Kindergarten #1

„Heute externalisieren wir unsere Unsicherheit“, sagte der Kindergärtner.

Er war früher Architekt gewesen und hatte den Kindergarten entworfen. Nachdem das Gebäude stand und die erste Generation von Kindern es mit Rennen und Gebrüll erfüllte, tat es ihm leid, dass er kein eigenes Kind hatte. Seiner Firma mangelte es nicht an Aufträgen, doch er überließ das Ausdenken und Planen und die Aufsicht über die Projekte dem Team, das ihn bisher unterstützt hatte, und begann in dem Kindergarten zu arbeiten. So konnte er verfolgen, wie es den Ideen, die in den Formen, den Materialien und Farben steckten, hier täglich erging. Und er lernte Kinder kennen.

Er nahm einen Klotz aus einer Reihe von zehn oder zwölf, die wie ein umgestürzter Turm auf dem Boden lagen.

„Dieser gelbe Klotz ist die Möglichkeit, dass mich niemand liebt. Was mache ich mit ihm?“

Fingerheben war verpönt. Mehrere Kinder redeten durcheinander. Der Kindergärtner hörte „Aus dem Fenster werfen“ (mit dem Kommentar des Nachbarn „Dann isser im Garten“), „Im Klo runterspülen“, „Frau Ban in die Tasche schmuggeln“ und „Solange drauftrampeln, bis es so weh tut, dass du das mit der Liebe vergisst“. Und er hörte, leicht verzögert: „Aber der liebe Gott liebt dich!“

Er ging zur Wand, an der Kisten voller Kreiden und Stifte hingen, nahm einen dicken schwarzen Filzer und malte auf eine Fläche des Klotzes ein X.

„Das hier ist die Möglichkeit, dass Gott nicht existiert oder dass auch er mich nicht wirklich liebt, falls er es doch tut. Dass er ein Politiker ist, der nur so tut, als ob ihn mein Leben kümmert.“

Daraufhin trat Stille ein.

Einige der Kinder hielten die Hand auf zum Zeichen, dass sie sich die Sache näher ansehen wollten. Der Kindergärtner überließ einem Mädchen das gelbe Objekt mit dem X, und um sie herum bildete sich eine Arbeitsgruppe, während die anderen zu Spielen zurückkehrten oder noch eine Weile warteten, ob man schnell eine Lösung fand, und dann, da es nicht danach aussah, ihren Leuten in die Zerstreuung folgten.

Der halbe Tag verging, ohne dass der Kindergärtner vom Resultat der Beratung erfuhr. Er hatte den Klotz fast vergessen. Seine Unsicherheit sprang wieder dort herum, wo er sie sonst für gewöhnlich bemerkte: an den Fingerspitzen (ihm rutschten Dinge herunter oder er schubste sie um, weil der Körper von zwei möglichen Bewegungen kurz hintereinander beide wählte); auf der Haut (rote Flecken – oder helle Flecken auf gerötetem Grund); und in der Blase, wo eine Ameisenkolonie zu nisten und über alle erdenklichen Kleinigkeiten zu streiten schien (er rannte mehrmals zum Pinkeln, ohne bis auf ein paar Tröpfchen was rauszudrücken).

Als schon Eltern ihre Wagen am offenen Ende des Hofes parkten, winkten drei Mitglieder der Arbeitsgruppe den Kindergärtner in eine ruhige, von der Nachmittagssonne verlassene, den Spielenden offenbar längst zu düstere Zone. Die Halle hatte weder Ecken noch Zwischenwände. Sie lief beinah im Kreis um den Garten. Für den Architekten hatte es damals, vor der Einweihung, Preise gehagelt. Einmal pro Monat kamen Architekturstudenten zu Gast, fotografierten, stellten Fragen, die meist Kinder beantworteten, weil der Kindergärtner es müde war, die Erklärungen zu wiederholen. Den Kindern machte das Wiederholen der Antworten Spaß, und die angehenden Architekten – etwas befremdet wegen des Tonfalls, der Fremdwörter und der geschraubten Rhetorik, aber eingenommen von der allgemeinen Heiterkeit – nickten und machten eifrig Notizen.

Der Kindergärtner empfand Freude und Angst. Nicht alle seine Aufgaben stießen bei den Kindern auf ein derart nachhaltiges Interesse.

Ein Junge aus der Gruppe steckte ihm etwas zu.

„Ist das eure einstimmige Reaktion?“

Der Junge nickte.

Der Kindergärtner war unschlüssig, ob er das Etwas vor den Augen aller inspizieren sollte. Es fühlte sich groß an. Unhandlich. Die anderen nickten jetzt auch.

„Na gut“, sagte er.

In der offenen Handfläche lag ein gelber Klotz mit einem schwarzen X auf einer der Flächen. Das X vom Schweiß leicht verwischt, und er entdeckte schwarze Spuren an zwei seiner Finger.

„Ihr … gebt mir das so wieder?“

Das Mädchen, das den Klotz am Morgen entgegengenommen hatte, wies auf ein Sitzkissen neben dem Durchgang zu den Toiletten. Darauf thronte ein weiterer gelber Klotz. Auch er war mit einem schwarzen X versehen.

Als der Kindergärtner den zweiten Klotz aufhob, entdeckte er im Vorraum der Toiletten einen dritten.

Barfuß, wie er das ganze Jahr hier herumlief, betrat er die bunten Kacheln. Ein vierter Klotz fiel sofort auf, da er sich vom dunkelblauen Grund abhob. Über einen fünften, der auf einer gelben Fliese deponiert und dessen schwarze Markierung nach hinten gedreht war, wäre er gestolpert, hätte das Mädchen ihn nicht gewarnt.

Auf einer Klobrille und exakt im Schatten, den die Trennwand zwischen zwei Kabinen warf, fanden sich die Exemplare sieben und acht. Acht betrug die Stärke der Gruppe.

Der Kindergärtner überlegte, was diese Installation ihm sagen wollte. Hieß die Vervielfältigung, dass jedes der Kinder mit der gleichen Unsicherheit lebte wie er – dass keines sicher sein konnte, geliebt zu werden?

Wer sein Kind bei uns anmeldet, zahlt eine Menge Geld, dachte der Kindergärtner. Die hohen Gebühren, die notwendig waren, um das Bauwerk im Sinne des Schöpfers zu nutzen, hatten ihn anfangs erschreckt. Die Mehrzahl der Eltern verdiente aber viel oder kam aus reichen Familien, und die Ausgaben zählten schwerlich als Beweis der Zuneigung. Eher als Investition. Inmitten eines selbstverständlichen Wohlstands aufzuwachsen sensibilisierte vermutlich für die Leere hinter den Werten.

Ihm wurde bewusst, dass acht Klötze bei acht Kindern die Frage nach seinem Klotz offenließen. War das Original unter den acht? Wenn ja, hatte ein Kind sich von den Zweifeln ausgenommen? Galt es herauszufinden, welches und warum?

„Oder befindet mein Klotz sich woanders?“ dachte er laut weiter. „Habt ihr was damit angestellt?“

Die Kinder lachten und klatschten. Der Kindergärtner kam sich vor wie der Gewinner eines Wettbewerbs. Wo war der Preis?

„Soll ich ihn suchen?“

Die Kinder nickten wieder.

„Suchen wie ein Osterei?“

Als er der Runde die Aufgabe gestellt hatte, war der Klotz nur ein Ding unter vielen gewesen. Eins ins Greifnähe, zur Veranschaulichung geeignet, weil kompakt, gut zu erkennen, leicht beweglich und vor allem billig genug, so dass sein Verlust oder seine Verunstaltung niemanden schmerzte (ein bisschen sehr von der Institution her geschätzt, sah der Kindergärtner ein). Er wollte den Kindern das Prinzip vermitteln: man nimmt etwas, erklärt es zu einem Teil seiner selbst, besetzt es – und das eigene Gefühlsleben wird so indirekt manipulierbar. Was Ähnliches taten sie, wenn sie spielten. Kreischte ein Kind plötzlich hysterisch „Meins!“, meinte es mitunter wohl gar nicht Besitz, sondern „ich“. Der Angebrüllte stand im Begriff, mit Eigenschaften zu türmen.

Ab wann habe ich angefangen, die Unverletzbarkeit meines Körpers für bare Münze zu nehmen? fragte der Kindergärtner die Silhouette, die ihm draußen im Garten suchend vorausging. Wann setzte sich die Überzeugung fest, dass das Gesetz mich zusammenhält und nicht der liebende Blick eines andern?

Um diese Stunde fuhren die meisten heim. Er grüßte Väter und Mütter, tauschte Höflichkeiten aus, erkundigte sich nebenher bei den kleinen Einsteigenden, ob wer seinen Klotz wo rumliegen gesehen hatte. Die Gefragten verneinten.

Der Klotz erschien ihm mittlerweile doch sehr wertvoll. Er erwartete keineswegs eine großartige Pointe, eine Offenbarung vom Schlage des Evangelisten. Man missverstand die Schlauheit der Kinder, wenn man ihnen weise Einsicht in das zeitlos Wahre unterstellte. Sie waren keine ewigen Kinder. Ihr Kindliches strich rasch die Kante einer Gegenwart entlang, von der das Kantige einem entgangen wäre. Je länger jemand Welt nimmt und wieder weglegt, desto abgegriffener und runder erscheint alles, dachte der Kindergärtner und meinte vor allem sich.

Irgendwann merkte der Kindergärtner, dass er allein war. Oder jedenfalls der Letzte. Frau Ban verließ normalerweise mit ihm zusammen die Anlage. Manchmal begleitete sie ihn bis vor dem Bahnhof. Einmal hatten sie in der Konditorei am Nordeingang einen Kaffee getrunken. Heute war sie schon weg, ihre Mutter lag im Krankenhaus oder musste zum Arzt.

Der Kindergärtner überlegte: Würde ich unglücklicher in meinem Feierabend eintreffen, wenn ich den Klotz noch finde oder wenn ich ihn nicht mehr finde?

Da sah er seinen Klotz.

Sie hatten ihn nicht übermalt, wie er befürchtet (oder heimlich erhofft?) hatte. Auch sonst nicht aufwändig verändert.

Der Ort, den sie gewählt hatten, war ihm entgangen, weil die letzten Sonnenstrahlen des Tages sich dort zu einem Schlauch zu sammeln pflegten, einem Streifen, der den Frühling über immer bauchiger, kürzer, heißer und greller wurde, und im Juli, ein paar Tage vor Beginn der Sommerferien, explodierte er wie eine reife Melone, die man entzweischlägt (Frau Bans Vergleich – sie brachte für das Sommerfest des Kindergartens jedes Jahr Melonen aus dem Laden ihres Schwagers mit, legte sie im Garten aus, und dann durften alle mit verbundenen Augen und Holzschwertern bewaffnet die Gegend durchfuchteln, bis wer eine von den Früchten erwischte).

Sie hatten ein Stück Schokolade auf eine der gelben Flächen gelegt. Die mit dem Antigotteskreuz zeigte zur Seite. Der Kindergärtner hob den Klotz auf. Die Schokolade war in der Sonne geschmolzen. In der Kühle nach dem Verschwinden des Lichtes wieder etwas fester geworden, allerdings nicht sehr.

Sein erster Impuls war, den Stein abzuwaschen. Sein zweiter, die Schokolade abzulecken.

Als er in seinem Apartment eintraf und laut sagte „Feierabend!“, schmeckte der Abend nach einer Mischung aus Bitterstoffen und Zucker. Das Bittere war wirklich bitter, der Zucker wirklich süß. Niemand, dachte der Kindergärtner, ist nicht wirklich. Niemand lautet der Name des letztens Bedauerns, ehe man stirbt. Dann, wenn ich sterbe, wird es aber auch egal gewesen sein.

Er verzichtete auf das übliche Bier, um einmal genau zu wissen, wie lange so ein Geschmack auf der Zunge blieb, wenn nichts ihn wegspülte. Erstaunlich lange.

—> Kindergarten #2

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