Zerbrochen: geliebt

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Lévinas bestimmt den Geliebten durch dessen Schwäche – als die Geliebte. Sie ist diejenige, um die man fürchtet und der man zur Hilfe kommt. Für dieses Objekt ist die Welt, in der es als Ding unter anderen zirkuliert, sich hin und her bewegt, gestoßen wird und an weitere Dinge stößt, „zu grob und zu verletzend”[1], weshalb der Liebende, dessen Bedürfnis die Geliebte als ein solches Ding will, sie immerfort aus dieser Welt zu retten sucht.

Durch diese furchtsame Bergung aus dem Kontext der Ohnmacht, in die seine Liebe sie gestürzt hat, unterwirft sich der Liebende zugleich dem „régime du tendre” (was die deutsche Fassung von Totalité et infini als „Walten des Zärtlichen” übersetzt). Dieses Zärtliche ist indes das durchaus harte und grausame Gesetz einer Beziehung zum Zarten, das lediglich eine Projektion der Härte des Liebenden gegen sich selbst darstellt. Die Prüfung hat hier die Form eines fahrlässig riskanten Experiments: Wie wenn man eine Porzellanfigur auf eine verkehrsreiche Straße stellt und jedes Mal hastig herbeispringt, da ein Auto oder ein achtloser Passant sich ihr nähert, setzt der Liebende sein Objekt der größten Gefahr aus, um sich als Retter zu beweisen und den Respekt, die Anerkennung seiner selbst als Liebender durch das Gesetz der Liebe zu erringen. Das „Zukünftige“ dieser Liebesbeziehung, das Lévinas in einem ungewohnt poetischen Tonfall beschwört, räumt vor allem Zeit für eine letzte Prüfung ein, ehe die Zerbrechlichkeit der Geliebten den Liebenden zur Verantwortung motiviert. Eine und noch eine… Dieses Zukünftige vergeht erst mit der Zerstörung der Geliebten oder mit einem Versagen des Liebenden, das er sich selbst so wenig verzeihen kann, dass er die Liebe zerstört.

Die Liebkosung trägt dieses Zweideutige des erotischen Spiels mit dem Zerbrechlichen aus. Sie schafft eine behütende Form, bringt eine Vorsicht zum Ausdruck, die der Geliebten Anlass gibt, sich zu entkleiden, alle schützenden Hüllen abzustreifen, sich auszuliefern und hinzugeben. Doch zugleich schiebt Liebkosen die Geliebte fort, drückt sie zurück in die Konturen eines empfindlichen Dings, das der nächste Zufall zertrümmern würde. Der Liebkosende verurteilt sich selbst zur Prüfung, und diesem Augenblick, in dem das höchste Gesetz sich der männlichen Freiheit nähert, ist keine Geliebte der Welt mehr als die Gelegenheit zur Selbstbestätigung knechtischer Souveränität: Umkehr aus der Schwäche in die Macht. Die Sterblichkeit der Geliebten verdeutlicht nur diese Schwäche.

Die Liebkosung sucht, sie ist auf einer Spur („elle fouille”), schreibt Lévinas.[2] Aber dieses Suchen am Körper der Geliebten, dieses Verfolgen von Spuren, die an ihm entlang, in ihn hinein und durch ihn hindurch führen, breitet ihn immer vollständiger auf der Oberfläche einer gegenständlichen Welt aus, wo andere Hände ihn zerfetzen und andere Füße ihn zertrampeln werden, wenn es nicht einer heldenhaften Geste im letzten Moment gelingt, ihn wieder in der Nähe zu sammeln und zu bergen.

Der Aufbruch des Liebenden in die zu Zweit geteilte Immanenz verlängert das Fort-Da-Spiel, das die Psychoanalyse berühmt gemacht hat; und das Fort-da fängt hier die Profanation ein. „Die Gleichzeitigkeit des Geheimen und des Entdeckten ist die genaue Definition der Profanation.”[3] In der Liebkosung ist der Körper der Geliebten zugleich geheim und entdeckt – geheim, weil die liebkosende Berührung selbst ein Verheimlichen ist, ein Abschirmen der Geliebten durch den Schatten der Hand, der ihr Bild davor bewahrt, sich mit den anderen Bildern zu vermischen und in ihrem Flirren zu verschwinden; entdeckt, weil dieser Schatten einer absichtlich zärtlichen Hand sie markiert und weil der Schatten sie nicht festhält, sondern bloß markiert, weil sein Schutz nur ein Versprechen, ein Warten auf die Gefahr ist.

Indem sie mit der Endlichkeit des geliebten Körpers konspiriert, mit seinen Umrissen atmet in ihrer Bewegung, teilt die liebkosende Hand dem Rest der Welt ihr Spekulieren auf diese Endlichkeit mit. Die zärtlich berührte Geliebte ist im selben Moment, da sie sich als geeignetes (entgegenkommendes oder zurückzuckendes) Objekt der Zärtlichkeit erweist, einer Bekanntschaft mit allen anderen Körpern ausgesetzt, die diese Hand berührt hat – die zu berühren sie das Bedürfnis hatte. Niemand braucht an unser Lager zu treten, um dich in deiner Nacktheit zu sehen, Liebste, denn hier sind immer schon andre dabei, die dich durch mich kennen. Unentwegt stelle ich euch einander vor.

Gerade weil sie so vorhersehbar erregt, tendiert die Prüfung dazu, etwas Mechanisches, sich mechanisch Wiederholendes und die Wiederholung selbst in einen bloßen Mechanismus Verwandelndes zu werden. Und tatsächlich ließe die Liebesprüfung den Geliebten kalt, überzeugte ihn niemals von der Liebe, sondern immer nur von der Dummheit des Liebenden, setzte sie ihn nicht als Geliebten auf Spiel. Die Gewalt der Prüfung über das Geliebtsein liegt darin, dass sie den Geliebten der Dummheit des Liebenden ausliefert in einem Vorgang, in dem dieser sich selbst in seiner Dummheit bekräftigt. Die Liebesprüfung feiert das Fest der Dummheit, einer minimal gewitzten Dummheit. Ihre Szene ist das Selbstbewusstsein eines Vollidioten, eines brutalen und gefährlichen Trottels, der sich mit genau dem Akt, mit dem er den Geliebten zum Gegenstand seiner Selbstprüfung macht, zum Herrscher der Welt aufschwingt. Unsere gutmütige Toleranz gegenüber dem „Liebestollen“ scheint mir durchaus unangemessen, psychologisch wie politisch. Wollte man irgendwo den Urimpuls der Macht, den nackten, sich selbst überlassenen Willen entdecken, so wäre die Selbstbestätigung des Liebenden als Liebender der Ort.

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[1] Emmanuel Lévinas, Totalität und Unendlichkeit. Versuch über die Exteriorität, München: Karl Alber 2003 (4. Aufl.), S. 373.

[2] Vgl. ebd., S. 376.

[3] Ebd., S. 374.

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2 Antworten zu Zerbrochen: geliebt

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