Draußen sein (Love how you can pee on anything) #2

#1

Zurück in die Gegenwart: Könnten wir lernen, uns zur Außenwelt so zu verhalten, wie wir es zur Cloud tun? Davon auszugehen, dass das von uns, was da unter überreichlich anderem herumschwirrt, schon noch da sein wird, wenn ein Zugriff gewünscht wird? Vertrauensselig gewissermaßen. Strukturell naiv.

Gerade auch erotisch. Anstatt das Draußen ständig im Verdacht auf die Abwesenheit eines Dinges hin zu durchwühlen; anstatt nun, nachdem ich finden kann, das Gefundene wieder und wieder hervorzuziehen, als warte das Ding darauf, dass ich es einmal ein bisschen außer Acht lasse, um sich zur Gänze davonzustehlen; anstatt durch die neurotische Durchsetzung des Erotischen mit dem Sexuellen einen Kompetenzwettbewerb in meinem Selbstverhältnis auszutragen („Na, wie hab ich da die Abwesenheit aus mir rausgefickt, war das gut, Baby?“); anstatt zu bangen und zu hoffen und als Subjekt eines schrittweise stärker gerechtfertigten Misstrauens schrittweise gewitzter zu werden mit dem Kontrollieren (und dem Schmuggeln) bei der Ex- und Internalisierung; statt dieses fetten Katalogs voll Weltverkehrsmaßnahmen, den ich zeit meines Lebens mit mir schleppe, um für jede Eventualität gerüstet zu sein: draußen sein.

***

Wie Flitter, das organisatorische Gegenteil von Facetten. Ausgestreutes, an anderen Sachen und Sachen anderer Haftendes, das hier und da aufblinkt, in Mehrzahl glitzert. Ein Narzissmus weniger des Spiegelreflexes als der Techniken, die meinen Körper weiter, als sein subjektives Bild es vermöchte, in den materiellen Wirklichkeiten verteilen.

„Love how you can pee on anything“ (irgendwo auf tumblr gelesen) wäre ein Motto.

***

Oder mit Worten von Leo Bersani: „[…] as bizarre as this may sound, […] ontologically, the world cares for us.“[1]

Das meint nicht dasselbe wie Quentin Meillassoux’ Behauptung, dass das Universum objektiv neurotisch sei (unser Unvermögen, die Dinge unmittelbar zu erfassen, und die Wissensgier, mit der wir trotzdem danach langen, Teil von dessen ontologischer Struktur). Es geht weder darum, die von Foucault im „moment cartésien“ verortete Auftrennung des Verhältnisses zur Wahrheit in ein Erkennen objektiver Sachverhalte und eine subjektive Sorge um sich zur Seite des Ersteren hin rückgängig zu machen, noch um das entgegengesetzte Projekt einer Respiritualisierung von Erkenntnis, die ein Gespür fürs Wohltuende am Weltkontakt leitet. Vielmehr kommt es darauf an, das, was beide Heilungen der Moderne als weltfremdes Subjekt gleichermaßen voraussetzen (eins, das darauf angewiesen ist, von der Welt in deren kosmischen Plan aufgenommen zu werden, oder eins, das sich solange pflegt und imprägniert, bis alles Unzuträgliche der Welt an ihm abperlt), aktiv in Frage zu stellen – indem ich mir abgewöhne, bei jedem kulturellen Erzeugnis, das mir ein sich entziehendes Ding hinhält, reflexhaft in faszinierte, existenziell erregte Selbstkontraktion auszubrechen; und zur Abwechslung mal was ästhetisch erfahre, dessen Erfahrbarkeit mich in meiner flitterhaften, zwischen dem Übrigen rieselnden Form antrifft und das glänzt (wenn es denn glänzen soll), als hätte ich drübergepinkelt.

***

Unvermeidlich bestraft die Realität so einen argwohnlosen, nicht vorm Spiegel trainierten Narzissmus. Früher oder später sucht das gerechtfertigte Misstrauen mich als Subjekt heim, wie mir auch als Cloud-User nur ein sehr unwahrscheinliches Glück Momente der Reue erspart. Da sind sie dann doch weg, die Dateien (hätte ich bloß Sicherheitskopien angelegt!). Da haben Unbefugte sich Zugriff verschafft, die Informationen über mich verkauft an Dritte, die damit Eigennütziges im Sinn führen. Da sammelt ein Überwacher alles über mich und über Millionen andere (während ich es nicht einmal schaffe, meinen eigenen Datensatz zusammenzuhalten).

In dieser Situation steht eine ethische Entscheidung an: Wie reagiere ich darauf? Folge ich der Einsicht, zu der das gerechtfertigte Misstrauen drängt, in die nahegelegte Konsequenz, in der Welt vor der Welt auf der Hut zu sein? Hänge mein Begehren an einen Verdacht und übertrage es den Agenturen, die diesen Verdacht geltend machen (wie Anwälte, indem sie ständig Einwände gegen den Fortgang des Prozesses erheben und das Urteil hinauszögern; wie Folterknechte, indem sie eine Wahrheit aus der Welt herausquälen, von der klar ist, dass die Gewalt sie produziert, aber besser Hintermann des Erstschlags gegen sie sein als eins ihrer Opfer; wie Mahner, die Ungewissheiten zu einer Verschwörung zusammensetzen…). Oder entschließe ich mich zum Verweilen beim Naiven? Nehme in Kauf, dass die da draußen noch mehr meines Eigentums an mir verscherbeln, unter Wert, „an den billigen Ständen“, für ein eher vulgäres Miteinander, dem meine Selbstachtung insgesamt die Zustimmung schwerlich erteilt hätte. Pflücke ich meine kritische Intelligenz von den Vorbehalten ab, an denen sie sich festsaugt, und lege sie in die Sonne?

***

Diese Entscheidung betrifft auch das Zusammenhängen meiner Weltbeziehung mit den Weltbeziehungen anderer. Wir Menschen verfügen über eine lange, leistungsstarke Tradition, die Affekte des Misstrauens für Kollektivbildung zu nutzen. Der Zusammenschluss kodifiziert die Umkehr der subjektiven Angst vor dem Sichentziehenden in ein Einer-dem/n-andern-Versichern. Das soziale Band besteht aus einander gegenseitig stabilisierenden Hysterien. Sex ist bloß das Geständnis, dass es so ist (er ist umso intensiver, je stärker die Angst und je größer der Zwang, die psychosomatischen Motive des Sozialen im sozialen Leben selbst zu verdrängen). Von daher kann in dieser Realität des verselbständigten Vorbehaltes die sexuelle Ekstase als Modell für Ursprung und Grenze des Sozialen herhalten: Im Gesellschaftlichen klingt eine ungleich wildere, sowohl innigere als auch brutalere Gemeinschaft ab; und ein Unwille gegen die moderate, elastische, dafür belastbare und ausdauernde Bindung gesellschaftlicher Verhältnisse sucht, daran erinnert, im Sexuellen nach Gelegenheit zur Überschreitung, nach einer stärkeren Bindung durch Zerreißen der sozialen. Der Orgasmus bringt die Kontra-Evidenz, in der das Gemisch aus unbegründetem Vertrauen und vorsorglichem Misstrauen in Flammen aufgehen darf; Erlösung, kurzzeitig (ich ins All geschleudert, irgendwelche Weltfragmente tanzen an meiner Stelle).

Um aus dieser Tradition auszuscheren, die Ekstatik des in Auslieferung umschlagenden Vorbehaltens zu verlernen, braucht es Übung im fortgesetzt Ungeschützten. Wie naiv bleiben, ohne sich vor der Welt zu verschließen, ohne die Hinweise auf das Gefährliche des Draußenseins zu leugnen? Eine Antwort auf diese Frage brachte den Bildungsroman hervor mit seiner Zeitlichkeit eines ersten, das Subjekt qua Öffnung aktivierenden Augenblicks, den jede Episode des weiteren Lebens erneut durchläuft. Romane lesen, um das gerechtfertigte Misstrauen zu suspendieren, das unbegründete Vertrauen in die Welt kraft einer Unterbrechung des Kontakts mit ihren facta wiederherzustellen, ist seither eine Technik, die gar nicht schlecht funktioniert (und natürlich auch mit Filmen, Musik, Internetkram). Leider (zum Glück? wer weiß) nur für die wenigen Privilegierten, denen das Milieu ihres Aufwachsens etwas von der Sublimierungskompetenz des bürgerlichen Individuums vererbt. Alle anderen müssen ausrasten oder immerzu zurück ins Ressentiment, sofern es ihnen nicht glückt, sich mit harmlosen Vergnügungen von der Frage nach dem Charakter der Wirklichkeit abzulenken.

Gibt es Wege in die Sensibilität abseits bürgerlicher Bildungsphantasien und ihrer halbherzigen Institutionalisierung ‚für alle‘? Was in der Welt unterweist mich im Durchhalten, im Kultivieren, im Verfeinern und verfeinernden Vergröbern eines Draußenseins, das darauf verzichtet, sich aus einer Verteidigungshaltung heraus durch das Objektive zu boxen? Wem begegne ich im Zuge solcher Unterweisung?

#3

[1] Leo Bersani, Psychoanalysis and the Aesthetic Subject, in: Is the Rectum a Grave? and other essays, London/Chicago: UCP 2010, S. 139-153, hier S. 152f.

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