Ersetzbarkeit #3: Chihiro und der Weg ins Innere des Betriebes

Warum das Praktikum eine ganze Generation stempelt (und eigentlich schon mehrere, die man als „Generation P1“, „Generation P2“… durchnummerieren könnte, um die Veränderungen an ihren Arbeitsbiographen zu verfolgen), versteht, wer den ersten Tag einer Praktikantin mit ihrem letzten vergleicht.

Am ersten Tag finde ich mich zu einer verabredeten Zeit auf einer Büroetage ein, deren Gemisch aus Architektur, Geräusch, Geruch ich vom Auswahlgespräch her erinnere. Anders als damals, als man mich und ein paar Dutzend als Tagespunkt auf dem Zettel hatte, erwartet mich heute niemand. Jemand, den ich anspreche, um mein Erscheinen zumindest zu melden, nickt (ohne Überraschung: also sitze ich immerhin keinem Irrtum auf). Die Frau bietet eine Couch an, wo normalerweise wohl Kunden Platz nehmen. Mehrere Gesichter tauchen auf, die mir bekannt vorkommen; einige lächeln kurz zurück, doch sie gehören heute zu anderweitig Beschäftigten: Kollegen fragen nach Kollegen, erhalten Auskunft, verschwinden wieder. Versuche, sie mit einem „Ich bin hier!“-Blick festzuhalten, misslingen. Als die Frau im Empfangsbereich (sie ist nicht viel älter als ich) irgendwann merkt, dass ich immer noch in meiner Ecke hocke, zeigt sie Mitleid und macht den nächsten Vorbeikommenden mit dem Finger auf mich aufmerksam. Der sagt: „Hallo, willkommen bei uns!“ Seine Miene spiegelt Überlegungen, wie er die Verantwortung, die sich ihm da aufbürdet, wieder loswird. Er fragt, wessen Team am wenigsten Praktikanten habe. Die Gefragte weiß es auch nicht, meint, R. könnte das wissen. Er schaut auf eine Uhr und sagt, so dass auch ich es höre, R. werde sowieso gleich beim X-Meeting dabei sein. Beide schlagen vor, ich solle mich in das Meeting mit reinsetzen und R. einfach ansprechen – wir kennen uns ja vom Bewerbungsinterview. Das Meeting findet im T-Zimmer statt, in einer guten Viertelstunde. „Schau dir bis dahin ruhig den Laden ein bisschen an.“

So oder ähnlich geht es weiter – wie genau, hängt nicht zum wenigsten davon ab, ob ich den Mut und die Dreistigkeit aufbringe, R. in der kurzen Zeitspanne zwischen ihrem Auftauchen und dem Beginn des Meetings abzufangen, mich so entschlossen in ihre Aufmerksamkeitssphäre hineinzudrängen, dass sie ihre Zuständigkeit für mich akzeptiert. Kommt sie ausgerechnet an diesem Morgen zu spät und das Meeting ist bereits im Gang, habe ich Pech, denn nachher wird es noch schwieriger. Nach einer halb ironisch gemurmelten Auflösungsformel zerstreut die Runde um den Tisch sich unverzüglich in eine Zahl von Gesprächen zu zweit oder dritt, und die kleinen Gruppen wandern redend in angrenzende Zimmer. So oder so ist meine Ausgangssituation diese: Ich bin außen. Ich bin überflüssig. Die Arbeit hier läuft, und sie läuft ohne mich. Als billige zusätzliche Arbeitskraft im Prinzip gewünscht, als Schauende, Probierende und Lernende irgendwie vorgesehen, bin ich dennoch nicht eingeplant, so weit in diesem Haus überhaupt Dinge einem Plan folgen. Und ohne Planmäßigkeit erlebe ich, was es heißt, nicht eingewöhnt zu sein in die kommunikativen Routinen eines Betriebes, nicht synchronisiert mit den Rhythmen des Gebens und Nehmens, in denen die Arbeit sich organisiert. Es liegt an mir, die ersten Schritte zu machen, aus der Unauffälligkeit des ‚Ohne mich‘ herauszutreten und in das Miteinander hinein – inklusive des unweigerlichen Stolperns, in das dieses Dazwischentreten nicht nur mich bringt, sondern auch die anderen, denn ich stehe zunächst einmal denen, die zusammen arbeiten, auf ihren eingespielten Bahnen, bei ihrem eingespielten Austausch von Mappen, Sätzen, Gesten im Weg.

Hayao Miyazakis Sen to Chihiro no kamikakushi (Chihiros Reise ins Zauberland in der deutschen Fassung) erzählt von einer solchen Situation als einer Anime-Choreographie, die Arbeit sehr anschaulich als System synchronisierter Bewegungen vorführt. Auf der Suche nach ihren Eltern in eine Parallelwelt verirrt, arbeitet das Mädchen Chihiro in dem großen Badehaus, das die Hexe Yutaba leitet. Die Anwesenheit des Menschenkindes in der Geisterwelt gleicht dabei in mancher Hinsicht der prekären Existenz eines Arbeit-Suchenden in einer Gesellschaft, die verlangt, dass man „sich nützlich macht“, deren Betrieb aber den Einzelnen weder zu brauchen scheint noch dann, wenn der Bewerber schließlich mit persönlichem Engagement eine Anstellung erkämpft hat, irgendwelche bestimmten Aufgaben bietet, die er (und womöglich: er besonders gut) erledigen könnte. Chihiro erfährt, Arbeit sei das einzige, was Yutaba daran hindern werde, sie in ein Tier zu verhexen, und sie müsse die Alte daher gegen ihren Widerstand unbedingt dazu überreden, ihr einen Job zu geben. Bei ihrer ersten Begegnung mit den Arbeitsabläufen im Bad sieht das Mädchen kleine kugelige Wesen einzelne Kohlenstücke zum Heizkessel schleppen, den ein vielarmiger Heizer versorgt. Als sie einem der Wesen, das sich mit seinem Brikett übernommen hat, die Last abnimmt, laden auch die anderen absichtlich zu viel auf, auf Unterstützung hoffend, und es ist klar, dass Chihiros Körpergröße es ihr gestatten würde, die Aufgabe um ein Vielfaches effizienter zu erledigen als die susuwatari, die zu Kohlenschleppern erhobenen Kohlen. Doch der Heizer herrscht die Besucherin an, die Einmischung zu unterlassen, und er droht den Wesen, wenn sie nicht arbeiteten, zerfielen sie zu bloßem Ruß. Erst eine mühsame Verhandlung mit der Hexe trägt der Heldin schließlich einen Arbeitsvertrag ein (der sie zugleich zu einer Gefangenen macht, denn Yutaba entfernt ein Schriftzeichen aus der Unterschrift ihrer neuen Beschäftigten und verwandelt den Namen Chihiro [千尋] in Sen [千], behält einen Teil ihrer Identität ein). Der Film schildert den Prozess ihrer Eingliederung in den komplexen workflow des Bade-, Gastronomie- und Unterhaltungsbetriebs. Das bloße Faktum ihrer engagierten Mitarbeit hebt dabei die strukturellen Vorbehalte nicht auf, zumal sie übliche Anfängerfehler begeht, und der eigentliche Eintritt in die Gemeinschaft von Arbeitenden glückt Sen erst, indem sie in einer heroischen Improvisation einen Flussgeist, den die Kolleginnen irrtümlich für einen Faulgott halten, von seinen Verschmutzungen befreit und so verhindert, dass die Wildheit des gequälten, von Industriedreck und Zivilisationsabfällen völlig überkrusteten Naturwesens das Badehaus zerstört.

Wie sieht mein letzter Tag im Vergleich dazu aus? Die Frage bleibt an einer Komplikation hängen: Es ist nicht gesagt, dass es einen letzten Tag meines Praktikums gibt – dass es ihn geben wird oder gegeben hat, denn selbst wenn das Praktikum auf dem Papier vorbei ist und mein CV es datiert, bringt mir das nicht unbedingt die Sicherheit, diese Phase beendet zu haben, und das gerade in dem Fall einer gelungenen Eingliederung in die Arbeitsprozesse. Es kann angehen, dass ich nun für das Unternehmen arbeite (feiner Unterschied der Präpositionen: nicht mehr allein bei der Firma, sondern auch für sie): Mein Gesicht zählt zu den beschäftigen, und ich ziehe vielleicht selber die eine oder andere Praktikantin halb genervt, halb freundlich hinter mir her, ohne dass zwischen meiner eigenen Praktikumszeit und dem, was ich jetzt tue, eine merkliche Zäsur stattgefunden hätte. Mein Status ist unklar, bestimmt sich praktisch, von Projekt zu Projekt. Ich übernehme Verantwortung, erkläre mich zuständig, und nach mehreren im Großenganzen mit Erfolg bewältigten Projekten bringen mir die Kollegen ein gewisses Vertrauen entgegen, während das informelle Aushandeln der Rollen in der Vorbereitungsphase eines neuen Projekts mich bei Sachen, wo ich in der Vergangenheit Fehler gemacht habe, zurückstuft, meinem Eifer jemand Erfahrenerem zur Seite stellt. Beim Geld kommen zu dem, was später dann doch an Praktikumsvergütung bewilligt wurde, leistungsabhängige Extrazahlungen hinzu, wovon ich lebe, mal besser, mal schlechter. Es nennt auch ab und zu einer aus dem engeren Kreis der Entscheider meinen Namen, wenn es darum geht, wer für den Posten eines demnächst ausscheidenden Mitarbeiters in der A-Abteilung in Frage käme, und die allgemeine Stimmung signalisiert Zuspruch eher als Widerstand. Aber solchen glückverheißenden Neuigkeiten folgt oft lange nichts Konkretes. Schwer, auch nur zu erfahren, wann der Betreffende das Unternehmen verlässt (Erkundigungen ergeben, dass er mit dem neuen Arbeitgeber über Details verhandelt, was ein Weilchen dauern kann, und hundertprozentig sicher sei der Wechsel wohl gar nicht). Später heißt es, er sei ja schon weg, seine Zuständigkeiten vorerst auf die ehemaligen Kollegen verteilt, und es sind sich alle einig, dass das nicht so bleibt, aber eigentlich biete die Umstellung die Chance, die Strukturen in der A-Abteilung grundlegend neu zu gestalten, und man müsse mal sehen – ich sei weiterhin im Gespräch, usw.

Dabei besteht durchaus die Möglichkeit, dass der Lauf der Dinge mich eines Tages wirklich auf eine regulär(er)e Stelle befördert. Einstweilen aber gehe ich der Arbeit nach in einem Alltag, der eher die Ausdifferenzierung jenes ersten Tages ist als die Ankündigung seines Endes. Zwar habe ich es geschafft, mich von der Position des Überflüssigen, der stört und aufhält, wo er mittun will, ins Ineinander von Abläufen vorzuarbeiten, die nun mit mir – und teils dank meiner – funktionieren. Ich partizipiere am Betrieb. Ich bin, wie einige meiner Kollegen nicht zögern würden zu sagen, wichtig. Doch konnte diese Integration in eine Arbeitsumgebung die Überzähligkeit meiner Anwesenheit, die am ersten Tag jedem auffallen musste und mir selbst geradezu schmerzhaft bewusst war, jemals widerlegen? Wenn der Betrieb, wie ich damals erfuhr, ohne mich lief und wenn ich zeit meiner Tätigkeit hier keinen anderen explizit ersetzt habe, sondern bloß Aufgaben übernommen, wo sie anfielen: bin ich hier, im Inneren des Betriebes, im körperlichen und seelischen Einklang mit seiner Geschmeidigkeit, weniger überzählig? Hat sich in der dramaturgischen Form meiner Einarbeitung nicht lediglich eine störende, sperrige Überzähligkeit in eine funktional glatte Überzähligkeit verwandelt? Und macht eben eine solche Verwandlung nicht das sozio-ökonomische Wesen des Praktikums aus?

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