden Bundfaltenhose, die der Kindergärtner heute durch eine seiner üblichen Cordbeulen ersetzt hatte. Das andere Bein steckte sein nacktes Knie aus einer kunstvoll aufgerissenen Destroyed-Jeans.

Beine breit, Beine zusammen, Beine breit, Beine zusammen. Frau Ban ließ Kinder abwechselnd ziehen.

„Wer…“

Der Kindergärtner merkte zu spät, dass er deutlich zu laut war. Fast brüllte. Die Kinder guckten verdutzt.

„Habt ihr den gebastelt?“ setzte er neu an.

„Nein“, erwiderte Frau Ban. „Der ist von mir.“

Den Kindergärtner überlief es heiß und kalt. Er hatte mit Demütigungen gerechnet, natürlich. Nur nicht so direkt.

„Ich hoffe, es war okay, dass wir das Heft zum Basteln verwenden?“ fragte sie mit Unschuldsmiene. „Ich kopiere sonst immer die Vorlage aus dem gelben Buch, wenn wir Hampelmann basteln, aber dann haben am Ende zwanzig Kinder den gleichen Hampelmann, und man würde denken, das sei ihnen egal, aber sie wollen doch gern unterschiedliche, und nur anders ausmalen reicht ihnen eigentlich nicht. Unsere Lust an Unterschieden…haben sie schon verinnerlicht, wie es scheint.“

Sie drehte sich um. Der Kindergärtner sah erst jetzt, dass die meisten Kinder ringsum auf dem Boden hockten, konzentriert in sich verkrümmt, jeweils eine Magazinseite im Schoß, und mit den bunten stumpfen Kinderscheren langsam Konturen nachfuhren. Wie sich herausstellte, hatte Frau Ban ihnen den Ratschlag gegeben, den Mann aus dem Foto ganz auszuschneiden, darauf einen zweiten und erst dann bei beiden den entscheidenden Schnitt durch die Mitte zu machen.

„Je nach Haltung und Kleidung ist die gute Mitte fürs Hampeln ein bisschen woanders“, sagte sie laut in den Raum, deutete dem Mädchen, das ihr seine Exemplare zeigte, mit dem Fingernagel an, was sie für die Ideallinie hielt, und schenkte nebenher dem Kindergärtner ein Lächeln.

Vor dem Zusperren abends spazierten sie zu zweit an der langen, verblüffend gleichmäßig gehängten Reihe Hampelmänner entlang.

Zwei Staatschefs, eine Gastgeberin und ihr Gast, die eine Parade abnehmen, dachte der Kindergärtner. Er wollte scherzhaft salutieren, doch Frau Ban winkte ab.

„Erst dachte ich, die Botschaft mit dem Heft sei an mich gerichtet. Ich bekomme sehr wechselnde Reaktionen auf mein Aussehen und meine Art, mich zu kleiden. OK, will er mir also sagen, ich soll auch mal einen Blick in eine Modezeitschrift werfen? Aber Mai und Risa, die das Magazin gefunden hatten, stritten über die Preise. Mai meinte, das sei viel zu teuer. Risa verteidigte das Teure mit dem Argument, wenn es zu wenig koste, müssten woanders auf der Welt Menschen sterben. Mai wollte wissen, wo denn und woran denn. Um zu überspielen, dass sie das selbst nicht so genau durchschaute, fragte Risa Mai, was sie glaube, wie viele Menschen für das Kleid, das sie trage, gestorben seien. Mai fing an zu weinen. Risa setzte nach und sagte, viele Farben seien außerdem giftig und das Grün von Mais Kleid habe bestimmt jemandem die Haut von den Fingern gefressen. Da rastete Mai aus, beschimpfte Risa als Lügnerin, packte das Heft und fing an, auf sie einzuschlagen, so dass sie auch heulte. Alles direkt neben mir – im Nu rannten andere zu ihnen, großer Tumult…“

Frau Ban gestattete sich selten, erschöpft auszusehen. Wenn doch, war es immer, als weiche sämtliche Glätte aus ihrem Gesicht. Der Kindergärtner nickte schnell, zum Zeichen, dass sie das mit dem Tumult nicht ausführen müsse.

„Als die Meute sich halbwegs wieder beruhigt hatte, mitten in die mühsam erarbeitete Stille, fragte wer, wozu das Heft denn sei.“

Sie hob den Kopf. Er zog die Hose hoch.

„Und in dieser Situation, hart am Abgrund, um jede echte Erklärung verlegen – kurz davor, selber loszuflennen, ehrlich gesagt – hatte ich glücklicherweise den Einfall mit dem Hampelmannbasteln.“

Auf dem Heimweg in der Bahn fragte der Kindergärtner einen vielleicht sieben- oder achtjährigen Jungen, der auf dem Knie der Mutter saß, nachdem er auf deren Flüstern hin seinen Sitzplatz freigemacht hatte:

„Meinst du, ich soll versuchen, mit meiner Ex-Freundin wieder zusammenzukommen? Ich war damals unentschlossen. Sie hat Schluss gemacht. Zuletzt ging mir auf, wie sehr ich gewisse Eigenschaften von ihr vermisse.“

Der Junge brauchte einen Augenblick, um zu begreifen, dass er gemeint war.

„Glaubst du, es gibt so etwas wie einen Stil für mich? Ein Kriterium für das, was passt – und nicht nur Kriterien für das Unpassende?“

Der Junge legte den Kopf schief. Seine dicken, schon die ganze Zeit offenstehenden Lippen formten an etwas.

„Was meinst du, wäre es nicht aufregender, wenn ich meine Hässlichkeit offensiver zur Schau stellte? Statt sie zu verstecken, wie ich es bislang quasi automatisch getan habe – sollte ich nicht die Augen der Welt zwingen, sie zu bemerken, im Vorübergehen lüstern hinzuschielen, sich abends im Bett daran zu erinnern wie an eine dicht behaarte Brust in einem Hemd, das bis zum Bauchnabel aufklafft?“

„Sind das Fragen, die man einem Kind stellt?“ kam die Mutter ihrem Sohn zuvor.

„Das mache ich so“, sagte der Kindergärtner. „Fragen, mit denen es mir zu eng wird, weil ein Unerwachsener mit mir im selben Körper steckt, auf Kinder abwälzen. Darin bin ich ziemlich eloquent.“

„Finde ich nicht ruhmreich“, sagte die Mutter.

„Nein“, sagte der Kindergärtner.

„Klingt, als ob Sie mal wieder gefickt werden müssen“, sagte die Mutter.

Der Kindergärtner zuckte, er hob reflexhaft die Hand, wie um sie auf einen Mund oder Augen zu drücken – sah nach dem Kleinen. Der aber hatte längst an der Unterhaltung das Interesse verloren. Er spielte mit dem Reißverschluss seines Anoraks. Nach dem zu urteilen, was er murmelte, war der Schieber eine Art Fabrikherr, der die Zacken mal anpeitschte, mal zärtlich dazu überredete, schneller zu arbeiten.

Kindergarten #1 <—

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Kindergarten #1

„Heute externalisieren wir unsere Unsicherheit“, sagte der Kindergärtner.

Er war früher Architekt gewesen und hatte den Kindergarten entworfen. Nachdem das Gebäude stand und die erste Generation von Kindern es mit Rennen und Gebrüll erfüllte, tat es ihm leid, dass er kein eigenes Kind hatte. Seiner Firma mangelte es nicht an Aufträgen, doch er überließ das Ausdenken und Planen und die Aufsicht über die Projekte dem Team, das ihn bisher unterstützt hatte, und begann in dem Kindergarten zu arbeiten. So konnte er verfolgen, wie es den Ideen, die in den Formen, den Materialien und Farben steckten, hier täglich erging. Und er lernte Kinder kennen.

Er nahm einen Klotz aus einer Reihe von zehn oder zwölf, die wie ein umgestürzter Turm auf dem Boden lagen.

„Dieser gelbe Klotz ist die Möglichkeit, dass mich niemand liebt. Was mache ich mit ihm?“

Fingerheben war verpönt. Mehrere Kinder redeten durcheinander. Der Kindergärtner hörte „Aus dem Fenster werfen“ (mit dem Kommentar des Nachbarn „Dann isser im Garten“), „Im Klo runterspülen“, „Frau Ban in die Tasche schmuggeln“ und „Solange drauftrampeln, bis es so weh tut, dass du das mit der Liebe vergisst“. Und er hörte, leicht verzögert: „Aber der liebe Gott liebt dich!“

Er ging zur Wand, an der Kisten voller Kreiden und Stifte hingen, nahm einen dicken schwarzen Filzer und malte auf eine Fläche des Klotzes ein X.

„Das hier ist die Möglichkeit, dass Gott nicht existiert oder dass auch er mich nicht wirklich liebt, falls er es doch tut. Dass er ein Politiker ist, der nur so tut, als ob ihn mein Leben kümmert.“

Daraufhin trat Stille ein.

Einige der Kinder hielten die Hand auf zum Zeichen, dass sie sich die Sache näher ansehen wollten. Der Kindergärtner überließ einem Mädchen das gelbe Objekt mit dem X, und um sie herum bildete sich eine Arbeitsgruppe, während die anderen zu Spielen zurückkehrten oder noch eine Weile warteten, ob man schnell eine Lösung fand, und dann, da es nicht danach aussah, ihren Leuten in die Zerstreuung folgten.

Der halbe Tag verging, ohne dass der Kindergärtner vom Resultat der Beratung erfuhr. Er hatte den Klotz fast vergessen. Seine Unsicherheit sprang wieder dort herum, wo er sie sonst für gewöhnlich bemerkte: an den Fingerspitzen (ihm rutschten Dinge herunter oder er schubste sie um, weil der Körper von zwei möglichen Bewegungen kurz hintereinander beide wählte); auf der Haut (rote Flecken – oder helle Flecken auf gerötetem Grund); und in der Blase, wo eine Ameisenkolonie zu nisten und über alle erdenklichen Kleinigkeiten zu streiten schien (er rannte mehrmals zum Pinkeln, ohne bis auf ein paar Tröpfchen was rauszudrücken).

Als schon Eltern ihre Wagen am offenen Ende des Hofes parkten, winkten drei Mitglieder der Arbeitsgruppe den Kindergärtner in eine ruhige, von der Nachmittagssonne verlassene, den Spielenden offenbar längst zu düstere Zone. Die Halle hatte weder Ecken noch Zwischenwände. Sie lief beinah im Kreis um den Garten. Für den Architekten hatte es damals, vor der Einweihung, Preise gehagelt. Einmal pro Monat kamen Architekturstudenten zu Gast, fotografierten, stellten Fragen, die meist Kinder beantworteten, weil der Kindergärtner es müde war, die Erklärungen zu wiederholen. Den Kindern machte das Wiederholen der Antworten Spaß, und die angehenden Architekten – etwas befremdet wegen des Tonfalls, der Fremdwörter und der geschraubten Rhetorik, aber eingenommen von der allgemeinen Heiterkeit – nickten und machten eifrig Notizen.

Der Kindergärtner empfand Freude und Angst. Nicht alle seine Aufgaben stießen bei den Kindern auf ein derart nachhaltiges Interesse.

Ein Junge aus der Gruppe steckte ihm etwas zu.

„Ist das eure einstimmige Reaktion?“

Der Junge nickte.

Der Kindergärtner war unschlüssig, ob er das Etwas vor den Augen aller inspizieren sollte. Es fühlte sich groß an. Unhandlich. Die anderen nickten jetzt auch.

„Na gut“, sagte er.

In der offenen Handfläche lag ein gelber Klotz mit einem schwarzen X auf einer der Flächen. Das X vom Schweiß leicht verwischt, und er entdeckte schwarze Spuren an zwei seiner Finger.

„Ihr … gebt mir das so wieder?“

Das Mädchen, das den Klotz am Morgen entgegengenommen hatte, wies auf ein Sitzkissen neben dem Durchgang zu den Toiletten. Darauf thronte ein weiterer gelber Klotz. Auch er war mit einem schwarzen X versehen.

Als der Kindergärtner den zweiten Klotz aufhob, entdeckte er im Vorraum der Toiletten einen dritten.

Barfuß, wie er das ganze Jahr hier herumlief, betrat er die bunten Kacheln. Ein vierter Klotz fiel sofort auf, da er sich vom dunkelblauen Grund abhob. Über einen fünften, der auf einer gelben Fliese deponiert und dessen schwarze Markierung nach hinten gedreht war, wäre er gestolpert, hätte das Mädchen ihn nicht gewarnt.

Auf einer Klobrille und exakt im Schatten, den die Trennwand zwischen zwei Kabinen warf, fanden sich die Exemplare sieben und acht. Acht betrug die Stärke der Gruppe.

Der Kindergärtner überlegte, was diese Installation ihm sagen wollte. Hieß die Vervielfältigung, dass jedes der Kinder mit der gleichen Unsicherheit lebte wie er – dass keines sicher sein konnte, geliebt zu werden?

Wer sein Kind bei uns anmeldet, zahlt eine Menge Geld, dachte der Kindergärtner. Die hohen Gebühren, die notwendig waren, um das Bauwerk im Sinne des Schöpfers zu nutzen, hatten ihn anfangs erschreckt. Die Mehrzahl der Eltern verdiente aber viel oder kam aus reichen Familien, und die Ausgaben zählten schwerlich als Beweis der Zuneigung. Eher als Investition. Inmitten eines selbstverständlichen Wohlstands aufzuwachsen sensibilisierte vermutlich für die Leere hinter den Werten.

Ihm wurde bewusst, dass acht Klötze bei acht Kindern die Frage nach seinem Klotz offenließen. War das Original unter den acht? Wenn ja, hatte ein Kind sich von den Zweifeln ausgenommen? Galt es herauszufinden, welches und warum?

„Oder befindet mein Klotz sich woanders?“ dachte er laut weiter. „Habt ihr was damit angestellt?“

Die Kinder lachten und klatschten. Der Kindergärtner kam sich vor wie der Gewinner eines Wettbewerbs. Wo war der Preis?

„Soll ich ihn suchen?“

Die Kinder nickten wieder.

„Suchen wie ein Osterei?“

Als er der Runde die Aufgabe gestellt hatte, war der Klotz nur ein Ding unter vielen gewesen. Eins ins Greifnähe, zur Veranschaulichung geeignet, weil kompakt, gut zu erkennen, leicht beweglich und vor allem billig genug, so dass sein Verlust oder seine Verunstaltung niemanden schmerzte (ein bisschen sehr von der Institution her geschätzt, sah der Kindergärtner ein). Er wollte den Kindern das Prinzip vermitteln: man nimmt etwas, erklärt es zu einem Teil seiner selbst, besetzt es – und das eigene Gefühlsleben wird so indirekt manipulierbar. Was Ähnliches taten sie, wenn sie spielten. Kreischte ein Kind plötzlich hysterisch „Meins!“, meinte es mitunter wohl gar nicht Besitz, sondern „ich“. Der Angebrüllte stand im Begriff, mit Eigenschaften zu türmen.

Ab wann habe ich angefangen, die Unverletzbarkeit meines Körpers für bare Münze zu nehmen? fragte der Kindergärtner die Silhouette, die ihm draußen im Garten suchend vorausging. Wann setzte sich die Überzeugung fest, dass das Gesetz mich zusammenhält und nicht der liebende Blick eines andern?

Um diese Stunde fuhren die meisten heim. Er grüßte Väter und Mütter, tauschte Höflichkeiten aus, erkundigte sich nebenher bei den kleinen Einsteigenden, ob wer seinen Klotz wo rumliegen gesehen hatte. Die Gefragten verneinten.

Der Klotz erschien ihm mittlerweile doch sehr wertvoll. Er erwartete keineswegs eine großartige Pointe, eine Offenbarung vom Schlage des Evangelisten. Man missverstand die Schlauheit der Kinder, wenn man ihnen weise Einsicht in das zeitlos Wahre unterstellte. Sie waren keine ewigen Kinder. Ihr Kindliches strich rasch die Kante einer Gegenwart entlang, von der das Kantige einem entgangen wäre. Je länger jemand Welt nimmt und wieder weglegt, desto abgegriffener und runder erscheint alles, dachte der Kindergärtner und meinte vor allem sich.

Irgendwann merkte der Kindergärtner, dass er allein war. Oder jedenfalls der Letzte. Frau Ban verließ normalerweise mit ihm zusammen die Anlage. Manchmal begleitete sie ihn bis vor dem Bahnhof. Einmal hatten sie in der Konditorei am Nordeingang einen Kaffee getrunken. Heute war sie schon weg, ihre Mutter lag im Krankenhaus oder musste zum Arzt.

Der Kindergärtner überlegte: Würde ich unglücklicher in meinem Feierabend eintreffen, wenn ich den Klotz noch finde oder wenn ich ihn nicht mehr finde?

Da sah er seinen Klotz.

Sie hatten ihn nicht übermalt, wie er befürchtet (oder heimlich erhofft?) hatte. Auch sonst nicht aufwändig verändert.

Der Ort, den sie gewählt hatten, war ihm entgangen, weil die letzten Sonnenstrahlen des Tages sich dort zu einem Schlauch zu sammeln pflegten, einem Streifen, der den Frühling über immer bauchiger, kürzer, heißer und greller wurde, und im Juli, ein paar Tage vor Beginn der Sommerferien, explodierte er wie eine reife Melone, die man entzweischlägt (Frau Bans Vergleich – sie brachte für das Sommerfest des Kindergartens jedes Jahr Melonen aus dem Laden ihres Schwagers mit, legte sie im Garten aus, und dann durften alle mit verbundenen Augen und Holzschwertern bewaffnet die Gegend durchfuchteln, bis wer eine von den Früchten erwischte).

Sie hatten ein Stück Schokolade auf eine der gelben Flächen gelegt. Die mit dem Antigotteskreuz zeigte zur Seite. Der Kindergärtner hob den Klotz auf. Die Schokolade war in der Sonne geschmolzen. In der Kühle nach dem Verschwinden des Lichtes wieder etwas fester geworden, allerdings nicht sehr.

Sein erster Impuls war, den Stein abzuwaschen. Sein zweiter, die Schokolade abzulecken.

Als er in seinem Apartment eintraf und laut sagte „Feierabend!“, schmeckte der Abend nach einer Mischung aus Bitterstoffen und Zucker. Das Bittere war wirklich bitter, der Zucker wirklich süß. Niemand, dachte der Kindergärtner, ist nicht wirklich. Niemand lautet der Name des letztens Bedauerns, ehe man stirbt. Dann, wenn ich sterbe, wird es aber auch egal gewesen sein.

Er verzichtete auf das übliche Bier, um einmal genau zu wissen, wie lange so ein Geschmack auf der Zunge blieb, wenn nichts ihn wegspülte. Erstaunlich lange.

—> Kindergarten #2

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Love How You Can Pee on Anything

„[A]s bizarre as this may sound, […] ontologically, the world cares for us,“ Leo Bersani writes in one of the essays collected in his book Is the Rectum a Grave? It follows from this that we might as well learn to organize collectively by allowing the information our incontinent bodies are disseminating to tell us what ‘together’ means. This, at least, is my version of Bersani’s queer materialism: an approach to collectivity that sees people together where they find ways of letting their impatiences, their multiple inabilities to hold it in any longer, synchronize, however distantly – and make the pleasure of giving in to these urges, overflow pleasure, have a more thorough influence on living together. I am asking for alternatives to our socially established forms of organizing collectively that are so resolutely based on coordinated, managed deferment, where organizational competence means being able to wait for, with, sometimes against others: How about a together that happens, that has just started to happen…there, because some of us could not hold it back anymore?

Paper presented at PSi #23 “Overflow”, Hamburg, 2017-6-10

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Zusammen leben im Rausch

„Die ungute Gleichzeitigkeit des Bedürfnisses allein zu sein und dessen mit andern zusammenbleiben zu wollen – ein Gefühl, das in der tieferen Müdigkeit zum Vorschein kommt und dem man nachzugehen hätte – steigert sich.“

Das notiert Walter Benjamin am Nachmittag des 28. Januar 1928 im Anschluss an einen Haschisch-Rausch. Benjamin hat mehrfach mit Cannabis und Meskalin experimentiert und seine Erfahrungen in unterschiedlichen Textformen dokumentiert. Anders als die Lebensphilosophie, die den Rausch feiert, bleibt Benjamin äußerst aufmerksam für die heiklen und komplexen Verhandlungen von Individualität und Kollektivität, die sich an der Position des Berauschten abspielen. „Ekstasis ist ursprünglich immer vollkommene Einsamkeit“, schreibt Ludwig Klages in Vom kosmogenischen Eros und behauptet, dass diese Einsamkeit „den ergänzenden Pol in sich selber trägt“. Benjamins Nachdenken über den Rausch setzt hingegen gerade in dem Moment ein, da die Lockerung der Selbstkontrolle, wie die Droge sie bewirkt, das Individuum dazu nötigt, sein Verhältnis zu den anderen neu zu organisieren.

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Me-me (2)

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Part (1) <—

In The Bright Chamber, Roland Barthes defined photography by the having-been-there of the referent. Strangely anachronistic at the time of its publication, when manipulating photographic images was already an established practice (and a work like Yves Klein’s Leap Into the Void had demonstrated how the photo’s [time]frame creates a relation between the shown and the not-shown capable of inducing a powerful, almost irresistible fiction), this insistence on a referent-real must appear hopelessly outdated in our digital age. In another sense, though, Barthes’ concept seems to have waited for the twenty-first century to be fully validated.

Except for the true photo of his mother, which structures the entire book—searching for it, after she has died and left her son in despair, sets the theoretical investigation in motion, and finding it leads him to the definition—the author discusses examples of artistic photography. He does so, however, mainly for explaining the difference between studium and punctum, the competently organized, meaningful depiction of the photo’s subject and the irritating detail, which continues to fascinate. With the stress on their punctum, Barthes chooses to view the images by famous artists as though they were amateur snapshots encountered while browsing some album passed around during a party whose host is a loose acquaintance or the friend of a friend: pictures that have somehow escaped privacy, yet are not being presented to a public; pictures alienated, in a positive way, from the circle of family life, looking unfamiliar, yet without turning the viewer into a spectator, a deputy of humankind, the anybody-me of aesthetic experience and reflection.

Barthes’ approach to photography does not focus on the single image. However copious, the attention every image receives acknowledges neither the work (the unique creation of an artist-I, which virtually assembles an infinite number of beholders around its absence-presence) nor the product of an industrial media technology (the visual commodity, which exists to be distributed and convey the message of its own reproducibility to a huge number of people). The photo, as Barthes sees it, has been, is, and will continue to be, an element of living together. It has a relational and, in respect to time, an inter-generational reality.

Death matters, obviously. But where occidental art affords encounters with death as an existential dissolution at once singular and universal, photography for Barthes is concerned with the death of someone—someone I did or did not know. Whether a character be invented or resemble (even represent) a known person, the aesthetic reality of an artwork suspends the personal; and since aesthetics distinguishes art from other things by virtue of an exceptional mode of perception, not rules of production, it is always possible to appreciate a photo in this fashion (twentieth century aesthetics welcomed amateur photography, on condition that it had not intended to be art and its artistic value remained close to that of an objet trouvé). Barthes’ gaze, in contrast, moves within the sphere of personal relations. What he calls the referent, far from arresting the signification process, has an effect of liberating the personal, loosening its social ties without erasing them. The photographic referent is the person-that-just-reflected-light, the personal as some surface.

Photography enables me to transfer the attentive affection, which bourgeois family values are telling me to reserve for a few loved ones, upon a longer series of beings. Of humans in the book’s examples, but no physical law or aesthetic principle limits this transfer to the human species. The referent may be anything a camera can catch.

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More than the family, but less than society. In his lecture on How To Live Together, in 1976/77, Barthes explicitly asks for a reality whose emotional and organizational dynamics are being ignored by both the psychological or psychoanalytical focus on the nested individual and the sociological focus on an all-encompassing generality of laws, rules, morals and customs. By together, he understands connections that derive, largely, from actual interactions between people.

This actuality does not exclude imagination (Barthes lets the entire exploration be guided by the “phantasm” of idiorrythm, a form of collectivity that needs almost no schedules and was practiced in monasteries on the Greek Athos mountain until shortly before the time of the lecture). But the point would be attaching the imagination to series of material occurrences, thus allowing for a distributed imagining. Similar to the movement of going through photos, living together, as Barthes wants to investigate it, consists in traversing a peopled and thinged time-space where the actual movement—its kinesthetic tempus, as it were—has a hand in the encounter’s imaginary impact.

Imagination, thus, does not foster a connection between a self-related I and a symbolic whole. It does not create an imagined community. It doesn’t create at all; its productivity becomes supportive, and what it supports might be described as a mutual me-tagging activity: Subjectivity, even narcissism, yes; but entrusted to its material consequences, with a cruisy move into the world that sees the bodily reality not as the sphere of an objective resistance against narcissistic ego-multiplication but as its vehicle, its travel agency.

The more or less random dispersion of moments when I bump into a neighbor and have a chat, exchange glances from afar, see myself reflected walking by a window with silhouettes floating behind the glass, hear steps on the stairs or voices through the wall, eat leftovers of food cooked by others, smell their pets, or suddenly feel someone’s breath in my neck, gets to make my day in an idiorrhythmic world. Barthes permits the house (he sketches a residential complex in a Mediterranean landscape) to let in a certain distance, a foreignness normally associated with urban public space. In turn, the public becomes less of an outside; it enters the rooms, the little everyday rituals, and the body’s habits of letting go.

This crossing over of a public that defamiliarizes the private and a private whose candid tenderness deregulates the public, exchanges the strained ‘to all’ and ‘to only you’ poses for a casual ‘to whom it may concern’ appeal. Leaving the doors open like windows, Oedipus might as well be a guest. Mixing the bright light of the agora with some darkroom intimacy (speaking of the gay club darkroom, not the photographer’s), there will be no need for a shared secret—for the thing that must be equally suppressed by everyone, whose disavowal provides the strong bond that turns the family into a community and subjects every community to the family law.

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Meanwhile, whoever bumps into me, whose wandering eyes intersect with mine, who hastens upstairs, happens to be inside the room, cook the food, keep the pets, exhale behind my back, will experience a different day composed of a different list of encounters—a list that features me in at least one position, but that me will have nothing to do with my me. It will have nothing to do with mine, although the contact actually happened, for the contact was between bodies or material assemblages involving our bodies, not between me’s.

So how to conceive of the ‘together’ in living together as the reality of such coincidental contacts? How to avoid identifying it with an image of togetherness that pictures me here, you there, her there, him there, them in the background, and us in the geometry of this frameless but comprehensive-looking map of relations?

The metaphysical-social use of imagination would do everything in its power to produce such an image that aligns the me’s. And it would do so by creating the imagination of aligned imaginations, because that is all it can do: positing that we imagine the same world, while our bodies are doomed to experience it without the faintest chance of comparison. Imagination here compensates for the lack of comparability; it finds the source of its cosmic power in the absence of a common denominator.

Cornelius Castoriadis says, in this sense, that social institutions are essentially imaginative constructions. Beings endowed with self-awareness will need to pretend, reassert, and with time believe in an objective convergence of their imaginations. The institutions are that objective convergence. We are depending on institutionalizing ourselves, as we have no other way of making the world one. Or more precisely, the only other way would be letting it be whatever it is, and ‘one’ then would be the shortcut for ‘whatever.’ The metaphysical epoch lasts as long as that won’t do.

Much like an institution’s buildings, equipment and employees only corroborate the imagination’s objective status, the material picture in this metaphysical projection of the social is only a carrier, a token circulating among people who each respond to the visual trigger with affective consent to the idea of a shared image. Oh, their minds reply, I feel by what I see here that the image assembles us around it, as it were—‘us,’ that is to say, our me-experience and our it-experience, there, where they are indistinguishable because of this fascination.

In respect to death, a photo amounts to a relic then, converting every gaze into an act of reverence and adding these acts up in a place, there, that is simultaneously private, devoting the accrued attention to the family, and public, devoting it to humankind. The concept of the aesthetic work connives with the institutional in its economy of collecting gazes, appreciating the image as an archive of having-been-watched: every picture a file, a shelf, an entire library of institutionalized attention.

Barthes prefers the having-been-there of the referent to the being-watched of the image in how he values the photo, just as he prefers accessing living together through material contacts and the occasional synchronization they enable, to an imagined community. His theory of photography not only neglects the aesthetic in favor of the relational and inter-generational; it also discards the archival, the institutionalization of time in terms of memory. The library will be but a synax in the idiorrhythmic domicile: a flight of rooms for meeting people, or for being in their presence—reading, for example, or flipping through a photo album. Pictures will be scattered, some selected and assembled, others forgotten, stuffed away in boxes, passed on more or less randomly, based on whatever people’s practice is. You can search, you may find, but you might as well not.

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Eventually, after a tiresome journey through resemblances and representations, Barthes discovers one photo he can tag “my mother.” A photo that shows his mother as a young woman, before he was born. She is not yet his mother in the captured moment, not even a mother. The evidence that the referent has been there, which the photo provides, does not serve to restore a past present. Something quite different takes place: Barthes writes my on the image like tumblr users write their me.

In a kind of desperately cunning narcissism, his subjectivity stretches, frisks, outstrips the biographical lifespan. Leaving alone his chronological position in the world, he realizes that the photographic image dissociates the having-been-there from representation, i.e. from a realistic, a familiar, familiarly social nexus between the past present when the photo was taken and the present present when the photo is being watched. This dissociation is the point of calling it the referent, even in the most uncritical, lovelorn moment of surrender to the evidence of the referent’s having-been-there.

What the mourning orphan longs for isn’t the person, whose irreversible loss he fully admits (“From now on, I will have to be my own mother”); the right photo must respect the person’s death. What the image is expected to make available is, rather, a there—a different there than the communal point of convergence marked off by the photo-as-work-of-art, the exhibit and archival item: a there that can be tagged my, in a structurally ironic (“crazy,” Barthes writes) but at the same time matter-of-fact kind of style that entrusts identification, the venture of claiming sameness, to a relational materialism.

Barthes gives no account of what he did with that photo. In a novel like those which he investigates in Comment vivre ensemble, without finding the faintest trace of the desired idiorrhythmic collectivity, the hero would have pressed it to his bosom and then perhaps hidden his treasure in a drawer, as the privileged identificatory gaze excludes the rest of the world. Alternatively, the author of La Chambre Claire could have exhibited it alongside the other photos, inviting the world to watch it in his absence. Neither the exclusive nor the inclusive gesture seems appropriate, however. Neither the family nor humankind can host this my. “I cannot show she photo,” Barthes excuses to his readers. “For you it would be nothing but a trivial photo […] it would not hurt you in the least.” He sounds polite there, but also regretful.

Would he have considered tumblr as an environment for images, were he alive today? And tagging? I imagine he might be relieved to place it on a dark, death-themed tumblr. Anonymously personal, at ease with reblogging. Someone with a depressive stretch to open up onto melancholy: Look, there, where I am forever too late to be in the picture. There, where I am just about to start being my own mother. There —> she is!

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