Vielleicht beide Freunde: geliebt

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Derrida erwägt mit Nietzsche eine „Liebe, deren rechter Name Freundschaft wäre“.[1] Er denkt diese Freundschaft wie ein Ereignis innerhalb der Liebesbeziehung:

„Vielleicht wird eines Tages, hier oder dort, kann man es je wissen, zwischen zweien, die einander lieben, sich etwas ereignen. Zwischen zweien, die einander aus Liebe lieben – und so, daß vielleicht Freundschaft zum rechten Wort für das würde, was sich da ereignet hätte.“[2]

Das vielleicht bleibt der Modus, die Verschränkung von Erwartung und Erinnerung des Ereignisses. Wie ein leichter Zweifel begleitet Freundschaft die Liebe, die Serie von Liebesakten und deren fortwährende Reorganisation zu einer Liebesbeziehung. Tag für Tag räumt das Lieben an jedem Abend eine zugleich befremdliche und entlastende Eventualität wieder weg und stellt sie am nächsten Morgen neu auf – nämlich die, dass alles von Anfang an ganz anders gekommen ist: Es ging eigentlich nie um Vereinigung, sondern darum, Freunde zu werden. Es ging nicht um die Unmöglichkeit der Inbesitznahme, um das Pathos ihres Scheiterns und den Irrsinn meines Anrennens dagegen (und meines Ausweichens, wenn der andre gerannt kam), sondern um die hohe, aber endlich hohe Schwierigkeit, etwas anzunehmen, was gegeben wurde, ohne die Form eines Angebotes zu haben, ohne Spekulation auf einen möglichst billigen oder möglichst teuren Exzess. Es war uns beiden um die taktvoll in der Mitte gehaltene Asymmetrie dieses Nehmens zu tun.

Versucht ein solcher eigenwilliger Gebrauch des Wortes Freundschaft, sich der Liebe vom Geliebten her zu entsinnen? Wenn Freundschaft den Sinn einer anderen Erinnerung an die Liebe und einer anderen Erwartung der Liebe annimmt, löst das einen Augenblick aus dem Lieben (aimance, schreibt Derrida) aus, den man weder in der Vergangenheit der unter dem Namen Liebe geliebten Liebe wiederfindet noch in deren Zukunft erahnt. Dieser Augenblick korrespondiert keinem Ort innerhalb, jenseits oder am Rande der Liebesszene. Keine Liebesgeschichte, deren narrative Gliederung der Zeit von der Topologie einer solchen Inszenierung der Liebe als Aktivität des Liebenden (und Passivität des Geliebten) abhängt, verzeichnet ihn. Um ihn zu erzählen, müsste man die Geschichte von zwei Geliebten schreiben. Mindestens zwei.

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[1] Jacques Derrida, Politik der Freundschaft, Frankfurt a.M.:Suhrkamp 2002, S.102.

[2] Ebd.

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2 Antworten zu Vielleicht beide Freunde: geliebt

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