Höflichkeit (und Liebemachen) ohne Könige, aber mit Smartphones

Wir sind besser darin geworden, mit schlechter Haltung zu kommunizieren. Die Däumlinge und Däumelinchen, wie Michel Serres zärtlich neckend die Kinder der digitalen Vernetzung nannte, entwickeln nicht nur aus dem Daumen zum Greifen einen zum Schreiben, Schieben und Wischen. Ihre Körper sind darauf eingespielt, die frontale Begegnung „face to face“ mit dem nach unten, zur Seite Gerichteten zu verbinden. Die Hand zieht das Handy aus der Tasche – ein Nicken zu etwas, was das Gegenüber sagt, verlängert sich in einem Blick auf das Display, und während des Weiterredens wird kurz eine Antwort getippt, woraus der Blick zurück zum leibhaftig Anwesenden unter den Gesprächspartnern einen koketten Augenaufschlag zu zaubern versteht. Zu beanstanden finde ich daran allenfalls mangelnde Eleganz in der Ausführung.

Wer das für unhöflich hält, sollte sich entsinnen, dass Höflichkeit entstand, um Distanz zwischen Menschen zu schaffen. Norbert Elias zeichnet das in seiner Zivilisationstheorie nach: Im Zuge des „Verhöfischungsprozesses“ sehen Adelige, die am Hof des Monarchen aufeinander treffen, sich auf einmal gezwungen, mit ihresgleichen zu kommunizieren. Der höfische Verhaltenskodex, von dem die höflichen bürgerlichen Umgangsformen abstammen, soll zu direkte Konfrontationen zwischen diesen Gleichen vermeiden, die an Gleichheit nicht gewöhnt sind (und nein, wir sind daran noch immer nicht gewöhnt, nicht einmal ansatzweise). Die Regeln, die das Interagieren tatsächlich zu einem Umgang machen, wo man miteinander umgeht, indem man einander umgeht, sorgen dafür, dass jeder einen Abstand zu seinem eigenen Verhalten unterhält. Die Indirektheit im Selbstverhältnis nimmt auch der Äußerung das Allzu-Direkte.

Auf den Stehempfängen einer Epoche, die ihre Bürger im Analogen aussetzte, bedurfte es eines Danebenstehenden oder zur Rettung in der Not Danebentretenden, um mich von meinem Gegenüber abzuwenden und ein Gespräch, das in irgendeinem Sinn zu verengen drohte, zu öffnen. Heute sind Dritte in größerer Zahl per Gerät hinzugezogen. Die Begegnung behält damit in jeder Situation ihren geselligen Charakter. Geselligkeit besteht ja darin, dass niemand ungeteilt die Aufmerksamkeit eines anderen erhält, da stets Dritte im Spiel sind – im Unterschied zum Gesellschaftlichen, das mich ins Verhältnis zu ‚allen anderen‘ setzt und das Bedürfnis nach dem Ungeteilten sogar bestätigt und stärkt.

Die schiefe Einstellung zur „face to face“-Kommunikation verletzt die Fiktion, dass innerhalb geselligen Verkehrs die höhere Einheit einer Beziehung von nur Zweien sich einstellen könne, ja dass dies dessen wahrer Zweck sei: ein telos des Ungleich-Innigeren, worauf alltägliche Zerstreuung pflichtschuldig zuliefe, um inmitten des Sozialen die Zuwendung von Liebenden oder von Geistes- wie Blutsverwandten zu offenbaren. Diese Fiktion scheint der nachhaltigste bürgerliche Beitrag zur Angelegenheit der Vielen. Zusammenleben soll elementar aus ganzheitlichen, intensiv verbindlichen Beziehungen bestehen. Das reduziert den Dritten auf die Rolle eines Kindes, das seine Eltern findet: Nummer Drei erschließt den Zweien einen Weg in die Vielfalt qua unendlicher Ergänzung.

Solche Konvention, das Soziale vorzustellen, will es auf immer unter das Primat der Bindung stellen: Bindungen des einen an den anderen und aller an ein imaginiertes Gemeinsames. Aus der Wirklichkeit unseres Kommunizierens schielt indes eine andere Genealogie: die Herkunft der Umgangsform aus dem Aneinander-Vorbeileiten, der Verlagerung ins Laterale. In dieser Perspektive angeblickt und an den nichtbürgerlichen Usprung der Höflichkeit erinnert zu werden, ist das Ärgernis, an dem der bürgerlich gestikulierende Kulturpessimismus Anstoß nimmt, wenn seine Stimmen die Generation von Däumlingen und Däumelinchen selbstbezogen, egoistisch schelten (ihr gar – in Verkennung des aufs Rhythmische, auf den gliedernden Wechsel zwischen Hin und Weg bezogenen Begriffes – „Taktlosigkeit“ vorwerfen).

So versöhnt es die Kritiker auch keineswegs, provoziert eher noch größeren Unmut, wenn Menschen von heute das Gesellige in die Liebe hineinholen, der Dummheit zu Zweit eine Intelligenz der Mehreren beigesellen (ohne sie dadurch auszutreiben, liebesdumm sein kriegen sie immer noch hin). Das, was Einige unter dem Stichwort „Polyamorie“ diskutieren – aber auch die gegenwärtige Disponierung von Paarbeziehungen – trägt in ihren angenehmen und unangenehmen Effekten dem Umstand Rechnung, dass die Körper der Menschen nicht zwingend, schon gar nicht ausschließlich dazu bestimmt sind, in einer nach außen festen, nach innen unendlich ineinandersinkenden Umarmung zur mythischen Kugelgestalt zurückzukehren. Körper liegen aufeinander, selbst im sexuellen Akt. Die Berührung geht nicht darin auf, der Beginn der Verschmelzung, der schmerzhaft-leidvolle Ort ihres Scheiterns zu sein (und Genuss, jedem konkreten Prickeln transzendent, in der Umarmung dieser Tragik zu verschaffen). Sie besteht im Aneinanderreiben, einem schrägen Hin-Her. So wie Körper im Leben niemals zum Stillstand kommen, gibt es keine Berührung, die nicht auch eine Bewegung zur Seite wäre. Sogar im platonischen Sinne auf ihr relationales Wesen abstrahiert, findet Erotik statt im wiederholten Durchlaufen jenes Moments, in dem meine Lippen, meine Hände, meine Lenden an der Haut des anderen zu einem Daneben hinüberwandern.

Unsere Kultur der starken Zweierbindung kennt ein Arsenal von Techniken, um diese Abweichung wieder einzufangen, das Promiskuitive im Kontakt zwischen den Körperoberflächen ins Dienstverhältnis für das ‚Du und ich‘ zurückzubringen. Aber dieser Apparat aus Perversion und Tugend ist in Kraft, eben weil das Erotische die Vorgaben der Liebesrhetorik niemals so richtig beglaubigt. Nirgends, nicht einmal bei dem traditionell so sehr ins Zentrum gestellten Penis, finden wir eine aufrechte Haltung, ein Fest-Stehen, das nicht zugleich ein hier und dorthin tastendes Erschlaffen, ein pendelndes An- und Abschwellen wäre. Sex ist geradezu ein Fest der schlechten Haltung, ein auf Nebengewinne abzielender Betrug an seinem offiziellen Format.

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