Bürger leugnen heute

„Lieber als bürgerlich das Bürgerliche vertuschen sollte man es begreifen in seinem Verhältnis zu dem, was anders wäre“, schreibt Adorno in einem sehr respektvollen Kommentar zur Schlussszene des Faust II. Wenn das mal noch ginge.

Nachdem das Bürgertum sich mit dem Industrieproletariat eine externe Bedrohung gezüchtet hatte, die es zwang, zur Kampfpartei und Klasse zu werden, und eben jene Selbstvertuschung in der Universalisierung der eigenen Werte nicht länger durchgehen ließ, brachte die Konsolidierung des Sieges gegen die Arbeiter die richtiggehende Abschaffung der Werte.

Solange der Kapitalismus behaupten musste – sich und damit etwas, das er für allgemeine Ziele oder Segnungen ausgab –, konnte er die Fiktion des Bürgerlichen hier und da stärken. Die Kunst des neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts legt, oft wider Willen, ausführliches Zeugnis davon ab.

Der Kapitalismus, der gewonnen hat, ruiniert hingegen die soziale und kulturelle Integrität derjenigen, die ihn betreiben. Weshalb die alte Leugnung, in der das Bürgerliche beruhte – die, keine Interessengruppe, sondern ein Zustand der Menschheit zu sein –, sich nun umkehrt: Die zeitgenössische Leugnung besteht darin, so zu tun, als ob es eine bürgerliche Klasse gebe. Mich umgeben Menschen, die panisch und mit Einsatz vieler, wenn nicht sämtlicher Kräfte beschäftigt sind, dieser Leugnung Nahrung zuzuführen. An die institutionelle Tatsache (dass die Kinder zum Gottesdienst und zur Ballettstunde gehen, dass Feuilletonisten dicke Romane mit Familiengeschichten als Gegenwartsliteratur besprechen) schließt dabei nahtlos die gespürte Evidenz an (dass mein Leib mit jeder Feldenkrais-Stunde an Feinsinn gewinnt, dass ich Empathieunfähige bedaure, statt sie für Arschlöcher zu halten).

Theater, Konzerthäuser, Museen können – so geschickt sie sich ins fröhlich Populäre, ‚allen Offene‘ davonzumogeln suchen – hierzulande kaum anders als dieser Leugnung zuzuarbeiten. Gegründet, um die Lüge des Universalismus mit Glanz auszustatten, betrügen sie die Leute heute durch das Verhalten, das aus ihnen kompetente Besucher macht. Im Sterne-Restaurant sagt mir der Sommelier, die Regeln, welcher Wein zu welchem Essen passt, seien außer Kraft. „Trinken Sie, was Ihnen schmeckt!“ Wo wäre der Experte, der den korrekt sitzend auf  Schauspiel und Symphonie Aufpassenden, den gemessenes Schrittes durch Ausstellungsräume Schlendernden das Entsprechende für ästhetisches Genießen erklärt? Aber das hieße zugeben, dass das Publikum sich erledigt hat – dass für dieses Kollektivsubjekt ästhetischer Tischsitten, dem es aufgegeben war, kraft Disziplin das Volk von Freien und Gleichen zu formen, keinerlei Notwendigkeit mehr besteht, da die Banausie sich nun direkt, ohne Umweg durch den bürgerlichen Kunstsinn, mit dem Geschmacksurteil vereint. Einem Geschmacksurteil, das (je nachdem…) sehr differenziert und präzise sein kann, ob vom Laien oder vom Kenner. Aber keine bürgerliche Tugend mehr bewahrheitet. Die Banausen haben immer öfter recht, sie sind die besseren Kunstkritiker und schließlich die besseren Kunstliebhaber. Sie kommen allein, zu zweit oder in Horden, und sie nehmen den Mehrwert des Ästhetischen für etwas Geileres als Erfahrungen mit.

Wer wissen will, was die sozio-ökonomische Entwicklung vom Bürgerlichen wirklich noch braucht, schaue ein weiteres Mal die sechs Staffeln von The Sopranos durch, und zwar wie eine ganz normale Familienserie in der Epoche des Kapitalismus, der nicht mehr behauptet, sondern sich einfach selbst voraussetzt und seine Templates global in Infrastructure kopiert. Die Familie erscheint hier in ihrer Alternativlosigkeit, unabhängig von Reichtum oder Armut, Religiosität oder zynischem Agnostizismus, Schichtenzugehörigkeit, Status, Charakter, Begehren. Unverzichtbar und unüberwindbar ist sie als ein System privilegierter Beziehungen, als Garant einer Ungleichheit, die den Nivellierungen des effektiv längst postbürgerlichen Lebens ihr ‚Blut ist dicker als Wasser‘ entgegensetzt. Familie greift nicht nur aus in Korruption – die unbedingte Vorentschiedenheit für das Korrupte stellt ihren einzig wichtigen Wert dar. Sie ersetzt jegliche andere Verpflichtung, dem Staat, der Kirche oder irgendeinem Nächsten gegenüber, weil das Ökonomische in ihr unmittelbar zum Ethos geworden ist.

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