Überlegung zu künstlerischer Forschung

Die bürgerliche Gesellschaft unterhält eine grundsätzliche Wertschätzung von Kunst als Kunst, vorgängig Urteilen darüber, ob ein einzelnes Kunstwerk gut oder schlecht ist. Diese Wertschätzung, wie sie sich im 19. und 20. Jahrhundert etabliert hat, verbindet eine Hochachtung vor der Figur des Künstlers mit einer Geringschätzung.

Beides hängt im Konzept von Kunst als einer Sphäre des Ästhetischen zusammen und ist nicht ohne weiteres zu trennen: Die Abtrennung dieser Sphäre des Ästhetischen von der übrigen Lebenspraxis und ihrer sozialen, ökonomischen und politischen Dimension führt einerseits dazu, dass das von Künstlern Produzierte als etwas besonders Wichtiges erscheint, das eine besondere, tiefe und intensive Aufmerksamkeit verdient. Andererseits ist das Ästhetische dem Spiel assoziiert und damit vom Ernst des Lebens abgerückt, was sich darin niederschlägt, dass die bürgerliche Gesellschaft niemals soziale, ökonomische oder politische Entscheidungen an Wahrheiten orientieren würde, die in Kunstwerken zutage treten, so evident und aufrüttelnd diese für die ästhetische Erfahrung auch seien.

Dasselbe gilt für den/die Künstler/in als Subjekt von öffentlichen Aussagen: Während jede beiläufige Äußerung eines hinreichend prominenten Kunstschaffenden protokolliert und ausgewertet wird mit der Unterstellung, es könne darin grundsätzlich Erhellendes, Offenbarendes enthalten sein, ist der tatsächliche Einfluss solcher Aussagen auf gesellschaftlich relevante Debatten und Entscheidungsprozesse annähernd gleich Null.

So sind Künstler bspw. nach wie vor dafür zuständig, Utopien zu entwerfen, wohingegen keine staatliche Institution oder NGO bislang darauf verfallen ist, sie mit Prognosen zu betrauen und das künstlerische Zukunftswissen auf ein vergleichbares Anerkennungsniveau zu heben wie das von Wirtschaftswissenschaftlern, Klimaforschern oder Trendscouts.

Es ist wichtig zu verstehen, dass Auf- und Abwertung der Kunst als ästhetisches Phänomen zwei Seiten einer Medaille darstellen: Der Sonderstatus des Ästhetischen begründet sowohl die Verehrung für die Kunst in der bürgerlichen Gesellschaft als auch die Tatsache, dass niemand Kunst und Künstler wirklich ernstnimmt, sobald es um anderes als ästhetische Erfahrungen geht.

Diese Ambivalenz prägt bis heute unsere Wertschätzung von Kunst und den gesellschaftlichen Status von Künstler/innen. Sie wird zu einem Problem, wo künstlerische Arbeiten direkte soziale und politische Wirksamkeit beanspruchen. Und sie wird umso mehr zu einem Problem, wo die Kunst den Anspruch erhebt, ein Wissen zu produzieren, das dem wissenschaftlich produzierten Wissen zwar in manchem unähnlich ist, aber genauso Anerkennung als Wissen verlangt.

Es zeigt sich, dass eben die ästhetische Autonomie, die den Sonderstatus der Kunst ab 1800 begründet hatte, ein Hindernis für ihre Anerkennung als Wissensproduzentin darstellt: Kann ein Produkt künstlerischer Tätigkeit gleichermaßen ästhetisches Phänomen und Beitrag zu einer Soziopolitik und Sozioökonomie des Wissens sein? Kann es zugleich einen ästhetischen Wert und einen epistemischen/epistemologischen Wert haben? – Eine reflektierte Praxis künstlerischer Forschung erfordert, wie ich denke, eine Auseinandersetzung mit den Differenzen, Widersprüchen, u.U. Unvereinbarkeiten zwischen dem Wertverständnis der Ästhetik und den sozialen, politischen, ökonomischen Wertbegriffen, die unsere Vorstellung von wertvollem Wissen bestimmen.

Was bei dieser Auseinandersetzung herauskommt, ist gegenwärtig durchaus offen. Ich halte es aber für wichtig, dass sie als eine grundsätzliche kritische Befragung eingespielter Positionen zur gesellschaftlichen Relevanz von Kunst geführt wird und nicht darauf abzielt, schnell diplomatische Integrationslösungen herbeizureden. Die bisherigen Debatten zur künstlerischen Forschung haben den Einwänden, die gerade von wissenschaftlicher Seite gegen den Anspruch der Kunst auf Wissensproduktion vorgebracht werden, wenig entgegnet. Diese Einwände bündeln sich in der Frage nach dem gesellschaftlichen Wert des durch künstlerische Forschung gewonnenen Wissens und nach den Kriterien, mittels derer der behauptete Wert sich als solcher ausweist. Während die Kunst gut daran tut, auf den Unterschieden ihres Forschungswissens zum wissenschaftlich generierten und akademisch formalisierten Wissen zu beharren, sollte klar sein, dass der Hinweis auf den ästhetischen Wert von Kunst die Frage nicht beantwortet – sondern im Gegenteil das Finden einer Antwort kompliziert.

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