Korruption #1: Die ‚Souveränität von unten‘

Nietzsche nennt die Zeiten der Korruption die „Herbstzeiten eines Volkes“, in denen Individualität zu einer gesellschaftlichen, ökonomischen, politischen Größe reift, bis die Individuen „vom Baum fallen“.[1] Er hat eine Gesellschaft im Sinn, in der Freiheiten des leicht Böswilligen sich in den Handlungen und Haltungen der Korruption einen Weg in die Institutionen des Zusammenlebens bahnen. Der Akteur in diesem System von Korruption ist jemand, der eine bestehende feste, aus Treu und Glauben gebaute, von einer großen Institution autorisierte und administrierte soziale Bindung lockert, indem er sie für seinen Vorteil instrumentalisiert, das Gemeine und dem Allgemeinen Verpflichtete wie eine persönliche Abmachung handhabt, an der er als einer der Urheber nach Belieben etwas ändern darf. Auf der Szene jener Beziehungen, die den Garantiestempel der offiziellen gesellschaftlichen Institutionen tragen, bringt er etwas von der eigenen Unzuverlässigkeit, der immer möglichen Abweichung eines einzelnen Menschen in der verwalteten Masse zur Geltung, sagt: Wenn ich diese Beziehung zu dir erfunden hätte, fiele mir nun gerade folgende kleine Ergänzung ein…

In diesem Gesellschaftsbild tritt das Individuum als Initiator der Korruption auf. Es ist selbst die Frucht von systemischen Verfahrensprozessen (wofür Nietzsche die eingängige Analogie zum Jahreslauf wählt); aber sein Wesen als Frucht besteht eben darin, dass es sich selbst an die Stelle der Strukturen pflanzt, die es hervorgebracht haben: dass es in die Verhältnisse eintritt mit der fröhlichen Unverschämtheit ihres Erfinders.

 „Die Menschen der Corruption sind witzig und verläumderisch; sie wissen, dass es noch andere Arten des Mordes giebt, als durch Dolch und Ueberfall, — sie wissen auch, dass alles Gutgesagte geglaubt wird.“[2]

Als Zersetzung einer ‚Souveränität von oben‘, einer vom Zentrum (des Staates, der Kirche…) her konzipierten und ins Werk gesetzten souveränen Macht, setzt die Korruption einen verteilten Prozess des ‚Souveränwerdens von unten‘ in Gang. Und für Nietzsche versteht sich, dass daraus früher oder später ein politischer Souverän vom Typ Cäsars oder Napoleons hervorgeht: ein Souverän durch Anmaßung, ein Individuum – eines von Millionen –, das es sich herausnimmt, die Beziehungen zu seinen Mitmenschen aufzufassen, als hätte es diese Beziehungen geschaffen und wäre als deren Schöpfer befugt, sie willkürlich und einseitig zu ändern, so als wäre das soziale Leben lediglich eine materielle Manifestation ihrer Phantasie.[3] Ein solcher Mensch steigt dadurch in den Rang eines Tyrannen auf, dass er auf jeder Ebene seines gesellschaftlichen und ökonomischen, irgendwann auch politischen Fortkommens diese kleine Unverschämtheit einfach wiederholt. Er wird am Ende über ein europaweites Imperium herrschen kraft desselben boshaften Witzes, der irgendwo im gegebenen Großen, dem gegründeten Gemeinwesen mit dem ungeheuren Übergewicht des Gewesenen und So-Gewordenen über die Gegenwart, einen winzigen, aber wirksamen eigenen Anfang improvisiert.

Diese Korruption bedeutet eine Emanzipation der Gegenwart. Sie setzt eine Schwächung jener Autoritäten voraus, die ihre Macht von der Geltung der Vergangenheit her beziehen, aber sie setzt zugleich diese Autoritäten voraus. Sie feiert ihre ersten Erfolge in einem Jetzt, dessen temporaler Horizont die mit dem Ewigen als Außenseite gefügte Zeit des Reiches-auf-Erden bleibt. Der Partner für den korrupten Deal lässt sich, wie Nietzsche schreibt, „‚für heute‘ verführen und bestechen und behält sich die Zukunft und die Tugend vor“.[4] Korruption funktioniert, solange sie denjenigen, die auf Vorschläge zu inoffiziellen Händeln eingehen, wie etwas Zwischenzeitliches erscheint, ein Arrangement, von dem man profitiert, das aber, weil es ein persönliches Arrangement ist, jederzeit kraft derselben Übereinkunft widerrufen werden kann, die es eingesetzt hat, und nicht wirklich teilhat an der irreversiblen, irgendwie vermutlich schicksalhaften Entwicklung im Großen (und schließlich sind Personen die sozialen Masken sterblicher Körper: spätestens in dem Moment, da der andere, mit dem ich ein Geheimnis teile, das Zeitliche segnet, ist auch der Deal aus der Welt). Wenn der Initiator der Korruptionsbeziehung leichtes Spiel hat mit seinen Zeitgenossen, dann weil diese die Erleichterung dieser Gegenwart gegenüber der Schwere eines nicht sehr erhebenden Schicksals genießen. In den Amtsstuben von Nietzsches gesund-korruptem Staat geht es ein wenig zu wie auf einem orientalischen Markt: So gegenläufig die Interessen, sind sich die Handelnden einig in ihrem Spaß am Handeln selbst. Die schiere Freiheit, dass man nur zu zweit, rein kraft Verabredung eine Schlaufe des Realen knüpfen kann, indem man spontan nachgibt, spontan etwas durchsetzt, im Durchsetzen aber die Willkür des Gegenübers dabei ebenso anerkennt, wie man vom Nachgebenden Anerkennung erhält – diese perverse herbstliche Freiheit bedarf der souverän gesetzten Ordnung, insofern die die sozialen Abhängigkeiten zwischen den Menschen unterbricht.

Ob die Instanz des Souveränen ein politischer Herrscher bzw. der Staat oder ein religiöser Souverän, ein Gott oder dessen Vertreter ist, spielt dafür keine maßgebliche Rolle; es kommt darauf an, dass etwas die Beziehungen zwischen den Menschen zunächst unterbricht, um sie dann, als Teil einer Ordnung, wiedereinzusetzen (die Souveränität ändert ja de facto wenig am gesellschaftlichen Verkehr bis auf den Status seiner Relationen – den aber radikal). Damit Korruption in nennenswertem Ausmaß Einfluss auf die Verhältnisse nehmen kann, ist es wichtig, dass ein System wechselseitiger Verschuldung, in dem jeder der Schuldner und zugleich der Gläubiger des anderen ist, die Kontrolle über die Dynamik des Zusammenlebens ein Stück weit verliert. Die Menschen müssen einander etwas fremd werden; etwas Anonymisierendes muss zwischen sie treten, das ihre Abhängigkeit so ins Indirekte hinauszieht, dass dort, wo welche von ihnen einander begegnen, jeder den Eindruck haben kann, ihn verbinde mit dem anderen nichts außer ein paar zufällige äußere Umstände: eine Anstellung bei derselben Behörde, ein Abendessen bei dem beiden entfernt bekannten Industriellen XY, ein Abschluss an demselben Internat… Auf diese Distanz, die so scheinbar oder real ist wie die Souveränität des Souveräns selbst, kommt es einem so vor, als ob die Beziehung zum anderen noch meistenteils formlos sei und er sie gestalten könne – als ob die Abhängigkeit darin erst noch zu erfinden bleibe, da Abhängigkeit nicht mehr der Grund und das Wesen der sozialen Beziehung selbst scheint, sondern das Resultat einer Steigerung, etwas, das sie zu einer festeren und intensiveren Beziehung macht als normal. Nietzsches Staat bevölkern Poeten des Abhängigen: Individuen, die – weil es einen Staat gibt, weil dieser Staat hinsichtlich jeglicher Vergleichung mit anderen ein ‚Über mich‘ einfügt – eine Art von sozio-ökonomischem Kalkül für sich entdecken, in dem die ökonomischen Motive von den sozialen abgelöst sind. Die Vorstellung (die Idee) von einem persönlichen Vorteil auf Kosten der Allgemeinheit entsteht überhaupt erst in einer solchen Situation. Es müssen erst einmal jeden Tag Dutzende, Hunderte von Repräsentanten eines Allgemeinen namens ‚die Gesellschaft‘ um mich herumlaufen, damit ich einen von ihnen zur Seite nehme und mit ihm bespreche, was wir beiden davon hätten, wenn wir uns an ein paar private Vereinbarungen hielten.


[1] Nietzsche, Fröhliche Wissenschaft, Nr. 23.

[2] Ebd.

[3] Nietzsche zitiert dazu einen Ausspruch Napoleons gegenüber seiner Gattin: „Ich will, dass man sich auch meinen Phantasieen unterwerfe und es ganz einfach finde, wenn ich mich diesen oder jenen Zerstreuungen hingebe.“ (Ebd.) Der Typ von Souverän, um den es mit dem Napoleon-Vergleich geht, ist ein Souverän der Zerstreuung: jemand, der sich die Zerstreuung aneignet und kraft dieses Eigentums, das ihm die anderen zugestehen, herrscht.

[4] Ebd.

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