Kanon

Ein Wort für die Philologen. — Dass es Bücher giebt, so werthvolle und königliche, dass ganze Gelehrten-Geschlechter gut verwendet sind, wenn durch ihre Mühe diese Bücher rein erhalten und verständlich erhalten werden, — diesen Glauben immer wieder zu befestigen ist die Philologie da. Sie setzt voraus, dass es an jenen seltenen Menschen nicht fehlt (wenn man sie gleich nicht sieht), die so werthvolle Bücher wirklich zu benutzen wissen: — es werden wohl die sein, welche selber solche Bücher machen oder machen könnten. Ich wollte sagen, die Philologie setzt einen vornehmen Glauben voraus, — dass zu Gunsten einiger Weniger, die immer „kommen werden“ und nicht da sind, eine sehr grosse Menge von peinlicher, selbst unsauberer Arbeit voraus abzuthun sei: es ist Alles Arbeit in usum Delphinorum.“

(Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft, Nr. 102)

Die Literaturwissenschaft ist nicht dazu berufen, einen Kanon zu definieren, indem sie Gesetze dafür aufstellt oder sonstwie begründet, was hinein gehört, was nicht. Die Lektüre, Analyse, Kommentierung, Interpretation (schließlich: Edition) eines Textes, dessen Auswahl ins Belieben des Philologen fällt, hat ihre vornehmste Aufgabe darin, evident zu machen, dass man eben diesen Text lesen muss und ihn noch viele Male wird lesen können und dürfen. Der Text des Philologen ist das Argument für die Kanonisierung dessen, was er liest. Genau darin aber versagt die LWS heute, und diejenigen, die am übellaunigsten dem verbindlichen Kanon das Wort reden, sind die schlimmsten Versager. Wie fast alle Geisteswissenschaftler vermögen die LWSer nichts mehr, als in allem wie Gutachter zu reagieren. Sie wären darauf angewiesen, dass andere den Vorschlag machen, diesen oder diesen Text – diese oder diese Literatur – für unverzichtbar zu halten, damit sie selber den Vorschlag prüfen und unterstützen oder mit Vorbehalten versehen könnten. Aber es tut ihnen keiner mehr den Gefallen, solche Vorschläge zu unterbreiten. Und ihr beleidigter Kulturpessimismus, die Beschwerden über eine Welt, die Literatur nicht mehr wichtig genug nehme, dabei handelt es sich eigentlich um einen Ausdruck der Frustration an ihrer eigenen Unfähigkeit, der gegenwärtige Wert dessen, wovon sie nach wie vor zehren, zu sein.

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