Minusmassenpraxis. Fünf Übungen zu Doris Uhlichs „Habitat – Halle E“

Eine kurze Reflexion im Anschluss an den Besuch einer Aufführung von Doris Uhlichs Choreografie Habitat – Halle E im Tanzquartier Wien, Oktober 2019

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Politik mit Sade: Warum wir die Körper verbinden und die Reden trennen sollten

[Manuskript eines Impulsvortrags, gehalten beim Workshop Spaltungen. Verfahren und Figurationen gesellschaftlicher (De-)Segregation an der TU Dresden am 12.7.2019]

Zwei Impulse:

  1. stammt von de Sade – bzw. von Roland Barthes als Sade-Leser

Philosophie im Boudoir: Auguste, der junge Gärtner, der zuvor an den sexuellen Ausschweifungen teilgenommen hat, wird hinausgeschickt, als man den politischen Text Bürger, noch eine Anstrengung, wenn ihr Republikaner werden wollt verliest, da „das hier“ nicht für ihn gemacht sei:

„[…] der Diskurs, der die republikanische Moral begründet, ist paradoxerweise ein linguistischer Sezessionsakt. Die Sprache des gemeinen Volkes, an der sich zunächst die aristokratische Sprache ergötzt, wird danach einfach aus der Dissertation, d.h. aus dem Austausch (zwischen Logos und Eros) ausgeschlossen; die libidinöse Szene ist eine Mischung von Körpern, nicht von Sprachen […].“ (Roland Barthes, Sade Fourier Loyola, Ffm. 1986 (O: 1971), S. 181)

  1. stammt von V., einem ehemaligen Studenten, der mittlerweile als Organisator von queeren kulturellen Veranstaltungen und als Escort arbeitet und ein Promotionsprojekt zu „Sex als Kommunikation“ vorbereitet. Er hat im Rahmen seiner Möglichkeiten mit möglichst vielen Leuten Sex (Möglichkeiten: er ist schwul, und sein Begehren in Bezug auf Frauen reicht, soweit ich informiert bin, nicht so weit, dass er mit ihnen Sex hat). Und zwar dezidiert Sex als Anreiz, Gelegenheit, Mittel und gewissermaßen Methode, um sie kennenzulernen. Schon bevor er als Escort anfing, war er auf schwulen Dating-Plattformen wie Gayromeo und Grindr aktiv, und eins seiner Argumente für dieses Verhalten lautet: Auf diese Weise komme ich in Kontakt mit Menschen, denen ich sonst nie begegnen würde – Arbeitern, kleinen Angestellten, Managern usw. Es scheint ihm die einzige oder jedenfalls effektivste Option, Begegnungen außerhalb seiner sozialen Blase zu haben. –> Mischung der Körper; zwar kein linguistischer Sezessionsakt, aber eben nicht das Projekt, mit den Leuten zu reden, ‚in Dialog zu treten‘. Reden ergibt sich eventuell nach dem Sex, dazwischen, am Rande.

Diese persönliche Strategie finde ich instruktiv, weil sie darauf verweist, dass die soziale Segregation in einer sog. liberalen Gesellschaft wie der hier in Deutschland diese Mischung der Körper immer unwahrscheinlicher macht. Obwohl die großen Städte Kontaktzonen wären, hält die ökonomische und soziale Aufteilung in edle und schäbige, szenige und spießige Wohngebiete die Menschen nicht nur alltäglich voneinander fern, sondern auch in ihren imaginären Kiezgemeinschaften zurück. Der Kiez ist das Scheitern der Großstadt.

Wo städtische Einrichtungen wie Kindergärten und Schulen Kinder aus sozial segregierten Familien zusammenbringen, erscheint das heute als zwanghafter Eingriff in eine ‚freie Entfaltung‘ (in den USA gab es teilweise kommunal finanzierte Busse, die Kinder aus afroamerikanischen Familien in Schulen mit fast ausschließlich weißen Schülerinnen und Schülern transportierten – die allermeisten wurden eingestellt, nicht selten nach Protesten oder Klagen weißer Eltern). Die Sortierung in großbürgerliche, kleinbürgerliche, prollige und asoziale Lebenssphären verhindert dabei nicht zuletzt, dass die Kinder und Jugendlichen Möglichkeiten entdecken, ihre Körper in Kontakt zu bringen – dass sie gemeinsame Spiele, gemeinsame Formen ernsthafter Auseinandersetzung finden und irgendwann miteinander Sex haben.

Es gibt Online-Optionen, aber auch beim gegenwärtigen Stand des Online-Dating sind die Chancen, vom Sextrieb aus dem engen gesellschaftlichen Umfeld hinausgeführt zu werden, gering. Das Internet der 00er Jahre, das noch mehr auf Text als auf audiovisuellen Inhalten basierte, gestattete mit seiner Avatar-Phantasmatik eine gewisse Freiheit, sich abseits der sozialen Verortung zu positionieren, und dadurch kamen einige unwahrscheinliche Begegnungen zustande – wie ich selbst bezeugen kann und wie jemand, den ich in diesem Jahrzehnt online kennengelernt habe (und sonst wohl schon wegen unseres Altersunterschiedes nie kennengelernt hätte), in einem schönen Essay beschrieben hat: Max Wallenhorst, Polyamory [FAQ].

Die sozialen Netzwerke haben das weitgehend beendet und darauf hingewirkt, dass Online-Kommunikation sich auf die geografische Erweiterung von Offline-Kommunikation beschränkt. Meine Versuche, über Facebook dauerhafter zu Leuten in Kontakt zu kommen, die nicht Akademiker*innen oder Künstler*innen sind, blieben fruchtlos. Ich ertrage geduldig die AfD-nahen Posts von jemandem, der mit mir zur Schule ging, weil es die einzigen Signale von außerhalb dieser Blase sind (mit ihm über diesen Kanal zu reden, gar mich mit seinen Beiträgen auseinanderzusetzen, erscheint mir hingegen perspektivenlos: wir würden uns in beidseitiger Rechthaberei zerstreiten, das wärs).

Die Logik sozialer Netzwerke hat auch Online-Dating okkupiert (wobei die algorithmische filter bubble die Konturen der sozialen Blase nachzeichnet, denn die Inspiration für die Programmierung kommt ja von der Dynamik der Bestätigungsreflexe, mit denen wir uns schon auf dem Schulhof zu Klumpen anordneten). Wenn man es nicht wie V. vorsätzlich als breit angelegtes Rumfickprojekt betreibt, spricht viel dafür, dass soziale Kriterien die erotischen determinieren. Die Problematik eines Begriffes wie sapiosexual liegt genau darin – die Präsentation als Intelligenz- oder Wissensfetisch verschleiert die soziale Konventionalisierung.

Tatsächlich hat die Verlagerung des Sex-Datings auf Apps vor allem zwischen Männern eine Reihe sozial etwas indifferenterer Online-Praktiken an den Rand des Verkümmerns gebracht. Das Cruising in Parks, öffentlichen Toiletten, Schwimmhallen usw. hat sehr nachgelassen. Umfragen zufolge finden viele jüngere schwule oder homosexuell interessierte Männer die Vorstellung, nachts im Gebüsch oder selbst in einer schummrigen Bar spontan körperlichen Kontakt mit Fremden zu haben, ohne vorher Fotos und stats abzuchecken, abwegig, beängstigend, eklig. Und die berühmtesten Darkrooms der Republik im Berghain würden kaum funktionieren, wenn nicht an der Tür ein Selektionsprozess für hinreichende Homogenität sorgte. Die Orgie der 2010er war stets kuratiert; und es deutet nichts darauf hin, dass das in den 2020ern anders sein wird.

Was ich hier knapp und mit einer subjektiven Färbung skizziere, ist nicht auf identity politics zurückbuchstabierbar – so, als müsste man nur mal mit der political correctness aufräumen, und dann würden schon wieder fröhlich alle miteinander rumvögeln. Nein, würden sie nicht. Das Auseinanderdividieren, von dem ich spreche, hat mit Mangel an Gelegenheit zu körperlichen Begegnungen zu tun, nicht mit der Differenzierung von Zeichen, an denen einige mehr, andere weniger interessiert sind. Was man (oft ein bisschen missverständlich) unter identity politics fasst, meint überwiegend Hinweise oder Forderungen bezüglich des Gebrauchs von Zeichen – von Sprache oder auch von Bildern, von Dingen, die als kulturelle Zeichen fungieren. Es geht um einen historisch bewussteren, weniger geschichtsvergessenen Gebrauch.

Eine Zuspitzung der Argumentationen im Namen von identity politics käme allerdings dem, was ich mit dem Zusammenbringen der Körper meine, sozusagen von der anderen Seite entgegen. Zugespitzt liefe es auf die Forderung hinaus, auf die Perspektive eines großen klärenden, die Welt befriedenden, die Menschen miteinander aussöhnenden Gesprächs zu verzichten. Das Dialogische als den bürgerlichen Universalisierungs-Fetisch zu entlarven, der es schon immer war und heute mehr denn je ist. Diese Forderung kommt mit der Empfehlung, die Reden zu trennen bzw. eine unaufhebbare Trennung der Reden zu akzeptieren, sie im Kommunizieren selbst immer wieder in Erinnerung zu rufen und anzuerkennen. Das ist keineswegs die einzige Weise, identity politics aufzufassen, aber im Hinblick auf die Szene bei Sade und den Kommentar von Barthes möchte ich das hier versuchsweise vertreten: Während wir (und wir heißt einfach: möglichst viele von denen, die von dem hier direkt oder indirekt zu hören bekommen – statistisch wohl sehr wenige) unbedingt etwas dafür tun sollten, körperlich die Kontakte zu Menschen außerhalb unserer sozialen Segregationszonen zu vermehren, gilt es zugleich Abstand zu nehmen von der Vorstellung einer großen ungeteilten Resonanzsphäre, einer Welt, in der alle mit allen reden können und sich auch dazu aufgefordert fühlen sollen.

Der Glaube, der Dialog sei das, was schlechte Grenzen überwindet, scheint mir nicht nur irrig, sondern historisch-politisch fatal. Die Wirksamkeit des Diskurses besteht offensichtlich nicht im Verbindend-Integrativen, sondern darin, Differenzen zu artikulieren. Reden gibt Spaltungen zu entdecken, zu benennen, zu entwickeln und zu vervielfältigen. Das tut es sowieso, auch dort, wo es der Integration dienen soll – weshalb eine gelingende Diplomatie die Sprache, die scheinbar im Zentrum der Begegnung steht, auf vielerlei Wegen beseitigt, sie ganz wörtlich zur Seite, ins Abseits zieht. Diplomatie setzt auf Beschäftigung, auf die ablenkenden und gewohnheitsbildenden Effekte der Tätigkeit des Redens – inkl. der materiellen Bedingungen dafür: die arrangierten Treffen mit ihren umständlichen Protokollen, die Bankette… Das wirkt auf eine Art auf die beteiligten Körper, die dem Sexmachen nähersteht als dem, was die populäre Vorstellung vom Einverständnis durch Verständigung suggeriert.

Mein Vorschlag wäre dennoch eine eher undiplomatische Politik, die zum einen den Diskurs seiner Dynamik des Spaltens überlässt und zum anderen die Gelegenheit für die Körper vermehrt, in Kontakt miteinander zu treten. Praktisch hieße das z.B.

  • rigorose, kommunal organisierte Umverteilung von Kindern und Jugendlichen auf Kindergärten/Kitas und Schulen, so dass überall eine Mischung der Einkommensgruppen und eine ethnische Mischung entsteht –> die Kategorie ‚Klasse‘ in die Biopolitik einführen
  • ein Vorschlag von Ivo Dimchev (der aus Bulgarien stammt): statt eines Wehrdienstes ein Sex-Dienst – jeder Mensch, der 18 wird bzw. die Schule abschließt, gleich welchen Geschlechts, arbeitet für bspw. 6 oder 12 Monaten als Escort. Das Inanspruchnehmen von Escorts könnte eine Sozialleistung sein, kostenfrei oder nach Einkommen gestaffelt, die Vergabe nach Kriterien der Bedürftigkeit erfolgen (Menschen mit Behinderungen, denen es schwer fällt, Sexpartner zu finden, kommen etwa bevorzugt zum Zuge); das Ganze ohne Rücksicht auf sexuelle Präferenzen und Identitäten der Sexdienstleistenden –> positiver Nebeneffekt: auch heterosexuelle Männer würden sich dran gewöhnen, anal penetriert zu werden
  • Parteien und alle Organisationen, die auf der proklamierten Einigung ihrer Mitglieder beruhen, müssen aus dem politischen Leben entfernt werden. Stattdessen Verteilung möglichst vieler Ämter nach Losverfahren; auch hier: Verteilung der Körper, Möglichkeit eines zunächst schrankenlosen Dissenses ohne Bindung an Parteidisziplin, Positionierung durch Parteizugehörigkeit usw. – und aus dieser Situation heraus käme das Entscheiden einem Vorgang gleich, den Toni Negri mit der etwas enigmatischen, aber treffenden Formulierung „presenting ourselves before the emptiness of decision“ beschrieben hat (Antonio Negri, The Porcelain Workshop. For a New Grammar of Politics, Paris 2008, S. 148)

= die Entscheidung ist nicht das Produkt eines Debattierens, sie ist überhaupt kein Produkt; eine Zäsur trennt sie von der Debatte; sie ist ein körperlicher Vorgang, der darin besteht, einen Zettel in diese oder jene Box zu werfen, einen Finger jetzt oder später zu heben, an verschiedene Orte eines Raumes zu gehen und dort zusammen mit anderem zu stehen etc. –> s. auch die Dissertation über Abstimmungsverfahren als Performances von Hannah Kowalski, Das Theater der Entscheidung. Die Rolle des Performativen beim Abstimmen (2018)

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Rewriting Participation: Takuya Murakawa’s »Everett Ghost Lines«

For his project „Everett Ghost Lines“, the Japanese author and director Takuya Murakawa writes letters to friends, loose acquaintances, or foreigners, asking them to come to a theatre venue on a designated day at a designated time and perform an action: Sit on a chair and wait for someone who will cut your hair. Stop by the theatre during a run, and lie down on the stage floor next to a duct-taped silhouette. Stand in front of a microphone and tell the audience a story about the sea … The performance starts as scheduled and runs for its full time, whether the letters’ addressees appear or not. The audience gets to read the script, which is being projected on the rear wall of the stage. Written words, thus, fill in for absent performers. Writing assists performance instead of claiming the status of an origin or original inspiration. Thanks to text taking on the role of a temp, an odd hand helping out, Murakawa is able to produce a collective artistic work from the casual, noncommittal, notoriously unreliable relations that make up much of our everyday life. His approach presents an organizational alternative to subjecting art to the sovereign power that is effective in procedures of casting and assures the authority of the legally binding contract, while it also avoids the socio-economic management of networking, which instrumentalizes intimate relations and their emotional intensity in order to generate peer pressure and make ‘free’ cooperation compelling.

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Vorlesungsmanuskript ‚Partizipation: Ansprüche und Wirklichkeiten des Politischen in den Künsten‘

Diese Vorlesung wurde in jeweils etwas unterschiedlichen Versionen gehalten an der Freien Universität Berlin und der Universität Hildesheim im Wintersemester 2017/18 und an der Ruhr-Universität Bochum im Sommersemester 2018. Ich habe das Manuskript etwas überarbeitet und ergänzt, um den Text lesbarer zu machen, die teilweise assoziative Gliederung und den eher mündlichen Ton aber beibehalten. Video-Links sind eingefügt soweit online verfügbar.

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Theoretische Nebenpersonen

„…als beträte helfend, unerwartet eine zuvor nicht beachtete Person die Szene wie bei Balzac oder schon im älteren romantischen Roman bei Walter Scott“, schreibt Adorno vom Auftauchen eines neuen Themas mitten im Satz bei Gustav Mahler. Und mir fällt auf, wie sehr meine Art, in einem Text ein theoretisches Argument zu entfalten, darauf vertraut, dass da eine solche Nebenperson irgendwo am Rand der Auseinandersetzung wartet – nicht aggressiv übersehen, aber sozusagen im Schatten der Blicke, die prominentere Begriffe einander zuwerfen, und wenn Gelegenheit kommt, hält sie vom Rand her die Hand auf, packt zu und zieht etwas Verknotetes zurecht oder stützt einfach, stellt die paar Sekunden Widerstand, die es braucht, bis das Gebilde im rutschenden Gleichgewicht von allein steht. Wenn das Aufeinandertreffen der Hauptsachengedanken Dialektik heißt, welche Agentur der Vernunft beschäftigt diese Helfer?

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Kindergarten #3

Es passierte wieder einmal, dass die Kinder zuerst mit Holzschwertern Ninja spielten, dann aber, da ihnen die Kämpfe zu langweilig und die gelegentlichen versehentlichen Treffer zu schmerzhaft wurden, die Stäbe als Schusswaffen benutzten. Sie liefen durcheinander und feuerten alle gleichzeitig. Wenigen fiel es ein, hinter der Rutsche oder Kletterburg Deckung zu suchen. Kurze, nach ein paar Trudelschritten in Ecken gesetzte Salven, die ihnen einzeln zwischen den Lippen herausspritzten, wechselten mit Dauerhagel wie aus MGs. Manche vergaßen zwischendurch vor Lachen, manche vor Ernst, die Schießgeräusche zu machen.

Nachdem er diesem Treiben eine Weile zugesehen hatte, schlug der Kindergärtner vor, einen richtigen Angriff zu inszenieren.

„Drei von euch kommen mit Waffen. Die anderen sind gerade beim Versteckenspielen. Die Bewaffneten schießen auf alles, was ihnen vor die Mündung stolpert. Wer einen Schuss ins Bein abkriegt, knickt zusammen, liegt am Boden, krümmt sich und wimmert vor Schmerzen. Kopfschuss heißt sofort tot, Kugel in die linke Brustseite auch. Wen es in den Bauch, in die Schulter oder hier – zwischen die unteren Rippen – trifft, der hat eine geringe Überlebenschance, sofern der Rettungswagen rechtzeitig eintrifft.“

„Könnte hier nicht auch ein Hubschrauber landen?“ fragte Jun, der vierjährige Sohn einer Augenärztin und eines Augenarztes, die im Nachbarviertel eine gemeinsame Praxis betrieben.

Der große runde Garten schrie tatsächlich nach einem Helikopter.

„Und wer ruft den?“ wollte Mai wissen. Mai zählte zu den Neuzugängen. Sie war von drei Geschwistern die erste, die in diesen Kindergarten ging. Ihr Vater hatte gestanden, er sei nicht sicher, ob er den kompletten Monatssatz für Ganztagsbetreuung, Essen und Englischunterricht aufbringen könne. Mai nahm deshalb vorerst bloß probeweise an den Englischstunden teil.

„Wer den ruft, muss auch die Bullen rufen“, sagte Risa, die Mai gerade zu ihrer besten Freundin befördert hatte. Sie vergab diesen Posten, wie vielleicht ihr Onkel, bei dem sie lebte, eine persönliche Referentin einstellte. Der Kindergärtner schnappte bisweilen Fetzen der Interviews auf, denen sie Kandidatinnen unterzog. Ohne Scheu fragte sie etwa, warum die andere unter allen Mädchen gerade ihre beste Freundin werden wollte. Und wessen beste Freundin sie in der Vergangenheit gewesen sei.

Risa schien abzuwarten, ob der Kindergärtner auf das „Bullen“ ansprang. Im Kindergarten herrschten keine festen Regeln für den Umgang mit Sprache. Fluchen, Fäkalwörter und respektlose Titulierungen gingen durch, sofern der Eindruck bestand, dass die Kinder Wut ausdrücken, schmutzig reden oder Autoritäten Anerkennung verweigern wollten. Gedankenlose Verwendung erntete Nachfragen, falls wer vom Personal geistesgegenwärtig genug war. Mais „Bullen“ war dahingeplappert, während sie doch darauf hoffte, dass die Polizei sie retten würde. Aber der Kindergärtner ging im Geiste schon Gewehrtypen durch. Er zückte sein Handy.

Die Kinder waren Feuer und Flamme. Einen kurzen Streit, wer zuerst Täter sein durfte, entschieden sie durch Schere-Stein-Papier. Der Kindergärtner händigte jedem aus dem Killerkommando zwei Holzstangen aus.

„Das hier“, sagte er, hielt ihnen den Bildschirm hin und beschattete ihn mit dem Unterarm, „ist ein AR-15, ein halbautomatisches Gewehr. Das Geschoss fliegt aus dem Lauf mit einer Geschwindigkeit von fast einem Kilometer pro Sekunde. Wenn du zehn Meter entfernt stehst…“ – er richtete das Ende von Mais Stab auf Jun – „dauert es also nur eine Hundertstelsekunde, bis die Kugel dich durchschlägt. Du hast keine Chance, zur Seite zu springen wie im Actionfilm.“

„Sowas haben Soldaten“, behauptete Jun laut und fest.

„Es ist die zivile Version eines vollautomatischen Gewehrs, das für das Militär entworfen wurde“, korrigierte der Kindergärtner. „Bei diesem hier musst du für jeden Schuss den Auslöser drücken. Es gibt aber Zusatzvorrichtungen, mit denen es auch komplett automatisch losrattert.“

„Ich will so eins mit Zusatz“, sagte Risa, wurde aber von den anderen zurechtgewiesen, dass sie auf der Opferseite war.

„Ich wünsch mir ein Fernglas da drauf!“ Mai vergrößerte das Bild auf dem Display, um zu zeigen, wo drauf. „Dann kann ich euch vom Dachgarten des Kaufhauses am Bahnhof aus abknallen. Und nebenbei Softeis essen.“

„In Amerika haben mehrere sogenannte Amokläufer so ein AR-15 verwendet. Wer von euch weiß, was ein Amoklauf ist?“

In ein Schweigen meinte schließlich Diran: „Wenn einer durchdreht.“ Er drehte einen Stab im Nacken mit den Armen hin und her, der zweite steckte in seinem Gürtel. „Und dabei ganz viele ummetzelt.“

Diran war aus der Bahn-Gruppe. Seine Eltern hatten es mit drei anderen Paaren organisiert, dass die Kinder einander morgens abholten, denselben Zug nahmen, den Rest bis zum Kindergarten zusammen gingen. Frau Ban schickte eine SMS, wenn sie eintrafen, und bekam abends vier Nachrichten nach erfolgreicher Rückkehr. Die Mitglieder der Gruppe galten als mutig. Nicht wenige der Bring- und Abholkinder beneideten sie, und bisweilen hörte der Kindergärtner so einen Behüteten vor der Wagentür quengeln und schimpfen, weil der Vater sich weigerte, ihn mit seinen selbständigeren Freunden ziehen zu lassen.

„Genau“, sagte der Kindergärtner. „Es kam auch mehrmals vor, dass Jugendliche in ihre Schulen gegangen sind und Dutzende von Mitschülern und Lehrern erschossen haben. Ein Kindergarten war meines Wissens noch nicht dabei. Da sind wir die ersten.“

Stolzes, martialisches Geheul honorierte das.

Zusätzlich zu den AR-15 erhielten die Angreifenden noch je eine aufgeweitete Schrotflinte für besonders schlimme Verletzungen auf kurze Distanz.

„Eure Haut schaut dann aus wie Sesamkekse, und jeden schwarzen Brocken muss der Chirurg mit der Pinzette einzeln rausholen.“

„Wenn wir mit euch fertig sind, muss keiner mehr zum Schirurgn.“ Ken gab eine Salve in die Luft ab. „Da geht es direkt zum Leichenschänder.“

Der Kindergärtner stutzte. Wo hatte Ken das aufgeschnappt? Er meinte offenbar etwas wie Bestatter. Leichenwäscher vielleicht (aber selbst das wäre merkwürdig konkret – es sei denn, ein Todesfall in seiner Verwandtschaft hatte ihm dieses Wort zugetragen).

Kens Mutter dolmetschte für das Wirtschaftsministerium. Ihr Ex-Mann, vermutlich sein Vater, war irgendein hohes Tier dort. Oder war es bis zum letzten Regierungswechsel gewesen – das Team des Kindergartens kriegte die Eltern selten zu Gesicht, und das bisschen Privates, was Frau Ban wusste, stammte aus dem Getratsch ihres Fahrers und des Kindermädchens. Frau Ban hatte ihm lachend vorgemacht, wie ordinär das Kindermädchen redete. Vielleicht war ihr Mund die Quelle dieser Vokabel.

„Warum steht dein Ellenbogen komisch ab?“ Mai schaute wohl schon länger nicht mehr aufs Display.

„Oh – das kommt vom Baseball“, sagte der Kindergärtner. „An der Uni war ich Pitcher. Ist ein typischer Dauerschaden.“ Er hob und senkte den Arm, um die engen Grenzen seines Bewegungsspielraums zu zeigen. „Sind alle, die es sein sollen, bewaffnet? Dann auf die Plätze! Regelt das mit dem Verstecken so, dass ihr möglichst überrascht seid, wenn die kommen. Mörderbande, lasst den andern etwas Zeit, um euch zu vergessen. Und dann mäht sie nieder!“

Der erste Angriff mündete in furchtbare Verlegenheit. Die drei Amoks, wie sie sich selber tauften, taten ihr Bestes. Langsam, fast im Gleichschritt marschierten sie Seite an Seite, ein Gewehr im Anschlag, Kolbenende an der Schulter, um den Rückstoß abzufangen. Sie suchten ihre Ziele, folgten ruhig und konzentriert mit dem Visier deren Fluchtsprints und drückten das kleine bisschen vorausdenkend ab – schossen exakt dorthin, wohin der Körper zu entkommen hoffte. Der Kindergärtner pfiff durch die Zähne, als er das Trio so sah. Ihm war, als hätten seine Erläuterungen, deren technische Einzelheiten sie kaum verstanden, ein ganz andres Wissen bei den Kindern aktiviert. Als sei das Töten mit einer Schusswaffe bloß eine spezielle Anwendung der Fähigkeit, die eigene Aufmerksamkeit an einen Menschen zu heften, bei ihm zu sein und in der Bewegung bei ihm zu bleiben, seine Glieder physikalisch, aber auch gewissermaßen psychisch ein paar Meter zu bewohnen, ihm eine flüchtige, zufällige, doch entschlossene Treue zu halten. Wie man sich im Passantenstrom für fünf Sekunden in jemand Fremden verliebt, dachte der Kindergärtner. Oder auf der Autobahn während des Überholens zu einer Mannschaft gehört. Was für eine kraftvolle Fiktion.

Das Problem lag bei den Opfern. Woher sollten sie merken, ob sie getroffen waren und wenn ja, wo? So präzise die imaginären Projektile auf sie zuflogen, fehlte ohne echten Einschlag die entscheidende Information. Jun und Marta schielten die ganze Zeit eifrig in Richtung ihrer Verfolger, sie guckten mehr, als dass sie liefen, und als Jun sich schließlich fallen ließ, glich das dem voreiligen Beipflichten zu einem eben erst angedachten, kaum formulierten Entwurf. Mais „Peng!“ holte den schon am Boden Rollenden nicht ein. Jun sabberte Blut, bäumte den Oberkörper noch einmal auf, verrenkte den Hals, um ihr Gelegenheit zu einem finalen Genickschuss zu geben. Doch Mai schien von dieser Kooperation überfordert, verwirrt, geradezu wütend.

Risa dagegen schenkte dem fokussierten Tod in ihrem Rücken wenig Beachtung. Sie floh einfach, floh als Show, amüsierte sich in ihrem eigenen Film. Mit Grandezza nutzte sie den Schwung einer Drehplattform, huschte unter quietschenden Sohlen die Rutsche hoch, sprang ab, trat den Schützen Sand in die Augen. Weder Schuss- noch Namensrufe hielten sie. Dass man sie persönlich treffen musste, statt wild in die Gegend zu ballern, schien ihr das Gefühl zu geben, das Sterben oder Verletztwerden sei eine Gunst, die sie dem Killer erwies. Und sie erwies sie eben nicht – oder wartete, dass ein Bewerber um ihre Sterblichkeit mit einer besonders charmanten Idee kam.

Frustration brachte die Sache vorher zum Erliegen.

Der Kindergärtner empfand schmerzhaft die allgemeine Enttäuschung. Das Spiel funktionierte so nicht. Es barg nicht einmal Nebenreize. Die Kinder konnten misslungene Spielideen über Stunden verfolgen, solange irgendein Umstand, ein Detail für Behagen sorgte oder ein Begehren fesselte, das mit der Idee gar nichts zu schaffen hatte: ein Riss im Matschdamm zwischen zwei Wasserpfützen, eine unbeabsichtigt entstandene Höhle, eine Wortkette ohne Chance auf ein Ende. Der sorgfältig geplante Amoklauf indes ließ nur scheiternde Opfer und genervte Täter zurück.

Jun warf einen Blick zum Himmel, in stummer Beschwerde, dass auch die Helikopterlandung fern jeder Wahrscheinlichkeit war.

Dem Kindergärtner fiel keine gute Entschuldigung ein. Er bastelte an einer Erklärung, warum es mit dem realistischen Erschießen beim Spielen nicht klappte. Aber was dabei herauskam, war ebenso schlecht wie das, was es klären sollte. Den Fehler nüchtern zu benennen hätte den Opfern noch mehr Schuld aufgebürdet.

Er fühlte sich sehr hilflos, weinerlich, wollte aber unbedingt vermeiden, dass die Kinder es merkten.

„Marta“, sagte er, fast ohne Ahnung, wozu er das scheue Mädchen auffordern würde. Ihre großen schwarzen Augen funkelten ihn ängstlich, feindselig an.

Martas Vater lebte den größten Teil des Jahres im Ausland. Während seiner Abwesenheit schien sie still zu warten, dass er zurückkam, und während der Zeit, die er mit ihrer Mutter und ihr verbrachte, sah sie ebenso still seinem nächsten Abschied entgegen. Oder so deutete es der Kindergärtner, wogegen Frau Ban protestierte, die Theorie des abwesenden Vaters sei eine pseudointellektuelle selbstgefällige Männerphantasie.

„Der abwesende Vater wird dann bald die Ursache von allem. Weil er nie da ist, kann man jede Reaktion auf ihn schieben, und was die Mutter und die Mütter der Freundinnen und Freunde und die Freundinnen und Freunde und das Personal im Kindergarten und all die anderen anwesenden Menschen im Leben des Kindes richtig oder falsch machen, verblasst neben diesem übermächtigen Schatten.“

„Sie glauben nicht, dass ein Fehlen diese Macht haben kann?“

Sie bezweifle, dass es irgendwem helfe, dem Fehlenden diese Macht zuzuschreiben, gab Frau Ban in der Erinnerung des Kindergärtners zur Antwort. Obwohl sie etwas Aggressiveres und Direkteres gesagt hatte.

Er bat Marta, einen Vorschlag für den zweiten Angriff zu machen.

„Es soll allen Spaß machen…“ Er wusste immer noch nicht genau, worauf das hinauswollte. „Was meinst du, wie kriegen wir es hin, dass das Töten und das Getötetwerden besser zusammenpasst?“

Marta überlegte. Meist am Rand einer versammelten Gruppe oder noch lieber ein, zwei Schritte abseits, neben einem Pfeiler oder Baumstamm lehnend, pflegte sie sonst häufig ihre Finger abzuzählen, und der Kindergärtner mochte dieses Körperdenken oder diese körperliche Infrastruktur für ein Denkgeschäft, das sie da diskret mit sich abschloss.

Aber jetzt dachte sie freistehend und steif. Ihre langen Beine schienen die Schühchen verlassen zu wollen. Ein einzelnes Haar stand ab und brannte in der Sonne. Ihr Schweigen war eigenartig stark, sein Ernst fast würgend. Dieses Schweigen könnte auch eine recht tödliche Waffe abgeben, dachte der Kindergärtner. Martas schwarzes Kleid, fiel ihm auf, hatte keinen einzigen Fleck.

„Es wär geiler, wenn sie Zombies wären“, platzte Ken dazwischen, der es sichtlich nicht mehr aushielt. „Dann könnten sie immer wieder aufstehen, und wir könnten sie immer wieder umlegen!“

„Ja, Zombies“, stimmte Risa so halblaut und gönnerhaft lasch als einzige zu, dass die ganze Runde in Gelächter ausbrach, sie eingeschlossen.

„Ich weiß, dass sie kommen“, sagte Marta leise und bestimmt ins Gelächter.

Sie guckte sich um, ob das reichte.

Als alle bloß staunend dastanden, aus dem Komischen rausgestolpert, aber ohne neuen Boden, fuhr sie mit gepresster, angestrengter Stimme fort: „Ich kann nicht so tun, dass ich das nicht weiß.“

Wieder Pause.

„Und wenn ich weiß, dass die mit den Gewehren kommen und mich umbringen, lauf ich rechtzeitig weg, dass ich nicht da bin, wenn die kommen.“

In dem rechtzeitig lag eine Verzweiflung. Wer jetzt nicht versteht, möge bitte einfach aus Rücksicht auf den nicht gehirnamputierten Teil der Menschheit mit dem Leben aufhören, sagte der folgende Augenaufschlag. Aber den Belehrten dämmerte es allmählich. Es ging um das Inszenierte des Spiels.

Gnädig oder wirklich dankbar setzte Marta noch einmal nach. Und nachdem eben die Zeit für ihn beinah zum Stillstand gekommen war, offenbarte sich dem Kindergärtner nun auf einmal binnen Sekunden – wie das lachende Gesicht des Rächers in einem Film, dachte er – das Grandiose – und das Grauenhafte – einer klaren, festen, ihrer Überlegenheit durch alles Schüchterne hindurch gewissen Vernunft, wie Marta sie mit ihren viereinhalb Jahren entwickelt hatte, ob unter dem Einfluss eines abwesenden Vaters, einer anwesenden Mutter, anderer Menschen – ich, war ich daran beteiligt? schoss es ihm durch den Kopf – oder aus der Weite jener Reisen von Synapse zu Synapse, der die Philosophie den Namen ‚Selbst‘ gibt.

‚Selbst‘, dachte der Kindergärtner. Man muss das wie ein Akronym, wie die Abkürzung von etwas viel Längerem und Technischerem hören.

„Noch sicherer als Weglaufen ist es, selber eine Waffe zu kaufen und die, die mich umbringen wollen, vorher umzubringen“, sagte Marta. „Dann können sie mich nicht mehr umbringen.“

Beim zweiten Angriff pusteten die angreifenden Kinder in den Wind. Der Wind war aufgefrischt, während sie debattierten. Ein Frühjahrsgewitter schob seine Wolkenwände über dem Viertel zusammen. Frau Ban kam eilig in den Garten, um die Spielenden hereinzurufen, ehe der Schauer losplatzte. Der Kindergärtner hielt sie zurück.

Martas Behauptung hatte heftigen Widerstand provoziert. Da niemand der Logik des Arguments etwas entgegenzusetzen vermochte, schlossen die andern sich im Bemühen um Ablenkung und Verwirrung zusammen. Daraus erwuchsen dann mehrere kleinere Initiativen: Drei wollten eine Bande gründen wie Robin Hood und die Waffen auf dem Lieferweg zu Marta abfangen. Risa und der Bandenführer Jun einen Panzerwagen bauen, in dem Marta ihnen nichts anhaben konnte. Mai empfahl, Martas Kind aus dem Kindergarten zu rauben, wenn sie älter war, und Risa konnte sich sehr gut vorstellen, das Kleine im Keller gefangenzuhalten, ihm täglich sein Essen zu bringen und es Zeichnen und Schreiben und Englisch zu lehren, solange Marta friedlich blieb. Ken schlug währenddessen wiederholt in die Luft. Jun duckte sich spaßhaft reflexhaft. Obwohl er mehr als zwei Meter entfernt stand und die Stockspitze weit an seinem Kopf vorbeisauste, schien das Holz wie ein Zauberstab eine Bö aufzuscheuchen, einen Windwirbel, dessen scharfe Zacken Juns Kehle um Haaresbreite verfehlten.

Als Mai in ihren Flatterärmeln Wind zum Gegenangriff sammelte und Diran, die beiden Stäbe mühlenflügelartig hinter ihr rotierend, „Opfer bleiben Opfer!“ schrie, hob Marta den Zeigefinger.

„Nehmt euch in Acht!“

Auf der Spitze ihres Fingers thronte ein dicker Wassertropfen.

Regen hatte zu fallen begonnen und gleich wieder aufgehört. Einige dunkle Flecken musterten die Schultern. Geruch nach nassem Gras stieg in die Nase.

„Diese giftige Flüssigkeit verbrennt jeden, den ich damit treffe, bis auf die Knochen“, sagte Marta. „Schaut, dass ihr wegkommt. Eins…zwei…“

Und damit ging es los. Ohne Absprache fanden die Kinder eine ganze Reihe von Kampftechniken, die Täter und Opfer verbanden. So unberechenbar der echte Sturm tobte, schafften sie es verblüffend gut, ihre Aktionen wie das kriegerische Management des Elements wirken zu lassen. Martas Tropfen brachten die Getroffenen zu markerschütterndem Brüllen. Der Blütenblätternebel einer von Windstößen gerupften Kirsche wurde zur Gaswolke, jagte Verschanzte hinter ihren Barrikaden hervor. Im andern Lager bliesen sie aus vollen Lungen eine meterhohe Wand aus schwerer dicker Luft, die dann knatternd auf die Gegner herunterkrachte. Die stoben auseinander, retteten sich knapp mit waghalsigen Sprüngen, dass es eine Lust war zuzuschauen.

„Da hätte man jetzt gern ein Video von“, seufzte der Kindergärtner. Frau Ban schüttelte grinsend den Kopf. Im Kindergarten galt ein strenges Verbot, Aufnahmen von den Kindern zu machen, außer die Kinder selber filmten oder fotografierten.

„Sind das Biowaffen?“ räsonierte der Kindergärtner. „Oder ist es die Naturgewalt als Gleichnis des Krieges wie bei Shakespeare, wie am Anfang von Othello, wo die Beobachter anstelle der kämpfenden Flotten nur das Ineinanderspritzen von Regen und Gischt zu sehen bekommen? Und später erfährt man, dass der Sturm die gegnerische Flotte abgetrieben hat. Die Schlacht wurde völlig kampflos entschieden.“

„Jedenfalls ist es nicht nur für Sie“, entgegnete Frau Ban. „Die Kinder haben was davon, so zu tun, als würden sie einander bekriegen.“

„Haben was davon oder…werden was darin“, sagte der Kindergärtner geistesabwesend. Für einen Moment wollte ihm scheinen, Frieden auf der Welt sähe so aus, dass Menschen so Krieg führten.

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Zukunftssprache für Zukunftsliteratur

Weil Science Fiction auf science fokussiert ist, beschreibt sie die zukünftige Welt meist in einem sachlich präzisen, dem Populärwissenschaftlich-Journalistischen nahen Stil (plus ein bisschen Poesie für diejenigen Differenzen zur Gegenwart, die schwerer vorstellbar erscheinen sollen). Gesellschaftlich plausible Zukunftsliteratur könnte aber doch eher in einer Sprache geschrieben sein, in der nicht nur die Satzzeichen freier flottieren, sondern auch Satzteile in den Gelenken grammatisch noch loser, verdrehter zusammenhängen, als sie es bei Vielen heute ohnehin schon tun – einer Sprache, die gewohnheitsmäßig logisch unscharfe Aussagen produziert. Den gefühlten inhaltlichen Verknüpfungen entspricht ja eine gefühlte Grammatik bzw. umgekehrt. Der Staat wird die Kontrolle über den korrekt gebauten Satz im selben Maße verlieren wie die über diskursive Wahrheit, mit allen Vor- und Nachteilen. Es kann sein, dass sich entlang von Schreibweisen Glaubens-, Aufmerksamkeits- und Wahrnehmungsgemeinschaften bilden (ich frage mich beim Lesen von Hausarbeiten manchmal, wie wohl das Welt Bild von jemandem aus sieht, der alles aus einander schreibt). Und dass die einzige breitenwirksame Intervention ‚von oben‘ eine Software leistet, die nach Rechtschreibfehlern auch falsche Grammatik automatisch geraderückt, und die Texte derer, die das aktiviert lassen, werden für eine Weile wimmeln von typischen Sinnentstellungen, zu denen teilweise dann im Verhalten der Leute die passenden Referenten entstehen.

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