2016

Irgendwie passend zu 2016, am letzten Tag des Jahres ein Didier Eribon-Moment. Meine Mutter telefoniert nebenan in der Küche mit meiner Tante. Ihre Stimme so laut, dass ich durch die geschlossene Tür mithöre. Es geht um Politik, und im übelsten Wutbürgerton, jammernd anklagend, klappert ihr Monolog Posten um Posten des Ressentiments ab: Schau dir an, was da in den Schulen heute für ein Scheiß läuft, mit dem Laptop sind die zugange, bevor die Kinder überhaupt Schreiben und Rechnen können, kein Wunder, dass die Lehrlinge alle untauglich zur Ausbildung sind. Assad und Erdogan hätten sie erschießen sollen, dann wär das alles nicht passiert. Lokaljournalisten sind Dreckskerle, die es  darauf anlegen, jemanden, der der Stadt finanziell helfen will, als Rassisten bloßzustellen. So viele Pädophile, wie es heute gibt…! Die da oben betrügen uns (Renter) seit der Einführung des Euros. Bei Merkel zählt doch das Volk auch nicht mehr. Macht ist überhaupt das Schlimmste – mit dem Zusatz: „Ich würd allerdings ehrlich gesagt deren Job auch nicht machen wollen…“, was die nächste Tirade von Ausfällen gegen die Vollidioten, die uns regieren, nicht aufhält.

Ich krümme mich (und dieser Text ist vor allem der Versuch, den Peinlichkeitskrampf wieder aus den Gliedern zu kriegen). Wie willst du denn aber etwas zu Politik sagen, wenn du nicht einmal das aushältst? frage ich mich. Es leben in diesem Land und auf der Erde vermutlich weit mehr Menschen, die wie sie denken, als dir Urteils- und Empfindungsnahe. Menschen, die nach deinem Verständnis überhaupt nicht denken, sondern auf einen rhetorisch vorgefertigten Sinnkomplex direkt mit einem Affekt anspringen – einer Emotion, die so sein kann, wie sie ist, weil sie keine andere Bestimmung hat als die, sich zu äußern: die Affektivität staatsbürgerlicher Subjekte, die daran gewöhnt sind, vom politischen Handeln abgeschnitten zu sein, die nicht handlungsvorbereitend, handlungsbegleitend, handlungserinnernd empfinden, sondern Gefühle haben anstelle des Handelns: Efferenzen, die ins Leere zischen: Resonanz-Gefühle.

Meine Mutter ist ein extrem lieber Mensch. Der Hass, der da aus ihr herausspritzt, erschreckt mich umso mehr, als ich sie nur ohne Strenge kenne. Dass sie es geschafft hat, innerhalb ihres kleinbürgerlichen Umfeldes (und ohne ihm je zu entfliehen) mich zu dem werden zu lassen, was schon während meiner letzten Teenagerjahre im elterlichen Haus sich dem ihr Fassbaren entzog, nötigt mir heute Bewunderung ab. Die Mütter und Väter meiner Schulfreunde erzogen genauso mies wie die Ansichten, die sie politisch vertraten – ängstlich-aggressiv, voll Vorbehalt, die Hände und Gesichter hart von Bremsreflexen gegen jeden Schwung, der nur wenige Zentimeter aus den ihnen bekannten Bahnen auszuscheren drohte; oder sie erzogen gar nicht, weigerten sich, eine Elternrolle zu spielen. Vielleicht, dass die Liebe (zu einem 25 Jahre älteren Mann) meine Mutter das entscheidende Stück aus der Spur drückte. Gnädige, das Gesetz durch eine Lücke ziehende Ödipalität.

Das mag ihr die Aggression des Spießers erspart haben, der in erster Linie aus dem Motiv tätig wird, den Keim anderen Glücks zu ersticken. Aber nicht die untätige Aggression der Regierten. Wären die Regierenden Familienmitglieder, Verwandte, Nachbarn, sie gönnte ihnen die Freiheit ihrer schlechten Entscheidungen. Das Besserwisserische ihrer Weltbemutterung wollte dann helfen, nähme in Form von Ratschlägen, wie inkompetent und beschränkten Horizontes auch immer, Verantwortung wahr. Konkrete Sorge vergäße den Hass einfach; wie bei Brechts Mutter setzte bei ihr sofort ein routinierter Sinn für das Praktische ein, und die negativen Konsequenzen, unter denen Mitmenschen im Schatten ihrer Teilnahme eventuell zu leiden hätten, wären einer menschlich-unvollkommenen, notwendig kurzsichtigen, mit Irrtümern durchsponnenen Praxis geschuldet. Damit könnte man leben (was auch sonst). So jedoch, ohne jede Übung darin, etwas mit der Wut über all das Falsche zu machen, ohne Nächsten und ohne Übernächsten in Beziehung zu dem, was Informationen ihr in Sachen Politik übermitteln, ist ressentimentales Geschwätz eine selbstgenügsame Beschäftigung. Eine Realität der zupackenden Fürsorge und eine des nölenden Zorns existieren nebeneinander, separiert, wie zwei alternative Betriebsmodi. Zorn übernimmt, wo die Fürsorge kein Objekt zu fassen bekommt. Unterschiedlos Anstoß nehmender Zorn scheint der Preis für ein Verhältnis zur Welt, das außer dem Fürsorglichen keine Richtigkeit des Praktischen kennt.

Die Scham beim Mitanhören packt mich, weil ich Etliches von dem, was meine Mutter da für schlimm hält, auch für schlimm halte. Und ich weiß mit der Frustration angesichts dieses festgezurrten, in seine Infrastrukturen verfilzten Schlimmen nichts Besseres anzufangen. Außer Denken. Gerade dieses Denken trennt uns – und trennt mich von Millionen, die sich ohne denkenden Aufschub ihren Affektäußerungen hingeben und darüber ressentimentale Bande knüpfen wie sie. Es trennt mich sogar von dem an mir selbst, das ihr gleicht.

Was wir gemeinsam haben könnten, Denken hin oder her, wären Formen, unsere Aggression in etwas anderes als Geschwätz zu investieren. Beschäftigungen, die nach und nach Übergänge von bloß expressiver bürgerlicher Erregung zu kollektiver Handgreiflichkeit bahnen – bei denen die Affekte von der Zunge in die Hände wandern. Es wäre schön, jetzt zusammen ein kleines, handliches Stück schlechte Welt kaputt zu machen, denke ich mir, während draußen, hinter Sicherheitsrollos, Silvesterböller krachen. Kein laues Ritual, das die körperliche Gewalt übers Symbolische ableitet. Nichts Kathartisches, das als soziale Verrichtung funktioniert wie ein Film oder früher Drama auf der Bühne. Sondern selber wirklich richtig zerstören. Ein technisch versiertes, by doing gelerntes und by doing weiter verfeinertes Zusammenwirken dabei, von mehreren Seiten her gezielt destruktiv zu agieren. Die Antwort einer Gesellschaft des 21. Jahrhunderts auf eine Frage, die mit der Durchsetzung des Nationalstaates und seines Gewaltmonopols übergangen wurde und seither ohne Anerkennung, ohne Anrecht auf Mitsprache im politischen Diskurs in der Luft hängt: Was ersetzt die Rache?

Repräsentative Demokratie eingelassen in einen Nationalstaat ist der Versuch eines modernen Autoritären, dessen Fluchtpunkt der Faschismus bleibt, sich selbst in Schach zu halten. Einige Ereignisse 2016 haben gezeigt, wie schnell das scheitert. In einer segmentären Gesellschaft war Rache die ins Negative gewendete Fürsorge, die gewaltsame Konsequenz aus der Verantwortung für die Familie. Im Ressentiment nimmt ein kläglicher Rest dieser Konsequenz – nun, nachdem legitime Vergeltung allein dem Souverän zusteht, nackte Anmaßung – nahezu universale Ausdehnung an: Je machtärmer, desto umfassender verübe ich Negation an einer Realität, die kränkt, ohne mich zumeist auch nur persönlich zu meinen. Zerstören darf ich allenfalls im Anschein des Produktiven oder zur ordnenden Pflege, Unkraut ausrotten für den hübsch grünenden und blühenden Garten (meine Mutter betreibt leidenschaftlich Gartenarbeit). Während die aufbauenden, produktive Tätigkeiten aufteilenden und zusammensetzenden Formen selbstorganisierter Kollektivität durch Jahrhunderte Reichs- und Staatsbürgertum nie ganz außer Übung gerieten, da sie sich in Abwesenheit einer zivil-politischen Sphäre am Fürsorgeprinzip der Familie orientieren konnten, erging es dem Destruktiven schlecht. Sublimierung verlief im Politischen so viel blöder und eintöniger als im Erotischen – zivile Negativität wäre gut damit beraten, von der Perversion zu lernen, nicht zuletzt von ihrer Findigkeit im Mediengebrauch.

Es ist kurz vor Mitternacht. Mein guter (schlechter) Vorsatz für 2017 lautet: etwas darüber herausfinden, wie man richtig zusammen zerstört. Beim Zerstören.

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