Unfair bewertet: geliebt

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„Die Qualität eines jeden der ungezählten Autos, die am Sonntagabend nach New York zurückkehren, entspricht genau der Hübschheit des Mädchens, das darin sitzt.“

Wer wie Adorno an einem imaginierten Straßenrand stehend den Wert von Autos und Mädchen vergleicht, den mag es zu der Erkenntnis leiten, die Prostituierte sei eigentlich die wahre Figur dieser ökonomisierten Version von Geliebtsein.

Man hat dergleichen immer wieder angedeutet, zuweilen mit der einseitigen Offenheit des Vorwurfs ausgesprochen: Geht nicht jedes dieser Mädchen, die sich am Sonntagabend von ihren Liebhabern nach Haus kutschieren lassen, im schon dünnen Romantikschleier des Dating einer diskreten, selbstverständlich gewordenen Prostitution nach? Sieht nicht die Lebensdramaturgie, die hier in der Mitte des 20. Jahrhunderts die bürgerliche Familie im Umweg über den Ausflug in eine Zukunft ohne sie erreicht, vor, das Verhältnis von Hure und Freier in das von Hausfrau-Mutter und Geldverdiener zu überführen – mit der Hoffnung, etwas von der erotischen Spannung dieser Abhängigkeit in die ordentlichere zu retten? Liefert nicht die Geschichte vom verliebten Freier, der die Hure zu seiner Frau macht, sowohl die romantische Utopie spätbürgerlicher Sozio-Ökonomie als auch deren absolutes No-Go , indem sie diese Transformation einfach zu wörtlich vollzieht?

Heute dagegen sehen wir die andere Seite dieser Indienstnahme des Sichverkaufens für die Readjustierung eines Lebens, das Sex, Liebe und Familie vereinbaren soll: Der ökonomische Realismus der sozialen Wertäquivalenzen bedroht die Jahrtausende alte Figur der Prostituierten. Die Prostituierten werden wohl nur dort überleben, wo sie ihrerseits den Weg in die Normalität zu Ende gehen und das Sexwork, das sie anbieten, jede zweideutige Verbindung zu den von Liebe kontaminierten Szenen des Begehrens durchtrennt. Prostitution diente traditionell (als Tradition) dazu, etwas Unverhältnismäßiges im Begehren aufzufangen und ihm zugleich einen Ausdruck zu geben. Dieses Unverhältnismäßige quittierte darin, dass man für die Dienste einer Prostituierten zu viel bezahlte. Am Beginn der Begegnung stand, je nach kulturellem und historischem Kontext, die Parodie eines Opfers oder ein leidenschaftliches Feilschen um einen Preis, in dem sich bereits das ganze Drama von Herabsetzung und Erhebung abspielte. Auch wenn die Hure die Summe im Gestus eines offenkundigen Betruges senkte („Nur für dich, Schätzchen!“), stand fest, dass sie überhöht bleiben musste.

Dies zum einen, weil der Freier etwas für sein Geld bekam, von dem alle Beteiligten nichtsdestominder zu versichern hatten, dass man es für Geld nicht bekommen könne (Unverhältnismäßigkeit der Prostitution selbst). Zum anderen, weil der Mann im Sex mit der Hure eine absolute Souveränität (Frau kaufen = sie besitzen) und eine Ohnmacht (kaufen müssen = nicht haben können) erfuhr und sie für ihn in ihrer professionellen Performance die Verbindung zwischen diesen beiden gegensätzlichen Extremen herstellte, ihn durch ein Wechselbad der Gefühle führte und ihm erlaubte, sich in den Wendungen und Zuckungen, den Sprüngen zwischen Gipfel und Abgrund zu erschöpfen, bis für einige Zeit ein Ausgleich erreicht war. Die Triebabfuhr gab es im Glücksfall zur Begehrensabfuhr gratis dazu: Als adaptives Gegenüber für die neurotische Dynamik eines männlichen Ego bildete das Verhalten der Prostituierten Negative für dessen Unangemessenheit an sich selbst.

Prostitutierte konnten Gesellschaft stabilisieren, indem sie die Labilität des geliebten Wesens mit einer zuverlässigen, technisch beherrschbaren Form kombinierten. Diese stets heikle, grenzwertige (da die Grenzen von Wertsphären betreffende) Rechnung büßt ihr wichtigstes Motiv ein, wo die soziale Ökonomie das Unverhältnismäßige selbst glatt in ihre Wertbildungsprozesse integriert. Tritt an die Stelle der festen Zuweisung von Werten ein unentwegtes, nur durch Verfahrensprinzipien bestimmtes Evaluieren, an die Stelle definierter Normalität eine liberale, lokale und temporale Normalisierung, so gibt es praktisch keinen Überschuss mehr, den das System nicht verarbeiten könnte. Wenn ich ohnehin täglich den Wert meiner Partnerin und meinen eigenen ermittle, täglich beiläufig beschließe, die Beziehung weiterzuführen, zu beenden oder unter Vorbehalt zu stellen und nebenher ein bisschen nach Alternativen Ausschau zu halten, während die Partnerin mir durch ihr Betragen signalisiert, dass sie dieser offenen Bewertungsdynamik zu entsprechen versteht, dann erübrigt sich die Szene eines Handels mit der Hure.

Was nicht heißt, dass sie aufhört stattzufinden: Männer gehen unverdrossen in Bordelle, doch der soziale und ökonomische Ort dieser Szene verschiebt sich. Das Reden über Preis, Praktiken, Risiken und deren Aufpreis, Sympathien und Rabatte wird zu einer weiteren Transaktion, die von dem, was man im Job, unter Freunden und Bekannten und in der Beziehung tut, nichts Wesentliches, höchstens eine gewisse dreckige Färbung und Intensität unterscheidet. Das Internet trägt dazu bei, diese Prozesse auch medial zu vereinheitlichen oder einander anzunähern: Freier teilen in Online-Foren Informationen über das Preis-Leistungsverhältnis von Prostituierten. Sie bewerten ihr Aussehen, ihre Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit, ihre Hygienestandards, ihre Geschicklichkeit und Ausdauer, ihre Freundlichkeit und ihr Einfühlungsvermögen. Das erschwert den Betrug erheblich, und eben darin liegt der Zweck: Männer helfen Männern im Buddy-Netzwerk, sich die Demütigung zu ersparen, die es rechtfertigte, Sexwork „käufliche Liebe“ zu nennen.

Dem Informierten winkt ein realistischer Deal, den der Spuk der Geliebten nicht heimsucht. Und man könnte mit Adorno’scher Bitterkeit sagen, dass erst die faire Bewertung, auf die das hinausläuft, den Käufer in den Stand setzt, statt der (Nicht-)Liebe wirklich körperlich die Frau zu kaufen. Ein Preis, den man – egal auf welcher Höhe – angemessen finden kann, verwandelt eine Prostituierte effektiv in jene Ware, deren Anschein sie bislang nur trug wie die gewerbeüblichen übertriebenen Kostüme der Verfügbarkeit. Ohne im Erotischen noch eine Ausnahme zu haben, kommt die Ware Körper in der Solidität eines Objekts-von-Bewertung-in-Geld an. Sie verliert den gespenstischen Charakter des ‚alten‘ Kapitalismus, der in seinen Transaktionen stets ein Überzähliges, nirgends Unterzubringendes mit zu verteilen hatte. Die zeitgemäße Figur der Prostituierten tritt nicht aus dem Dunkel einer schmutzigen Straßenecke ans halboffene Fenster des langsam fahrenden Wagens. Ihr Angebot besteht gegen die skandalöse Billigkeit von Mädchen in armen Ländern, wo Sextouristen von den Kolonialverbrechen ihrer Vorfahren profitieren. Sie gleicht den von Adorno observierten Mädchen auf dem Beifahrersitz, die es heute wie sie abwegig fänden, keinen Beruf zu haben, nur um einem Mann die Familie zu komplettieren (oder bereits Gegensehnsüchte nach einer Flucht aus der Jobhölle ins komfortabler gewordene Heim entwickeln). Sie „eine Professionelle“ zu nennen, produziert weder Warnung noch Witz. Trotz aller Vorsicht kann es passieren, dass so eine Prostituierte enttäuscht – aber auch das nicht anders als eine neue Partnerin oder ein neuer VW Passat.

Zwei Reaktionen auf die gegenwärtige Situation lassen ahnen, was das Verschwinden der Liebesillusion aus der Prostitution verschließt und eröffnet: Der staatliche Ansatz, Freier zu bestrafen, verstellt dem ökonomischen Realismus mit einer Realität des Gesetzes den Weg. Auch den Verfechtern dieser Regelung dürfte klar sein, dass derlei gesetzliche Bestimmungen die Prostitution nie wirksam unterbinden (eins der gewichtigsten Gegenargumente lautet, dass man sie so erneut in die Illegalität drängt und der Kontrolle des Staates ebenso entzieht wie dem Zugang von Hilfsorganisationen). Aber um abschreckende Wirkung scheint es gar nicht zu gehen. Das Gesetz soll eine Realität als Gesetz behaupten, die moralische Verurteilung in der Realität verankern. So zynisch die Kriminalisierung von Sexkäufern Staatsräson auf Kosten derer vollstreckt, die man zu schützen vorgibt, identifiziert der Abwehrreflex präzise die ihn auslösende Gefahr: In der Sphäre des fair zu Bewertenden angelangt, streift der Tausch Sex-plus-x gegen Geld den letzten Rest eines Verbrechens ab. Auch geduldet, ja legalisiert, hielt der Betrug im Geben und Nehmen die Erinnerung an die großen Unrechte wach, die seit Existenz des Menschen die Erde in ein Gestell zwischen Himmel und Hölle umdefinieren. Nun ist Schluss damit. Und deshalb muss man von nun an zum Verbrechen erklären, was wie irgendein Geschäft ausschaut.

Und dann klärt eine empirisch gestützte Forschung zur Prostitution, in ihren Fragen, Kategorien und Kriterien informiert von Gender und Queer Studies, darüber auf, dass ein erheblicher Teil der Prostituierten aktuell Männer sind. Eine englische Studie analysierte Daten von mehr als 27.000 Personen, die sich online als Escorts inserierten. Ein Drittel gab an, männlich oder transsexuell zu sein; zwei Drittel sprachen Frauen als potenzielle Kundinnen an. Die Autorinnen fordern den Schritt von einer reaktionären Phantasmatik der Prostitution, die nur Frauen in Opfer-Rollen und Männer in Täter-Rollen sieht, zu einem Realismus der uneinheitlichen, verteilten Bereitschaften und Bedürfnisse (was die Positionen von Opfer und Täter nicht ausklammert, aber an konkrete Zeugnisse und Geschichten bindet). Während an Adorno die Autos, in denen zwei Männer oder zwei Frauen saßen, unbeargwöhnt vorüberrauschten, ist heute endlich Grund, sich zu wundern, ob auch für Gleiche dieselbe Ungleichheit gilt. Denn womöglich ringen wir Schwule, Lesben, Transgender-Leute und all die andern, deren Selbst nicht ins heteronormative Schema passt, seit langem um die Liebe als soziale Form ohne Unterstützung durch das um Mann und Frau geschnürte Phantasmenbündel. Über unsern Begegnungen hängt jene Fairness, die das Hetero-Ego und das Hetero-Alter mühsam vom sozialen Konsumentenwissen lernen, wie ein altvertrauter Segen und Fluch. Wir kennen von daher eine Aufgabe, die ein ebenso sozialer wie ökonomischer Liberalismus im 21. Jahrhundert auch der Mehrheit mit straight preferences stellt: das Unverhältnismäßige – den Einspruch der Liebe in die Proportionen des Geben und Nehmens von Lust – einer Egalität im Imaginären abzulisten. Liebe als Überlistung des Realismus der Lust. Wer unter uns hat dafür gute Lösungen gefunden?

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2 Antworten zu Unfair bewertet: geliebt

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