Theater und Serie #2: The Lynch Hamlet

Sandra Umathum wies mich vor einiger Zeit darauf hin, dass David Lynch den Schauspielern von Twin Peaks bis zum Schluss nicht verriet, wer Laura Palmer umgebracht hatte, und sogar drei verschiedene Enden drehte, um das Rätsel bis zur Ausstrahlung der Serie aufrecht zu erhalten. Man stelle sich vor, ein neues Stück für die Bühne auf diese Weise zu entwickeln. Ulf Schmidt hat dem Theater das Teamwork des TV-Serienschreibens empfohlen – es läge nahe, auch die dramaturgischen und performativen Möglichkeiten seriellen Produzierens zu nutzen.

Oder eine klassische Tragödie auf diese Weise als Mystery-Serie zu inszenieren. Die Regie nimmt es sich heraus, das zur Disposition zu stellen, was aus dem Drama ein Schicksalsinstrument macht: das fest stehende Ende. Und alle Beteiligten nehmen sich vor, das herauszufinden, was über dem Hereinbrechen eines spatzenhaften Schicksals unbeantwortet und eigentlich ungefragt bleibt: Wie wurde der alte Hamlet tatsächlich ermordet? Stimmt die Geschichte des Geistes, oder handelt es sich, wie der junge Hamlet argwöhnt, um eine Lüge? Welche Evidenz wird die Aufführung der Mausefalle schließlich erbracht haben?

Wir haben Hamlets Klage über die „wicked speed“, mit der dem Mord die Hochzeit von Mutter und Onkel folgt, aus dem Mund von Darstellern gehört, die träge oder gehetzt ihrem Tode zudeklamierten – Darsteller, deren Figuren niemals ernstlich vorhatten, dem bösen Tempo der Normalisierung etwas entgegenzusetzen oder gar sie zu überholen, die „Zaudern“ als ein Ornament des Menschlichen verkörperten, nicht als Effekt zweier widersprüchlicher Anstrengungen. Solche Hamlets erfahren weder die äußeren Hindernisse, die praktischen Schwierigkeiten, einen Racheplan in die Tat umzusetzen, noch sind die inneren Widerstände dagegen ihnen mehr als leutselige Annahmen, warum ein Mensch so was wohl eher nicht will. Sie kennen keine Zeit, die gegen die Rache läuft, und keine, die ihr unerwartet (und zum Entsetzen des Rächers) unter die Arme greift, indem sie die scheinbar so wichtige Frage, wer das korrekte Opfer der Vergeltung sein soll, überspringt. Sie wissen eigentlich gar nichts über die Rache als Form und Sinn eines Handelns. Denn sie wissen, wie es mit Hamlet zu Ende geht und dass er von diesem Ende her kein richtiger Rächer gewesen sein wird.

Statt zum x-ten Mal den tragischen, in den bekannten Phasen tragikomischen Zauderer zu geben, könnte ein mit serieller Zeit produziertes Theater Hamlet und all die anderen auf eine Mission schicken, während derer die Schauspieler sich aneinander und an sich selbst orientieren müssen. Das wäre immer noch Theater, die Zeit keine reine Zeit des Handelns, sondern eine der Repräsentation, der Darstellung, der mimetischen Synthesis. Aber eine von der Zeit des Handelns vorsätzlich eingeholte, von deren Offenheit quasi unentwegt gefoulte Dauer.

Am besten, das Dramaturgie- und Regieteam fände Mut, sich der Suche nach dem wahren Ende anzuschließen, nicht bloß das Ensemble in künstlicher Unkenntnis zu halten, sondern an dem kollektiv konstruierten Nichtwissen zu partizipieren. Ich weiß nicht, wann die Macher/innen von Six Feet Under zu der Einsicht kamen, dass in der letzten Folge sämtliche Personen sterben müssen – und zwar eines natürlichen Todes. Es dürfte auf jeden Fall in einem ganz schicksalsfremden Sinne der genau richtige Zeitpunkt gewesen sein.

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