Von Projekt zu Projekt: Das Umspielen des Opfers

Deleuze unterscheidet im Bartleby-Buch einerseits das Übergehen von einem Projekt zum anderen, andererseits die Erschöpfung. Die Erschöpfung ist ganz. Bartleby ist „not particular“, wie seine zweite Formel neben „I’d prefer not to“ lautet: „I am not particular.“ Er ist nicht nur kein Sonderfall; er kann sich nicht teilen. Immerhin artikuliert der Melville’sche Bartleby dieses Unteilbare noch als Präferenz, wenn schon im Konjunktiv. Deleuze nimmt ihm selbst das: seine Formel markiere „die Zunahme eines Nichts an Willen“.

Gerade in seinem projektbezogenen Arbeiten ist ‚der Künstler’ für die postfordistische Organisation wirtschaftlicher Produktionsprozesse zum Modell geworden (Boltanski/Chiapello usw.). Hat man sich aber jemals genauer angeschaut, wie genau Künstler von einem Projekt zum anderen übergehen? Es gibt Techniken, zwischen Projekten zu wechseln, in denen sich die Erschöpfung des Nichtarbeitenkönnens und Nichtarbeitenwollens in gewisser Weise anerkannt findet – wenngleich nicht als die von Deleuze beschworene Gegenkraft oder als ultimativer Widerstand gegen das organisiert Produktive, eher als ein Umspielen des Opfers, ein strategisches Ausweichen vor jenem Punkt, an dem ich im Hegel’schen Sinne tatsächlich anfangen müsste, hart zu arbeiten. Das Projekt birgt immer die Gelegenheit, zu einem anderen Projekt überzugehen, sei es sukzessive oder parallel, um den Moment zu umgehen, in dem ich mein Genießen für die Erledigung der Pflicht opfere, es aufschiebe in der Spekulation auf den zukünftigen Gewinn an Genuss, den mir die Früchte meiner Arbeit eintragen werden. Während die Architektonik des Projektes einen emphatischen Zukunftsbezug mitführt (und die Ideologien des Neoliberalismus vor allem an diesem Zukunftsbezug anschließen), durchkreuzt die Praxis der Projektarbeit, wo sie kann, die Spekulation auf eine reichere Zukunft.

Ideologisch ist der Neoliberalismus genau dort, wo er eine proklamierte Wirklichkeit des Arbeiten-Genießens mit dieser Figur des Opfers zusammenzwingt und die ‚Wahrheit’ lautet, ich solle es genießen, mich für mein Unternehmen aufzuopfern, indem ich noch mehr, noch härter, mit noch höherem Einsatz meiner Kreativressourcen arbeite. Vom Opfer her erscheint das Genießen als Lüge, als zynische Unterstellung.

Das verdeckt durch sein Offenbarwerden, dass da ein Genießen ist – oder wäre. Wenn das künstlerische Projekt eine attraktive Form der Selbstausbeutung sein konnte (und trotz all des Wissens um seine Problematik weiterhin ist), dann deshalb, weil der Verzicht auf Geld oder angemessene materielle Vergütung für den Arbeitsaufwand keine ausschlaggebende Rolle spielt angesichts des Umstands, dass das Projekt ein anderes Opfer nicht verlangt. Der Begriff „Selbstverwirklichung“, der geläufig diesen Mehrwert künstlerischer Projektarbeit bezeichnet, führt schon insofern in die Irre, als Selbstverwirklichung gerade auch das Versprechen ist, das hinter dem Hegel’schen Konzept von Arbeit steht. Verwirklichung ohne Selbstopfer wäre präziser: Insistenz darauf, wirklich etwas zu tun, ohne durch die Bestimmung von Arbeit als Medium zur Bildung des Subjekts kraft eines Opferns des individuellen Genießens für die Teilhabe am Ertrag der Gemeinschaft hindurch zu müssen.

Deleuzes Kritik richtet sich auf die Figur des Vaters vom Typ Abrahams, der seinen Sohn opfert (der Unternehmer, der seine Angestellten als Material verbraucht, um der Anwalt anderer, begüterter Menschen zu sein). Heute wäre eher zu klären, wie es ohne solche Väter geht – wie man verhindert, dass sich das Opfer als ‚angeeignetes’ unter den Brüdern aufteilt bzw. zu einem Initiationsakt (einer Initiative) wird, den an sich selbst vollziehen muss, wer zur Fraternisierung Eignung beweisen will.

Der wichtige Punkt scheint mir dabei nicht zu sein, dass die künstlerische Projektarbeit ‚kreativ’ ist (abgesehen von der Schwammigkeit des Begriffes ist das meiste an dieser Arbeit ein Hin- und Herschieben, Herumwerkeln, Kopieren…). Es geht darum, dass das Projekt gestattet, Neigungen zu folgen – und im Fall sich verändernder Neigungen zu einem anderen Projekt zu wechseln. Die Suspendierung oder Einklammerung des Produktes ermöglicht eine Diversifizierung von Arbeitsvorgängen, die der großen Konfrontation mit der Eventualität des Werkes – ich opfere mich, damit ein Werk sei – ein ums andere Mal und immer effizienter ausweicht.

Die Aufgabe besteht darin, in dieser Dynamik Endlichkeit zu kultivieren, um der Freiheit des Übergehens von Projekt zu Projekt eine Wirklichkeit zu geben: zu verhindern, dass sie sich von Versprechungen einlullen lässt und in ihnen verliert.

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