Denken ersetzen

Denken durch anderes Denken ersetzen: Ist mir das jemals gelungen? Ist es mir jemals widerfahren – wenn nicht als eigene Leistung, dann unter dem Einfluss fremder Mächte –, einen Gedanken, einen gedanklichen Zusammenhang, eine Denkungsart, ein Denksystem loszuwerden so, dass etwas Entsprechendes dessen Platz einnimmt? Verändert sich Denken so, per Ersetzung? Wie verhält Ersetzen sich zur Anpassung?

Es gibt eine eliminative Wissenschaft, die Hypothesen als wahr oder falsch bewertet und einen Prozess verlangt, in dem wahr-scheinliche Hypothesen an die Stelle falsifizierter treten. Die falschen verschwinden aus dem Diskurs der Wahrheit. Sie werden nur zur Sicherheit protokolliert, um nicht dieselben Experimente zu wiederholen, weil wer bereits als falsch Erwiesenes naiv neu probiert.

Dagegen findet ein kulturgeschichtlicher Relativismus im Zeichen des Archivs alles, das irgendwo aufbewahrt ist, auch kostbar. Faszination, der affektiv-epistemische Modus seiner Einlassung, erweist dem vom Eliminismus Verworfenen einen Respekt, der doch verdächtig gern zu denselben Gläubigkeiten zurückkehrt. Das Relativieren ist eigentlich bloß strategische Operation, um sich in verschiedenen Winkeln an das alte metaphysische Absolute zu schmiegen. Eine beschränkte Geschmeidigkeit macht dieses Denken tendenziell reaktionär: es kann sich ein bisschen an veränderte Umstände anpassen, bleibt aber grundsätzlich darauf angewiesen, das Andere sich anzupassen. Das aggressiv-gescheite „Gab es das nicht auch schon bei…?“ des Kulturhistorikers leistet das unfreiwillige Geständnis dieses Reaktionären. Was sich rhetorisch als berechtigtes Misstrauen gegen das ganz Neue zu verstehen gibt, ist tatsächlich Unfähigkeit (und wissender Unwille), dem relativ Neuen jenen einen Schritt zu folgen, der es vom archivarisch Versammelbaren entfernt.

Hegel konstruiert den großen Kompromiss: alles aufbewahren und zugleich eliminieren. Dadurch hebt die Aufhebung sich ab von der bloß progressiven Ersetzung. Das Ersetzende ist nicht wahr, indem das Ersetzte falsch wurde; es ist wahrer, noch wahrer als das Ersetzte, und es bejaht und bestärkt durch die Negation hindurch auch dessen Wahrheit als notwendiger Schritt in der Entfaltung des Weltgeistes. Bei Hegel darf das Denken immer besser werden, im Eliminismus wird es bestenfalls weniger schlecht (es bleibt dort aber das Denken am Die-Welt-Erkennen als ursprünglicher, später irgendwie noch auszumerzender Fehler).

Nietzsche kommt wiederholt der Entwöhnung auf die Spur. Das Denken gehört zum Körper, und wie der Körper aus und in Gewohnheiten besteht, so ist auch ein Anders-Denken nur durch Änderungen von Gewohnheiten erreichbar. Daher Diät, Askese, Übungen, die mit den Ersetzungsroutinen des Körpers arbeiten: Keinen Alkohol mehr trinken, sich keinen christlichen Empfindungen mehr hingeben. Ich muss das eine Weile durchhalten, und dann scheidet mein Körper die Vergiftung durch Mitleid, Erlösungshoffnung, Priesterhörigkeit usw. nach und nach ebenso aus wie die durch Alkohol. Die Gewohnheit als solche, das Muster, erhält sich dennoch im Körper; das Ersetzen der Zellen prozessiert ihre Informationen mit weiter, so dass die Zufuhr einer geringen Dosis des Giftes, dessen ich mich entwöhnt habe, reicht, um das Musterverhalten neuerlich zu aktivieren.

Die aussichtsreichere Alternative bestünde deshalb womöglich darin, den Körper durch gezielte Veränderung seines Milieus, seiner Lebensbedingungen so umzuzüchten, dass er auf die Gifte anders reagiert, ihnen andere Wirkungen abgewinnt. Was geht aus dem Mitleid hervor, wenn die Situation, in die ich mich umsichtig gebracht habe, weder abwartendes, untätiges Einfühlen gestattet noch mütterliches Michkümmern? Was aus dem Hoffen, wenn ich die aktuelle Lage dadurch trotzdem nicht länger ertrage? Was aus der Bereitschaft, jemandem zu folgen, der behauptet zu wissen, was zu tun sei, wenn etwas vor meinen Füßen mich bei jedem Schritt in die von ihm gewiesene Richtung seitwärts stolpern macht?

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