Politik mit Sade: Warum wir die Körper verbinden und die Reden trennen sollten

[Manuskript eines Impulsvortrags, gehalten beim Workshop Spaltungen. Verfahren und Figurationen gesellschaftlicher (De-)Segregation an der TU Dresden am 12.7.2019]

Zwei Impulse:

  1. stammt von de Sade – bzw. von Roland Barthes als Sade-Leser

Philosophie im Boudoir: Auguste, der junge Gärtner, der zuvor an den sexuellen Ausschweifungen teilgenommen hat, wird hinausgeschickt, als man den politischen Text Bürger, noch eine Anstrengung, wenn ihr Republikaner werden wollt verliest, da „das hier“ nicht für ihn gemacht sei:

„[…] der Diskurs, der die republikanische Moral begründet, ist paradoxerweise ein linguistischer Sezessionsakt. Die Sprache des gemeinen Volkes, an der sich zunächst die aristokratische Sprache ergötzt, wird danach einfach aus der Dissertation, d.h. aus dem Austausch (zwischen Logos und Eros) ausgeschlossen; die libidinöse Szene ist eine Mischung von Körpern, nicht von Sprachen […].“ (Roland Barthes, Sade Fourier Loyola, Ffm. 1986 (O: 1971), S. 181)

  1. stammt von V., einem ehemaligen Studenten, der mittlerweile als Organisator von queeren kulturellen Veranstaltungen und als Escort arbeitet und ein Promotionsprojekt zu „Sex als Kommunikation“ vorbereitet. Er hat im Rahmen seiner Möglichkeiten mit möglichst vielen Leuten Sex (Möglichkeiten: er ist schwul, und sein Begehren in Bezug auf Frauen reicht, soweit ich informiert bin, nicht so weit, dass er mit ihnen Sex hat). Und zwar dezidiert Sex als Anreiz, Gelegenheit, Mittel und gewissermaßen Methode, um sie kennenzulernen. Schon bevor er als Escort anfing, war er auf schwulen Dating-Plattformen wie Gayromeo und Grindr aktiv, und eins seiner Argumente für dieses Verhalten lautet: Auf diese Weise komme ich in Kontakt mit Menschen, denen ich sonst nie begegnen würde – Arbeitern, kleinen Angestellten, Managern usw. Es scheint ihm die einzige oder jedenfalls effektivste Option, Begegnungen außerhalb seiner sozialen Blase zu haben. –> Mischung der Körper; zwar kein linguistischer Sezessionsakt, aber eben nicht das Projekt, mit den Leuten zu reden, ‚in Dialog zu treten‘. Reden ergibt sich eventuell nach dem Sex, dazwischen, am Rande.

Diese persönliche Strategie finde ich instruktiv, weil sie darauf verweist, dass die soziale Segregation in einer sog. liberalen Gesellschaft wie der hier in Deutschland diese Mischung der Körper immer unwahrscheinlicher macht. Obwohl die großen Städte Kontaktzonen wären, hält die ökonomische und soziale Aufteilung in edle und schäbige, szenige und spießige Wohngebiete die Menschen nicht nur alltäglich voneinander fern, sondern auch in ihren imaginären Kiezgemeinschaften zurück. Der Kiez ist das Scheitern der Großstadt.

Wo städtische Einrichtungen wie Kindergärten und Schulen Kinder aus sozial segregierten Familien zusammenbringen, erscheint das heute als zwanghafter Eingriff in eine ‚freie Entfaltung‘ (in den USA gab es teilweise kommunal finanzierte Busse, die Kinder aus afroamerikanischen Familien in Schulen mit fast ausschließlich weißen Schülerinnen und Schülern transportierten – die allermeisten wurden eingestellt, nicht selten nach Protesten oder Klagen weißer Eltern). Die Sortierung in großbürgerliche, kleinbürgerliche, prollige und asoziale Lebenssphären verhindert dabei nicht zuletzt, dass die Kinder und Jugendlichen Möglichkeiten entdecken, ihre Körper in Kontakt zu bringen – dass sie gemeinsame Spiele, gemeinsame Formen ernsthafter Auseinandersetzung finden und irgendwann miteinander Sex haben.

Es gibt Online-Optionen, aber auch beim gegenwärtigen Stand des Online-Dating sind die Chancen, vom Sextrieb aus dem engen gesellschaftlichen Umfeld hinausgeführt zu werden, gering. Das Internet der 00er Jahre, das noch mehr auf Text als auf audiovisuellen Inhalten basierte, gestattete mit seiner Avatar-Phantasmatik eine gewisse Freiheit, sich abseits der sozialen Verortung zu positionieren, und dadurch kamen einige unwahrscheinliche Begegnungen zustande – wie ich selbst bezeugen kann und wie jemand, den ich in diesem Jahrzehnt online kennengelernt habe (und sonst wohl schon wegen unseres Altersunterschiedes nie kennengelernt hätte), in einem schönen Essay beschrieben hat: Max Wallenhorst, Polyamory [FAQ].

Die sozialen Netzwerke haben das weitgehend beendet und darauf hingewirkt, dass Online-Kommunikation sich auf die geografische Erweiterung von Offline-Kommunikation beschränkt. Meine Versuche, über Facebook dauerhafter zu Leuten in Kontakt zu kommen, die nicht Akademiker*innen oder Künstler*innen sind, blieben fruchtlos. Ich ertrage geduldig die AfD-nahen Posts von jemandem, der mit mir zur Schule ging, weil es die einzigen Signale von außerhalb dieser Blase sind (mit ihm über diesen Kanal zu reden, gar mich mit seinen Beiträgen auseinanderzusetzen, erscheint mir hingegen perspektivenlos: wir würden uns in beidseitiger Rechthaberei zerstreiten, das wärs).

Die Logik sozialer Netzwerke hat auch Online-Dating okkupiert (wobei die algorithmische filter bubble die Konturen der sozialen Blase nachzeichnet, denn die Inspiration für die Programmierung kommt ja von der Dynamik der Bestätigungsreflexe, mit denen wir uns schon auf dem Schulhof zu Klumpen anordneten). Wenn man es nicht wie V. vorsätzlich als breit angelegtes Rumfickprojekt betreibt, spricht viel dafür, dass soziale Kriterien die erotischen determinieren. Die Problematik eines Begriffes wie sapiosexual liegt genau darin – die Präsentation als Intelligenz- oder Wissensfetisch verschleiert die soziale Konventionalisierung.

Tatsächlich hat die Verlagerung des Sex-Datings auf Apps vor allem zwischen Männern eine Reihe sozial etwas indifferenterer Online-Praktiken an den Rand des Verkümmerns gebracht. Das Cruising in Parks, öffentlichen Toiletten, Schwimmhallen usw. hat sehr nachgelassen. Umfragen zufolge finden viele jüngere schwule oder homosexuell interessierte Männer die Vorstellung, nachts im Gebüsch oder selbst in einer schummrigen Bar spontan körperlichen Kontakt mit Fremden zu haben, ohne vorher Fotos und stats abzuchecken, abwegig, beängstigend, eklig. Und die berühmtesten Darkrooms der Republik im Berghain würden kaum funktionieren, wenn nicht an der Tür ein Selektionsprozess für hinreichende Homogenität sorgte. Die Orgie der 2010er war stets kuratiert; und es deutet nichts darauf hin, dass das in den 2020ern anders sein wird.

Was ich hier knapp und mit einer subjektiven Färbung skizziere, ist nicht auf identity politics zurückbuchstabierbar – so, als müsste man nur mal mit der political correctness aufräumen, und dann würden schon wieder fröhlich alle miteinander rumvögeln. Nein, würden sie nicht. Das Auseinanderdividieren, von dem ich spreche, hat mit Mangel an Gelegenheit zu körperlichen Begegnungen zu tun, nicht mit der Differenzierung von Zeichen, an denen einige mehr, andere weniger interessiert sind. Was man (oft ein bisschen missverständlich) unter identity politics fasst, meint überwiegend Hinweise oder Forderungen bezüglich des Gebrauchs von Zeichen – von Sprache oder auch von Bildern, von Dingen, die als kulturelle Zeichen fungieren. Es geht um einen historisch bewussteren, weniger geschichtsvergessenen Gebrauch.

Eine Zuspitzung der Argumentationen im Namen von identity politics käme allerdings dem, was ich mit dem Zusammenbringen der Körper meine, sozusagen von der anderen Seite entgegen. Zugespitzt liefe es auf die Forderung hinaus, auf die Perspektive eines großen klärenden, die Welt befriedenden, die Menschen miteinander aussöhnenden Gesprächs zu verzichten. Das Dialogische als den bürgerlichen Universalisierungs-Fetisch zu entlarven, der es schon immer war und heute mehr denn je ist. Diese Forderung kommt mit der Empfehlung, die Reden zu trennen bzw. eine unaufhebbare Trennung der Reden zu akzeptieren, sie im Kommunizieren selbst immer wieder in Erinnerung zu rufen und anzuerkennen. Das ist keineswegs die einzige Weise, identity politics aufzufassen, aber im Hinblick auf die Szene bei Sade und den Kommentar von Barthes möchte ich das hier versuchsweise vertreten: Während wir (und wir heißt einfach: möglichst viele von denen, die von dem hier direkt oder indirekt zu hören bekommen – statistisch wohl sehr wenige) unbedingt etwas dafür tun sollten, körperlich die Kontakte zu Menschen außerhalb unserer sozialen Segregationszonen zu vermehren, gilt es zugleich Abstand zu nehmen von der Vorstellung einer großen ungeteilten Resonanzsphäre, einer Welt, in der alle mit allen reden können und sich auch dazu aufgefordert fühlen sollen.

Der Glaube, der Dialog sei das, was schlechte Grenzen überwindet, scheint mir nicht nur irrig, sondern historisch-politisch fatal. Die Wirksamkeit des Diskurses besteht offensichtlich nicht im Verbindend-Integrativen, sondern darin, Differenzen zu artikulieren. Reden gibt Spaltungen zu entdecken, zu benennen, zu entwickeln und zu vervielfältigen. Das tut es sowieso, auch dort, wo es der Integration dienen soll – weshalb eine gelingende Diplomatie die Sprache, die scheinbar im Zentrum der Begegnung steht, auf vielerlei Wegen beseitigt, sie ganz wörtlich zur Seite, ins Abseits zieht. Diplomatie setzt auf Beschäftigung, auf die ablenkenden und gewohnheitsbildenden Effekte der Tätigkeit des Redens – inkl. der materiellen Bedingungen dafür: die arrangierten Treffen mit ihren umständlichen Protokollen, die Bankette… Das wirkt auf eine Art auf die beteiligten Körper, die dem Sexmachen nähersteht als dem, was die populäre Vorstellung vom Einverständnis durch Verständigung suggeriert.

Mein Vorschlag wäre dennoch eine eher undiplomatische Politik, die zum einen den Diskurs seiner Dynamik des Spaltens überlässt und zum anderen die Gelegenheit für die Körper vermehrt, in Kontakt miteinander zu treten. Praktisch hieße das z.B.

  • rigorose, kommunal organisierte Umverteilung von Kindern und Jugendlichen auf Kindergärten/Kitas und Schulen, so dass überall eine Mischung der Einkommensgruppen und eine ethnische Mischung entsteht –> die Kategorie ‚Klasse‘ in die Biopolitik einführen
  • ein Vorschlag von Ivo Dimchev (der aus Bulgarien stammt): statt eines Wehrdienstes ein Sex-Dienst – jeder Mensch, der 18 wird bzw. die Schule abschließt, gleich welchen Geschlechts, arbeitet für bspw. 6 oder 12 Monaten als Escort. Das Inanspruchnehmen von Escorts könnte eine Sozialleistung sein, kostenfrei oder nach Einkommen gestaffelt, die Vergabe nach Kriterien der Bedürftigkeit erfolgen (Menschen mit Behinderungen, denen es schwer fällt, Sexpartner zu finden, kommen etwa bevorzugt zum Zuge); das Ganze ohne Rücksicht auf sexuelle Präferenzen und Identitäten der Sexdienstleistenden –> positiver Nebeneffekt: auch heterosexuelle Männer würden sich dran gewöhnen, anal penetriert zu werden
  • Parteien und alle Organisationen, die auf der proklamierten Einigung ihrer Mitglieder beruhen, müssen aus dem politischen Leben entfernt werden. Stattdessen Verteilung möglichst vieler Ämter nach Losverfahren; auch hier: Verteilung der Körper, Möglichkeit eines zunächst schrankenlosen Dissenses ohne Bindung an Parteidisziplin, Positionierung durch Parteizugehörigkeit usw. – und aus dieser Situation heraus käme das Entscheiden einem Vorgang gleich, den Toni Negri mit der etwas enigmatischen, aber treffenden Formulierung „presenting ourselves before the emptiness of decision“ beschrieben hat (Antonio Negri, The Porcelain Workshop. For a New Grammar of Politics, Paris 2008, S. 148)

= die Entscheidung ist nicht das Produkt eines Debattierens, sie ist überhaupt kein Produkt; eine Zäsur trennt sie von der Debatte; sie ist ein körperlicher Vorgang, der darin besteht, einen Zettel in diese oder jene Box zu werfen, einen Finger jetzt oder später zu heben, an verschiedene Orte eines Raumes zu gehen und dort zusammen mit anderem zu stehen etc. –> s. auch die Dissertation über Abstimmungsverfahren als Performances von Hannah Kowalski, Das Theater der Entscheidung. Die Rolle des Performativen beim Abstimmen (2018)

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