Zwischen den Geräuschen, die Welt. Offbeat-Kollektivität

Der Biologe Matz Larsson vermutet ein evolutionäres Motiv für die Herausbildung unserer Fähigkeiten zur rhythmischen Bewegungssynchronisierung darin, dass wir uns auf diese Weise weniger in unserer Wahrnehmung beeinträchtigen.[1]

Wenn er sich fortbewegt, erzeugt ein Körper Geräusche durch das Auftreffen der Fuß- oder Schuhsohlen auf dem Boden und durch das Atmen, eventuell auch durch Reibung bspw. der Arme oder Ärmel am Rumpf. Insoweit solche Geräusche Umweltgeräusche ‚maskieren‘, stört der sich bewegende Körper damit das eigenen Hören: Das wahrgenommene Ich tritt vor das handelnde Ich und versperrt ihm gewissermaßen den Zugang zum Draußen. (Das Keuchen des Opfers oder des Täters-in-Schwierigkeiten, das der Film einsetzt, um eine körperliche Identifikation des Zuschauers mit dessen Perspektive zu provozieren, nutzt diese erschwerende Selbstgegenwart für einen Thriller-Effekt.)

Bewegungen mehrerer Körper in Hörnähe zu einander vermehren die Störungen: Gehen Menschen im Pulk auf der Straße nebeneinander her oder in einem Raum durcheinander, kann der Lärm es ab einem bestimmten Tempo schwierig oder unmöglich machen zu verstehen, was jemand sagt. Eine ungefähre Angleichung der Phasen, in denen die Füße auf den Untergrund stoßen, und derjenigen, in denen die Atemluft ausgestoßen wird, sortiert das diffuse durchgängige Geräusch in Zeitabschnitte, während derer es lauter ist, und stillere Abschnitte, in denen Stimmen weitgehend unverdeckt vernehmbar sind. Mithilfe der beim Sprachverstehen ohnehin notorischen erinnernd-erwartenden Ergänzung des Gehörten gelingt es damit besser, einer Rede während des Gehens oder sogar Laufens zu folgen.

So die biologische Hypothese: Synchronisierung der Fortbewegungsrhythmen gestattet einer Anzahl von Individuen, in Bewegung miteinander zu kommunizieren (und auf Fremdgeräusche, etwa von potenziellen Feinden oder Beutetieren, achtzugeben). Dies wird dadurch gestützt, dass man die Fähigkeit zur beat induction, also zur Ableitung eines Taktschemas aus einer Reihe von Lauten bzw. Bewegungen, bislang nur bei Zweibeinern beobachtet hat, nicht jedoch bei Primaten, die sich mit vier Extremitäten fortbewegen und deren locomotion sounds daher sowohl zahlreicher als auch weniger laut sind.[2] Ebenso scheint es plausibel, dass die Synchronisierung von Gehbewegung und Atmung die auditive Wahrnehmung des Einzelnen erleichtert.[3] Stimmt beides, so hilft Synchronisierung bei der Lösung eines Problems, das durch die Gleichzeitigkeit von Sensorik und Motorik entsteht, indem sie eine Art sekundärer Ungleichzeitigkeit in das durchweg Gleichzeitige von Hören und Bewegen einzieht: Phasen lärmenden Bewegens wechseln ab mit solchen verstärkten Wahrnehmens, ohne dass wer innehalten müsste (wie Spinnen es tun, die ein gemeinsames Netz bewohnen[4]).

Interessant finde ich diese Erklärung für Fragen nach kollektiver Selbstorganisation, weil sie den Akzent nicht auf die Verbindung der Individuen in den betonten Phasen der rhythmischen Bewegung legt, sondern auf den Offbeat. Das Relevante setzt sich aus den Zeiten zusammen, in denen kein Fuß ein Geräusch produziert, das nicht überhörbar wäre (technisch: in denen die Geräuschproduktion auf einen Dezibel-Wert unterhalb eines kritischen Lautstärke-Levels sinkt).

Die Kollektivität, die sich durch diese Offbeat-Wahrnehmungsfenster organisiert, ist nicht die eines Wir-alle, sondern die eines Jeder-von-uns (kann etwas hören). Eine Kollektivierung von Rücksichtnahme: Es nimmt nicht einer auf den anderen Rücksicht, gibt nicht ein Klügerer, bekanntermaßen Schwächerer oder von einem mächtigeren Über-Ich zu stärkerer Empathie Gedrängter einem anderen nach, dessen Performanz sich im Eingeräumten ausdehnt wie bei der von Richard Sennett als Tugend arbeitsteiligen Kooperierens gewürdigten deference.[5] Simpler und dennoch nicht minder effektiv als in körperlichen Dynamiken, die einer Ökonomie des Gebens-und-Nehmens entsprechen, geschieht das Sich-Zurücknehmen ebenso wie das Hervortreten hier in accord.

Die Akzentverlagerung vom Beat zum Offbeat verdeutlich zudem einen Unterschied zwischen Synchronisierung und Resonanz (als zwei Modellen, um Kollektivität zu verstehen): Das synchrone Aufstampfen mit dem Fuß oder auch In-die-Hände-Klatschen oder Fingerschnippen hat eine zentrale Rolle in rituellen und aus Ritualen überkommenen kulturellen Bewegungsmustern, die darauf abzielen, Gemeinschaft körperlich evident werden zu lassen. Dass alle Beteiligten zusammen ein viel lauteres Geräusch zu erzeugen vermögen als Einer allein, übersetzt sich in den Eindruck von Stärke gemäß einer imaginären Energie-Proportionalität. Die gehörte Kumulation der Resonanzen illustriert dann ein „Gemeinsam sind wir stärker“. Befragt man die materielle Wirklichkeit der Synchronisierung auf einen Sinn – d.h. auf etwas, das über bloße Funktionalität hinausgeht und zugleich hinter die Gewissheit des Funktionellen zurückgeht, um nach ihren Voraussetzungen zu schauen –, so könnte der Wert des rhythmischen Entrainment gerade nicht in einer additiven Ballung der Geräusche liegen, sondern in dem, was durch ihr zeitliches containment, ihre Begrenzung auf bestimmte Phasen, frei wird für eine kollektiv-individuelle, verteilte Aufmerksamkeit: Ungefähr synchron auftretend und ausatmend, hört ein jeder von uns besser, ist das Ensemble akustisch durchlässiger für die Welt, zu der es selbst auch gehört.

[1] Vgl. Matz Larsson, Self-generated sounds of locomotion and ventilation and the evolution of human rhythmic abilities, in: Animal Cognition, January 2014, Volume 17, S. 1-14.

[2] Dabei können Affen durchaus einen melodischen Zusammenhang von Geräuschen erfassen, aber keinen Takt (vgl. ebd., S. 10).

[3] Ein mechanischer Vorteil von RLC (Respiratory Locomotion Coupling) konnte nicht identifiziert werden, und es ist möglich, die Atmung mit anderen Rhythmen zu synchronisieren und vom Gehen oder Laufen zu entkoppeln (vgl. ebd., S. 6).

[4] Vgl. ebd., S. 3.

[5] Vgl. seinen Beitrag zur Diskussion über Kollektivität bei Gob Squads Be Part of Something Bigger im Hebbel am Ufer am 22.11.2014.

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