Besucht: geliebt

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Projektion: Der Geliebte ist nicht deshalb der Geliebte, weil ihn jemand liebt. Er ist der Geliebte, weil Zufälle (die Spiele der Genetik, Erziehung, Sozialisierung) ihn in diese Position manövriert haben, und wenn eines Tages jemand hinzutritt, um ihn zu lieben, zieht das Glück die Zufallsschlaufen fest. Was wie der Quell einer gemeinsamen Geschichte von Liebendem und Geliebtem sprudelt, ist ontologisch ein Knoten.

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Was auch immer er tut und wie lang er dafür braucht, wird der Liebende für den Geliebten niemals die Handschuhe des Besuchers abstreifen. Das Verhalten des Geliebten, dem Liebenden und seiner Leidenschaft gegenüber, zeugt von der dezenten Umsicht eines Gastgebers – jemand, der anbietet und darauf vertraut, dass der andere nimmt; der sein Interesse bereithält und damit rechnet, dass der andere ihm Objekte verschafft; der selbstverständlich wartet, bis der andere aufbricht, und dabei fest davon ausgeht, er werde es irgendwann tun. Der Besucher muss gehen. Niemand will ihn dazu zwingen, aber es gehört sich so – und sein Zeitgefühl macht den Geliebten zum Vollstrecker dieses sanften, aber unerbittlichen Gesetzes, das die Begegnung beendet.

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„Wir beneiden uns. Die Liebe ist nur der Versuch, diesen Neid zu überspringen.”[1]

Der Geliebte ist eine Aufgabe, die nicht delegierbar ist.[2] In seiner Existenz lauert daher ein ständiger Verdacht, der Liebende würde sich in dem, was er um seinetwillen tut, von der Liebe zurückziehen, Teile davon einem Dritten überantworten. Das Auftauchen jedes Dritten alarmiert augenblicklich. Der Geliebte leidet nicht etwa unter Eifersucht, unter der Angst, verlassen zu werden (das sind die Affekte des Ungeliebten, desjenigen, der weiß, dass er an irgendeinem Ende der Beziehung mehr liebt, als er wiedergeliebt wird, und fürchtet, wenn die Verhältnisse sich nur ein wenig mehr zu seinen Ungunsten verschieben, steht er allein da). Ihn packt vielmehr die fassungslose Wut darüber, dass Lieben andere Interessen zulässt, durch die der Liebende sein commitment ergänzt.

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[1] Jacques Derrida, Politik der Freundschaft, Frankfurt a.M: Suhrkamp 2002, S.376

[2] Vergl. Roland Barthes, Fragmente einer Sprache der Liebe, Frankfurt a.M.: 1988, S. 57.

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2 Antworten zu Besucht: geliebt

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