Vernachlässigung

In seiner Vorlesung zur parrhesia vom 22.2.1984 macht Michel Foucault einen kurzen Exkurs zur Etymologie des griechischen epimeleia und insbesondere des Ausdrucks melei moi, der soviel wie „ich kümmere mich um“ bzw. genauer „es (be-)kümmert mich“ bedeutet. Auf einigen Umwegen, die seine Kollegen Georges Dumézil und Paul Veyne involvieren, kommt er zur Hypothese einer möglichen Verbindung mit melos, das in „Melodie“ steckt: Die ursprüngliche Vorstellung des Von-etwas-bekümmert-Werdens könnte mit dem Hören(-Müssen) eines Gesanges zu tun gehabt haben – so wie die Herde den singenden Ruf des Hirten zu hören bekommt oder die Hirten einander melodische Signale zusenden, um sich zu koordinieren. Die Erfahrung, die der Situation des Von-etwas-bekümmert-Werdens bzw. Sich-kümmern-Müssens zugrunde liegt, wäre demnach die eines Angesungen-Werdens: Ich finde mich einer Melodie ausgesetzt.

Was von diesen etymologischen Spekulationen dreier französischer Gelehrter zu halten ist, kann ich nicht beurteilen. Die Bemerkung Foucaults führt mich jedoch in neuer Perspektive auf ein Thema zurück, das mich seit längerem beschäftigt und zu dem ich bislang die aufschlussreichste Beobachtung im Manuskript einer Vorlesung von Roland Barthes gefunden hatte: In Wie zusammen leben kommt Barthes auf den Unterschied zwischen einem Geräusch, das mich persönlich affiziert, und dem ästhetischen Phänomen ‚Musik’ zu sprechen, in dem das unmittelbar Affizierende des Geräusches neutralisiert ist und Emotionalität erst gleichsam sekundär, aus dieser von Geräuschaffekten befreiten Leere neu entsteht. „In der Musik lauscht man nicht“, sagt Barthes – „und in gewissem Sinne hört man auch nicht.“ (Wie zusammen leben, S. 142)

Ich erlebe, dass dieser Unterschied zwischen Geräusch und Musik sich auch als Unterschied zwischen einer Musik und einer anderen Musik mitteilen kann: zwischen einer Musik, die ich hören muss, und einer Musik, die ich hören darf (oder will: deren Erklingen ich mir zurechnen kann). Die Musik, die meine Nachbarn hören, dringt durch die dünnen Mauern unseres Mietshauses als Geräusch zu mir herüber. Sie provoziert unmittelbar, als Geräusch, als bloßes Lautwerden von etwas, Reaktionen bei mir. Zumeist sind es negative Reaktionen, weil der Lärm mich bei etwas stört, wofür ich Stille möchte (Lesen, Schreiben); aber auch in der grundsätzlich negativen Tönung gibt es Nuancen, die mir deutlich machen, dass ich das Musik-Geräusch als Signal eines fremden Lebens entziffere. Und das ist das eigentlich Nervige, das, was sogar dann nervt, wenn das Entzifferte mir in Teilen sympathisch ist und die Nachbarn bspw. Musik hören, die ich prinzipiell mag, zu einer anderen Zeit vielleicht auch hören würde usw. Das Problem lautet: Um jenes fremde Leben muss ich mich nun kümmern.

Es ist deshalb möglich, die Musik von nebenan durch Musik von hier zu neutralisieren: Ich lege eine CD ein, drehe die Anlage eben so laut, dass sie die Musik der Nachbarn übertönt. Meine eigene Musik stört mich kaum beim Lesen, beim Schreiben. Meine Haltung dazu ist wohlwollend neutral, und selbst wenn es bloß das Radio wäre und ich zum größten Teil Musik zu hören bekäme, die mir nicht gefällt, wäre der Neutralisierungseffekt immer noch so stark, dass ich es eingeschaltet lassen würde.

Die Wand, die das Geräusch durchlässt, hat dabei noch eine zweite Funktion, die für das Problem ebenso wichtig ist: Sie verhindert physisch, das ich dem melodischen Ruf von nebenan folge – und demonstriert symbolisch, dass ich auch nicht dazu berufen bin, ihm zu folgen. Die Wand steht da, weil das Leben nebenan und das Leben hier eben keine direkte Verbindung haben. Falls ich nicht zufällig gut mit den Nachbarn befreundet bin (und dass ich es hier nicht bin, mag etwas über Menschen in einer deutschen Großstadt sagen – oder auch bloß über mich), gehe ich davon aus, dass ihr Leben mich nichts angeht. Und sie gehen, wie ich annehme, ebenfalls davon aus, dass ihr Leben mich nichts angeht. Sie spielen diese Musik nicht für mich, sondern für sich allein; sie denken dabei nicht daran, dass die Musik auch meine Ohren erreichen könnte (eben das mache ich ihnen, falls ich wütend werde, zum Vorwurf: die Rücksichtslosigkeit, nicht an mich, ihren Nachbarn, zu denken). Würde ich an ihrer Tür klingeln, um mit ihnen über die Musik zu reden – mich nicht beschweren, sondern die Musik kommentieren, meine Meinung dazu mitteilen oder gar etwas dazu bemerken, weshalb ich glaube, dass sie diese Musik hören, was die Musik für mich über sie sagt –, sie wären zweifellos mindestens befremdet und würden es entweder doch als eine höflich verklausulierte Beschwerde verstehen oder mich möglichst schnell loszuwerden versuchen. Daraus, dass ich ihre Musik höre, zu folgern, dass mich ihr Leben angeht, dass ich nun die Pflicht und auch das Recht habe, mich um ihr Leben zu kümmern, wäre angesichts der sozialen Realität des Nebeneinanderwohnens in einer nordeuropäischen Großstadt im 21. Jahrhundert absurd.

(Es hat in diesem Sinn eine ironische Folgerichtigkeit, dass man, wenn einem die Beschwerde an der Wohnungstür zu viel sozialer Austausch ist, an die Wand klopft: das Element, das zugleich die Membran und die Barriere, das Durchlässige und das Trennende ist, direkt zum Vibrieren bringt.)

[…]

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