Problem Unglück

[Ein erster Eintrag in das Tagebuch meiner politischen Dummheit – das ich aber wohl erst in einem kommenden Semester so richtig anfangen werde:]

Nietzsche schrieb in Die fröhliche Wissenschaft, dass der moderne Mensch eine Not nötig habe, um zu handeln. Die Zeit, in der er zu leben meinte, kannte keine Verbindung von Glück zum Handeln. Wer tätig werde wollte, hielt nach einer kollektiven Vorstellung vom Unglück Ausschau, um daraus die Kraft zu ziehen.

Das funktionierte vielleicht mitunter sogar ganz gut. Die Probleme, die man uns heute mit dem neongelben Markerstrich des Dringenden vorsetzt, beanspruchen das Erbe dieser Unglückskerne, aus denen einmal Massenbewegungen wachsen konnten. Aber etwas an der Übersetzung von Problem in Unglück geht schief. Die drohende Klimakatastrophe, die vielleicht in gar nicht so ferner Zukunft den Planeten Erde unbewohnbar mache könnte – sie ist mir im Grunde egal, und der apokalyptische Tonfall der Mahnungen weckt ironische Erinnerungen an das Mittelalter, wo ständig jemand das Ende prophezeite und dann doch jeder Termin für den Weltbrand verstrich (zudem verhindert vielleicht gerade der mit dem Katastrophen-Szenario der Welt auferlegte Zwang ein politisches Verhandeln über Schritte zur effektiveren Schonung des Ökosystems, weil das Drohen mit Prognosen eine Klimapolitik, die diesen Namen verdient – Politik geht schließlich auf die Freiheit zu entscheiden zurück und verlangt eine entsprechende Zeit – vom Ansatz her ausschließt). Die Kredit-, Finanz-, Wirtschaftskrise? Geht mir ebenso am Arsch vorbei, abgesehen davon, dass irgendwer die Banken und Spekulanten, die Leute wie ich seit langem unsympathisch finden, im Stich lassen soll (und die Geschäfte der Menschen diesseits des Geldes etwas besser organisieren, wenn’s geht). Die Arbeitslosigkeit? Lockt mich als politisches Thema schon deshalb nicht hinterm Ofen hervor, weil ich Lohnarbeit ohnedies nur hinnehme als schlechte Alternative zu einer Situation, wo man mich für das, was ich tue (weil ich es gern tue und zu tun sinnvoll finde), bezahlt, statt meine Tätigkeit den Regimes des Geldwerten zu unterwerfen. Das alles mögen Probleme sein – mein Unglück ist nichts davon, und nichts davon motiviert mich zum Handeln. Äußerstenfalls nötigt es mir Zustimmung zu einem Machenlassen ab, wobei diejenigen, die machen, meiner Unzufriedenheit mit den Ergebnissen sicher sein dürfen, denn indem sie Probleme lösen, nehmen sie kein Gramm Unglück von mir. Im Gegenteil scheint mit jedem definierten und in Angriff genommenen Problem die Abwesenheit des Glücks den Menschen immer rätselhafter zu werden, und ich bin einer von ihnen.

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