Buchstäblich: geliebt

–>

Während der Liebende graduell existiert, packt es den Geliebten ganz in Qualität. Das Leben schenkt ihm vollendetes Glück oder geht vorbei, ohne zu geben. Vollendung meint hier keine jener Übertreibungen, wie man sie häufig in der Rhetorik des Liebenden findet (der sie nötig hat, um mit dem Geliebten zu sprechen, ihn von dem zu überzeugen, was er schließlich doch bejahen muss, ihm die Symmetrie vorzuspiegeln, ohne die an seine Eingemeindung in eine Liebesbeziehung kaum zu denken wäre…). Der Geliebte lebt die Qualität des jeweiligen Augenblicks buchstäblich. Er interpretiert nicht, oder genauer: sein Verhalten ist keine Interpretation. Beinah dümmlich eigentlich tut er genau das, was er tut – und indem es für ihn auch genau das ist, was es ist, hat es gewissermaßen keinen phänomenalen Charakter, sondern die glanzlose Wärme der Gewissheit.

Weder der Liebende noch ein Unbeteiligter wird im Geliebten etwas Erregenderes als diese Liebesgewissheit finden. Ein starker, energischer und phantasievoller Liebender kann die Gewissheit zur seinigen machen. Seine Leidenschaft kann ihm den Eindruck vermitteln, sie mit ihm dem Geliebten zu teilen, und die Tage, da er das vermag, gehören ihm. Vielleicht wächst aber auch ein schneidender Zweifel daraus, der in der Selbstverständlichkeit der Liebe für den Geliebten nur einen Mangel an Gefühl wahrnimmt. Der Liebende wirft dem Geliebten dann vor, zu wenig oder jedenfalls zu unverantwortlich zu lieben. Er hält ihm vor, kein zweiter Liebender zu sein, und womöglich formuliert er die Vorwürfe ebenso energisch und phantasievoll. Der Geliebte weiß auf derlei Vorhaltungen selten mehr als ein Lächeln zu entgegnen – das die Beziehung beendet oder ihr freies Ende neuerlich in die Hände des Liebenden legt, je nachdem, wie schlecht der es versteht.

–>

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Geliebte_r, Partizipation, Synchronisierung abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Buchstäblich: geliebt

  1. Pingback: Zufällig: ungeliebt | Die Kunst des Kollektiven

  2. Pingback: Blass, hell: geliebt | Die Kunst des Kollektiven

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s