Seelenherzen (zwei)

Bei Lektüre von Brian Massumis Parables for the Virtual kommt mir eine Zeile aus Goethes Faust in den Sinn, aber in einer verfälschten Version: „Zwei Seelen schlagen, ach! in meiner Brust…“

Dass mein Gedächtnis „schlagen“ anstelle von „wohnen“ in diesen berühmten Vers geschmuggelt hat, fällt mir eine ganze Weile nicht auf. Ich denke mir die Seelen wie Herzen. Darüber dann später zu stolpern, bahnt zugleich der Skepsis einen Weg ins Imaginierte: Könnten diese Seelen in einer Brust für längere Zeit schlagen in stark voneinander abweichenden Rhythmen? Würde ihre räumliche Nähe, das Fleisch, in das sie eingepackt sind, nicht früher oder später, wahrscheinlich aber recht bald dazu führen, dass ihre Rhythmen sich synchronisieren (wie in den Fällen, bei denen ein Spenderherz zusätzlich eingepflanzt wurde)?

Die Subjektivität, die sich darin erkennt, gespalten zu sein, scheitert hier, in meiner imaginativen Fehlleistung, an der Verkörperung des Selbstbildes in jenem Moment, da dieses eine Aktualität beider abgespaltenen Sphären behauptet – und das, ohne dass diese sich trennen, wie der Dramentext es für den Willen wenigstens der einen ausgibt („Die eine will sich von der andern trennen“, geht es ja weiter). Kein Problem, mir mich auszumalen, wie ein Ich mal das eine, mal das andre will, mal hin zur Welt, mal weg davon, und ein Begehren zu konzipieren, das das Schwanken zwischen den Neigungen temporalisiert, das wechselnd Gegenwärtige in eine Gleichzeitigkeit einrechnet, für die im kulturellen Archiv der Affektmuster (Abteilung GROSSE GEFÜHLE, Fach A für „Aporie“) tragische und tragikomische Varianten bereit liegen. Aber die Koaktualiät zweier oder mehrerer Bestimmtheiten von der Intensität und Autorität einer „Seele“, das scheint selbst als Vorstellung schwer haltbar.

Massumi zieht zur Erklärung dessen, was er den kritischen Zustand eines Körpers nennt, den „bifurcation point“ oder „singular point“ der Chaostheorie heran: „Criticality occurs when what are normally mutually exclusive alternatives pack into the materiality of the system.“ Auch dort, wo das einander (eigentlich) Ausschließende simultan materialisiert wird, kann dies indes nicht im Modus des Aktuellen geschehen, sondern nur als Potenzial:

„The system’s critical condition, of course, is as actual as any other state. But the self-referentiality, or infoldedness, of its criticality is not. What the self-absorbed critical system infolds is present only in potential, which doubles and animates the actual conjunction without being reducible to it.“ (Brian Massumi, Parables for the Virtual. Movement, Affect, Sensation, Durham/London: Duke University Press 2002, S. 109)

Mit Massumi gelingt es, eine materielle Selbstreflexivität zu denken, die keine Reflexion ist, kein Sich-ineinander-Spiegeln des Unvereinbaren in einem Bild (einem Bild-Begriff-Bild…), dessen anteilige Leere ihm die Funktionalität des Spiegels verleiht. Ein Schlagen zweier Seelen, deren Differenz das ausmachte, was der/die von ihnen am Leben Gehaltene für aktuell hält, unterbindet das Potenzial stiftende Virtuelle hingegen – wie eine Dämmzone im Wirklichen, die verhindert, dass Wirkliches ununterbrochen auf Wirkliches trifft. Der Zustand, in dem das Aktuelle den Alternativen gestattet, sich in positiver Fülle in ihm auszudehnen und die Aktualität damit an den Rand des Kollapses zu bringen, erscheint in der Chaostheorie und in Massumis Affektlehre in der vertrauten Dramaturgie der Zäsur: Normalität, Unterbrechung (durch materielle Selbstreflexivität), Bewältigung der Krise durch Veränderung, veränderte Normalität… Die Zeit dieses Dramas ergibt sich kraft Applikation einer hegelschen (hegelesken, sollte man sagen) Geschichte auf das, was an Zeit über dem Observieren und Messen vergeht. Das ist meinem Denken offenbar zu wohnlich: Der von mir verfälschte Vers sagt eine Form des Kritischen für Gegenwart gut, die in der von Massumi zugespitzten Tradition, das Kritische als Zäsur zu denken, unbedacht bleibt.

Es handelt sich um einen einzigen Satz, einen geschriebenen zumal, der darauf wartet, in der hybriden, von Repräsentation und Performanz irgendwie gemeinsam bearbeiteten Zeit des Theaters verlautbart zu werden. Doch dieser Satz behauptet eine Dauer – denn was wäre die Analogie zum Herzen wert, wenn die Seelen nicht ebenso wiederholt schlagen würden: ein Leben lang.  Zwei Seelen, beide gleich aktuell pumpend oder vielmehr das Aktuelle, die Anwesenheit, in die ihr Animationsbezirk gelangt, durch das Intervall der zwischen ihnen übertragenen Informationen bestimmend. Das wiederum als vergehende Zeit messen könnte, wer chronometrische Instrumente in Fleisch einführt, das die Krise wirklich schüttelt. Wenngleich viel unscheinbarer, als das von fiebrigem Zittern oder kurz vor der Explosion stehenden Motoren gepimpte Verständnis dieser Metapher weismacht: Das Schütteln sind die energetisch kaum ins Gewicht fallenden Bewegungen, die von Seele 1 zu Seele 2 verlaufen und von Seele 2 zu Seele 1.

Der erste Teil des Faust I, die sog. Gelehrtentragödie, gilt als Rohrkrepierer auf der Bühne. Zu undramatisch. Um die Gleichzeitigkeit der zwei schlagenden Seelen in Dramenhandlung zu übersetzen, bemüht Goethe das Systolisch-Diastolische, wie wir alle in der Schule gelernt haben (vermutlich kommt meine Ersetzung von „wohnen“ durch „schlagen“ daher). Seine Dramatik verlegt die Krise vom Ort des Herzens, den die Seele einnimmt, in die Blutbahnen, deren unklare Länge dem Weitergehen des Dramas entgegenkommt und es gestattet, darin so etwas wie einen tragischen Transport in die Wege zu leiten. So schlecht aber ein schlagendes Herz auf den Wellen durch die Adern mitschwimmen kann, deren Kontraktion und Erweiterung der seinen antwortet und zurückfragt, so schlecht taugt der Fortgang des Dramas zur Erforschung des mit dem Vers von den zwei Seelen benannten, im „ach!“ kurz sein Jetzt anzeigenden Zustands. Der Wissenschaftler, der tragischer Held sein soll, vernachlässigt eben die Forschung. Q.E.D.

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Eine Antwort zu Seelenherzen (zwei)

  1. Hendrik Felber schreibt:

    Sehr geehrte Herr van Eikels,

    ich würde mich gern mit einem Anliegen privat an Sie wenden wollen. Könnten Sie mir dazu vielleicht eine E-Mail an hfelber@kreuzgymnasium.de senden, so dass ich Ihnen zurückschreiben kann?

    Vielen Dank im Voraus,

    Hendrik Felber

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