Ins Singuläre gesperrt: geliebt

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Zu den Niedrigsten in einer moralischen Ökonomie der Liebe, die dem Liebenden einen schier unendlichen Exzess einräumt, während sie den anderen stets sauber auf der Höhe dessen hält, was er zurückzugeben bereit ist, gehört derjenige, der sich „insgeheim wünscht, dort noch geliebt zu werden, wo er selber gar nicht mehr liebt“[1] – was selbst Adorno, der so oft und treffend gegen die bürgerliche Haushälterei in Dingen des menschlichen Umgangs und deren kapitalistische Potenzierung polemisiert hat, mit Ekel erfüllt: „Nicht weniger wahllos und allgemein als die Entfremdung zwischen den Menschen ist die Sehnsucht, sie zu durchbrechen.“[2]

In unseren Vorstellungen des Liebens gehen unübersehbar ein Nur-du, die totale Konzentration der Liebe auf einen einzigen Menschen, und ein Ihr-alle ineinander über. Die Diskurse zur Liebe quellen über von Figuren, die diesen Übergang organisieren: Gott als der Eine, in dem man, wenn man ihn von ganzem Herzen liebt, die ganze Menschheit lieben kann (weshalb der Gott-Liebende im Zölibat auf die Liebe zu einem einzelnen Menschen verzichtet, ohne etwas zu verlieren). Die romantische Geliebte als „Abbreviatur des Universums“, das seinerseits lediglich ihre „Elongatur“ darstellt, wie Novalis es auf die präzise Formel der Romantik gebracht hat.

Auch dort, wo die religiöse Bindung sich lockert und das romantische Pathos heruntergedimmt wird, wirkt etwas von dieser Öffnung des Einen zu Allem weiter: Im Akt des Liebens gibt eine höchste Bestimmtheit – etwas, das entschiedener ist als der menschliche Wille (die Passion ist kein Mangel an Bestimmtheit, sondern ihr Exzess über die Grenze des intentional Fassbaren hinaus) – einer sehr durchlässigen Idee des Gleichen statt. Lieben darf heißen, sein Leben einem einzigen Menschen und nur ihm zu schenken, alle anderen auszuschließen und abzuweisen, wo sie Zugang zur Blase um das Paar begehren; und es darf bedeuten, alle Menschen zu lieben und dies sehr vielen von ihnen mitzuteilen, das eigene Lieben zu einer positiven Gleich-Gültigkeit zu entwickeln. Trotz einer gewissen Dramatik der Wechsel vom einen zum andern und gelegentlicher Konflikte in spezifischen historischen, gesellschaftlichen und persönlichen Situationen waren diese beiden Haltungen niemals vollkommen heterogen. Bis in ihre extremen Verwirklichungen hinein findet sich in der einen stets etwas von der anderen. Die Ökonomie des Liebens käme ohne solche Kompatibilität und Konvertibilität des Einzigen und des Gleich-Gültigen kaum hin.

Und umso wichtiger, dass diese Kompatibilität und Konvertibilität für das Geliebtwerden nicht gilt. Findet der Liebende, der einen Menschen als Adressaten seiner Liebe auserkoren hat, sich von Kräften, die wir zum ureigensten Wesen des Liebens rechnen, im selben Moment, da er sein Gesicht dem anderen zuwendet, über dessen Singularität hinausgehoben in eine Sphäre des Alle(s)-Einbeziehenden, so hat der Geliebte eingeschlossen im Singulären zu veharren. Wo er für mich, der ich ihn liebe, alles, ja das All selbst zu verkörpern vermag, beginge er den schlimmsten Verrat an der Liebe, wenn er es unternähme, tatsächlich Vieles zu werden – wenn er von sich aus die zahllosen Bilder und Positionen des Geliebtseins durchlaufen und sich nach allen Seiten als das zu erkennen geben wollte, was er für mich ist: der Geliebte.

Der Liebende besteht darauf (und darin), das Subjekt der Einheit und der Vielheit der Liebe zu sein. Dem Geliebten bleibt nur die Rolle desjenigen, der die Einheit bewahrheitet und exemplifiziert. Sein Anspruch auf die Vielheit bemisst sich auf das Maß, in dem es ihm selber als Liebender zu agieren gelingt. Es steht ihm frei, dasselbe zu tun wie der, der ihn liebt, sofern er es ebenfalls in der Rolle des Liebenden tut. Erbärmlich, verachtens- und hassenswert aber ist jede ausdrücklich aktive oder passive Vielheit des Geliebten als Geliebter. Nichts Widerwärtigeres als sein in die Welt ausgestreutes Suchen nach liebenden Blicken oder seine Bereitwilligkeit, sich ihnen als Objekt hinzugeben. Der Exzess des Geliebtseins ist das moralische Skandalon bislang jeder abendländischen Ethik der Liebe seit Beginn der Herrschaft des Paars.

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[1] Theodor W. Adorno, Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2001 (1951), S. 337.

[2] Ebd.

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