Ästhetisierungen #1: Kreativität und was sie soll

Von einer „Ästhetisierung“ des Gesellschaftlichen, des Politischen und womöglich des Ökonomischen zu sprechen, scheint zunächst insofern wenig plausibel, als bei der Übertragung von Werten, Konzepten und Begrifflichkeiten, Techniken und Verfahren der Kunst auf andere Handlungsdomänen eben das Ästhetische zumeist wegfällt. Übertragen bedeutet Kreativität einen schöpferischen Mehrwert des Produzierens, dessen Mehr aber gerade nicht mehr im Reichtum ästhetischer Erfahrung gründet, sondern von Anfang bis Ende der Produktion immanent ist (was allerdings indirekt am Mysterium der Ästhetik seit 1800 partizipiert, wie die Erfahrung sich eigentlich in Produzieren wende).

In einem Sinn aber trifft „Ästhetisierung“ doch, und der geht auf das Begehren, das ein Begriff wie Kreativität in seiner freien Übertragbarkeit heute (seit den 1950er Jahren, wo der Siegeszug von „creativity“ begann) erfüllt: Es ist das vor allem ein Begehren nach Unbestimmtheit. Die Hinwendung zur Welt, die jeweils kreativ heißt, erfolgt aus einer Abwendung von dem, was in einer bürokratisch organisierten Gesellschaft zu weitgehend bestimmt. Problem ist dabei nicht allein, dass die funktional differenzierten institutionellen Prozesse in mir jeweils nur die sehr spezifische Kontaktperson des Steuerzahlers, des Rechtsübertreters, des Vertragspartners, des Verkehrsteilnehmers usw. erfassen und ich als unfragmentiertes Ganzes darin nirgends vorkomme, wie Luhmann beobachtete. Die Differenz dieser Teilbestimmtheiten zum Ganzen taugt auch nicht zur Zuflucht des Unbestimmten. Das Ich als Ganzes, wo irgendeine soziale oder kulturelle Praxis mir gestattet, es wieder ins Spiel zu bringen – die Familie, Yoga, was auch immer –, ist lediglich eine weitere Bestimmung, die hinzukommt, ein Michwiedererkennen in etwas, ein „Das also bin ich!“, eine Identitätskonsumption, wie Deleuze und Guattari sie im Anti-Ödipus beschrieben haben.

Demgegenüber besteht eine Sehnsucht nach Unbestimmtheit – und wo diese die Form eines Verlangens nach ‚Ganzheit‘ annimmt, nach einer Integrität im Unbestimmten. An dieser Stelle erneuert die Ästhetik, vielleicht ohne dass ihre Verfechter es recht merken, ein altes Versprechen. Denn Unbestimmtheit ist seit Schiller genau das, was Ästhetik dem Subjekt verspricht. In den Briefen über die ästhetische Erziehung spricht der Autor von einem „Nullzustand“, in dem sämtliche partikularen Bestimmungen (durch die Herkunft, die Lebenssituation, die von Schiller verabscheute Arbeitsteilung und ihre spezialistische Verkrüppelung des Menschen) neutralisiert seien. Dieser Zustand, in dem das Subjekt, obgleich nicht mehr frisch, wieder in die vollkommene Unbestimmtheit zurückgleitet, dank des ästhetischen Spiels die Elastizität eines kindlichen, aber nicht mehr kindischen Gemütes gewinnt, ermöglicht dem Menschen „weiter nichts“, als dass er „aus sich selbst machen“ kann, „was er will“. Damit aber sei, so Schiller, „ein Unendliches erreicht“.

Schiller versteht den Nullzustand als ein mittleres Stadium, das in der Dramaturgie der ästhetischen Bildung auch eine zeitliche Mittelposition einnimmt: Man muss da hindurch, alle Menschen müssen hindurch, wenn es mit der ästhetischen Geselligkeit, der ästhetischen Gesellschaft, dem ästhetischen Staat etwas werden soll. Doch das Müssen bürdet sich mir gar nicht als Pflicht auf. Es handelt sich eigentlich um ein Dürfen, denn die Wirklichkeit des Ästhetischen ist ja die eines Genießens. Schiller hält die ästhetische Erziehung für die einzige, die ohne Gewalt auskommt, eben weil sie den entscheidenden Schritt, jeden entscheidenden Schritt, der den Menschen seinem Ideal näherbringt, aus der Lust am Spiel organisiert.

Nun könnte man fragen: Wenn das ästhetische Spiel als Weltverhältnis das Durchgangsstadium des Nullzustandes mit derart angenehmen Affekten ausstattet, was motiviert mich dazu, jemals wieder aus dieser Unbestimmtheit herauszutreten? Mich zu etwas zu machen, was ich will? Was richtet den Willen unter solchen Umständen überhaupt auf etwas anderes als auf das Andauern des Unbestimmten selbst, auf die Übersetzung jenes „Unendlichen“, das für mich und irgendwie mit mir erreicht ist, in eins, das ich habe und behalten darf? Was heute geschieht, rückt, wie mir scheint, in der Tat den Nullzustand des Unbestimmten in gewisser Weise von der Schiller’schen Mitte ans Ende. Die Verhaltensimperative hinter populären Schlagwörtern wie „Selbstverwirklichung“ teilen diese Verrückung unscheinbar mit: Was zu verwirklichen ersehnt wird, ist kein in irgendeiner positiven Bestimmung vor‑gestelltes, als Ziel vor Augen stehendes Selbst. Der Selbstverwirklicher hat nichts gemein mit dem self-made man, der von seinen materiellen Verhältnissen bis zu seinem sozialen Status alles auf eigenes Hergestellthaben zurechnet. Die angestrebte Wirklichkeit ist vielmehr die eines Zustandes, der erlauben würde, alles zu werden – nicht als ein einmaliger Übergang, in dem das einzelne Individuum quasi die kulturelle Entwicklung seiner Gattung wiederholt (zwei Prozesse, die Schiller in den Briefen aufeinander abbildet) und das möglichst komplett, sondern als lebenslange, das Leben in seiner begrenzten Länge zu einer prinzipiell unbegrenzten Dicke wattierenden Disposition: ein Durchgangsstadium, das in dem Augenblick, da ich es passiere, selbst durchgängig wird.

Für das, was Zugang zu diesem Zustand gewährt, ist „Kreativität“ ein Statthalter. Es erinnert vage noch an ein Herstellen oder Bewerkstelligen, ohne indes auf Spezifikationen zu verweisen. Kreativ ist alles, was subjektiv Unbestimmtheit herstellt. Ich schlage vor, das als Arbeitsdefinition zu verwenden. Und damit zugleich anzuerkennen, dass die Mitwirkung der Künste an der Ausprägung der bürgerlichen Gesellschaft uns ein solches Begehren hinterlassen hat – oder genauer: dass die ästhetisch verwesentlichte, mit einem eigenen Seins- und Werdensmodus versehene Kunst uns das Versprechen vermacht, ein solches Begehren zu erfüllen, und das Begehren damit, so sie es nicht allererst hervorgekitzelt hat, nährt und am Leben erhält. Die Attraktivität von Kunst (Kunst-Machen, Kunst-Leben, Kunst-Sein, an Kunst teilhaben…) kommt heute aus diesem Unbestimmtheitseffekt. Und da es hier wirklich um einen Effekt geht, spielt es im Übrigen keine Rolle, ob das „kreativ“ Genannte, irgendwie mit Kunst Verbundene Kriterien des ‚wahrhaft Schöpferischen‘ gerecht wird. Kunst liegt nicht mehr im Auge des Betrachters, sondern im Unbestimmtheitsgefühl desjenigen, der sein Leben mit ästhetischen Prozessen synchronisiert.

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