Entmachtet: geliebt

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„Es wird nicht nur darauf ankommen zu lieben, um dieser Krone würdig zu sein, man muß auch wert sein, geliebt zu werden“, schreibt Sade in Français, encore un effort si vous voulez être républicains, dem Traktat, das er in La philosophie dans le boudoir eingeschoben hat. [1]

Die Republik muss mit der christlichen Religion brechen – und das heißt auch mit deren Vereinseitigung der Liebe, der christlichen Ethik des Liebens, deren Ökonomie in Gott ihren Herrscher findet: derjenige, den man nur lieben und nie genug lieben kann, weil er einen immer schon mehr liebt, als man im Leben gutmachen kann. Mit den heidnischen Göttern der Antike sollen auch die Tugenden des Geliebten in das politische Gemeinwesen zurückkehren: „Heldenmut, Talente, Menschlichkeit, Seelengröße, eine unerschütterliche Bürgergesinnung.“

Demonstration des Liebenswert-Seins statt Potenz der Liebe, jener Eigenschaft des Liebenden, der es vermag, als Liebender auch dann zu gelten, wenn man ihn nicht im Akt des Liebens beobachten kann. Dieser Liebende behandelt das Objekt seiner Liebe womöglich schlecht: er enthält ihm die Wohltaten und die Worte vor, die seine Liebe beweisen, verhält sich ihm gegenüber unnachsichtiger und gnadenloser als gegenüber einem x-beliebigen Bekannten oder sogar Fremden, demütigt es durch seine Gleichgültigkeit, scheint diesen einen Menschen in Gegenwart von anderen völlig zu übersehen. Und doch können die anderen nicht umhin, das alles in die Möglichkeit der Liebe einzuordnen. Evidenzen des Nicht-Liebens tragen bei diesem Liebenden dazu bei, sein Renommee eines leidenschaftlich Hingegebenen zu erhöhen und erhärten, und darin erlangt er Macht über den Geliebten wie der Souverän über sein Volk. So ist auch der souveräne Herrscher eigentlich nicht die Figur eines von den Menschen Geliebten, sondern die eines Liebenden, der lieben kann, es aber nicht nötig hat, es zu tun, um seine Liebe zu behaupten. Die Instanz einer Gnade, die durch einen irreduzibel gewordenen und gerade darin vollkommen geschmeidigen inneren Abstand zu sich selbst kommt. Auf dem Weg zur Republik der Liebe gilt es diesen Liebenden zu enthaupten.

[1] D. A. F. Marquis de Sade, Die Philosophie im Boudoir oder Die lasterhaften Lehrmeister, Gifkendorf: Merlin 1991 (4. Aufl.), S. 207

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2 Antworten zu Entmachtet: geliebt

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