Alltag als Partner: Das relativ unverbindliche Theater von Takuya Murakawa

Aufsatz, erschienen in: Paragrana Bd. 26, Heft 2: „Kunst und Alltag“, hg. von Julius Heinicke, Joy Kristin Kalu und Matthias Warstat, Berlin: De Gruyter 2017, S. 179-198

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»Gibt es gegenwärtige Ästhetiken der Beschäftigung? Und gibt es eine ökonomisch-ästhetische Wirklichkeit der Beschäftigung jenseits (diesseits) des staatlichen Paternalismus? Everett Ghost Lines – entstanden mit Festival-Geldern in einem Land, dessen staatliche und kommunale Kulturförderung insgesamt weit hinter der reicher europäischer Länder zurückbleibt – taugt mit seinem zivilen Pragmatismus nicht zuletzt dazu, eine Außensicht auf Diskussionen zu vermitteln, die in Deutschland und Nachbarländern stark im Bann des Dualismus ‚Staatssubvention oder Privatkapital‘ geführt werden. Murakawas Briefe stellten keine Bezahlung in Aussicht, sie schlossen keinen Vertrag. Was infolgedessen geschah, hielt indes zum in der freien Szene verbreiteten Typ von Ausbeutung, der an die Stelle des abwesenden Vertrages eine mehr oder weniger sanfte, Freundschafts- und Bekanntschaftsaffekte nutzende Erpressung setzt, genauso Distanz wie zur institutionellen Anstellung.

Das Ineinandergreifen von Text und Performance bei Everett Ghost Lines gibt, wenn man darin den ökonomisch-ästhetischen Vorschlag zu einer Aufführungspraxis sieht, eine schwach persönliche Beschäftigung zu bedenken. Die Umwertung von Autorschaft in einem Scripting, das zugleich mit dem Vertrag auch die ökonomisch potenten persönlichen Bindungen kompensiert, ergibt eine Situation künstlerischen Produzierens, in der jemand sein Schreiben einsetzt, um sozialen Abstand und Anstand zu wahren: Schreiben und Als-Regisseur-das-Schreiben-Zeigen verschafft gerade so viel Unabhängigkeit, dass man es sich leisten kann, den Alltag zum Partner zu machen, ohne sein loses Nebeneinander in die Beziehungsfalle eines gemeinsamen Projektes zu locken.

Beschäftigung impliziert ästhetisch ein downscaling des Produktes – kein Pathos des Scheiterns und Fehlermachens, wie es seit Jahrzehnten obstinat aus Künstlermündern dröhnt, sondern die Bereitschaft, sich mit weniger als einem großen Wurf zufrieden zu geben, sofern dies die Partizipation derer, die die Arbeit realisieren, von staatlich administrierter Gewalt und privater Erpressung entlastet. Statt Werken, die Geschichte machen, bleiben vielleicht nur eine gute Idee und eine Anzahl Menschen, die so höflich behandelt wurden, dass sie ihre alltägliche Lässigkeit in die Kunst hinein mitnehmen durften. Das ist aber schon ein Schritt Richtung Zivilisation.«

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