Blass, hell: geliebt

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Der Geliebte kann weder aktiv werden noch warten. Als Alltagsfigur zählt er deshalb zu den unglücklich dreinschauenden Menschen, aber Alltag wirkt an ihm blass, und er gewinnt höchstens in dieser Blässe ein seltsames Strahlen, eine ungesellige, ungesellschaftliche, für manche beängstigende oder abstoßende Helligkeit. Der Geliebte scheint allein für das Besondere geeignet. Im Allgemeinen lebt er überhaupt bloß einer Kette von Zufällen, denen er seine Mienen und Gesten mehr oder weniger ironisch, mehr oder weniger abwesend in der ironischen Bejahung überlässt. Man ahnt, wie sehr er darauf angewiesen ist, dass jemand ihn aufspürt, erkennt und, womöglich gegen seinen Willen, erobert. Nichts steht in einem lächerlicheren Kontrast zu seinem Wesen als der Vorgang der Wahl, dieser abrupte Sprung von den erreichbar Vielen durch die Allgemeinheit in den Einzelfall. Er brächte nie das passende Verdrängen für etwas so Banales auf: einen Mitmenschen wählen. Und sobald er merkt, dass er gewählt ist, arbeitet es in ihm gegen die Realität des Banalen, das heißt gegen die Realität.

Verfügte das Selbst über ein Bewusstsein als Geliebter (unmöglich? wahrscheinlich), begriffe der sich Begreifende sich kaum als Einzelperson. Das vage, aber ständig gegenwärtige Empfinden, irgendwie alles mitzuteilen, was der Liebende gibt und sich nimmt – all seine Fragen und Probleme zu tragen, alle Lüste und Abneigungen zu bewahrheiten, die Leben aller Menschen, die dieser Liebende lieben könnte, mit dem eigenen Dahinbringen von Zeit zu erzählen – korrespondiert einer Besonderheit, die durch jede akzeptable Individualität nur gedemütigt würde. Das Bewusstsein des Geliebten wäre das Selbstbewusstsein des Du.

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2 Antworten zu Blass, hell: geliebt

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