Existenzgründung als biographisches Ornament

Die Unternehmensgründung schreibt die wirtschaftliche Performance offenbar in die Geschichte der institutionellen Autorität ein – eine Geschichte, die, wie Hannah Arendt nachgezeichnet hat, mit der römischen Überzeugung vom Primat der Vergangenheit gegenüber der Zukunft, von der Größe des Gewesenen und der Notwendigkeit seiner Bewahrung beginnt. Das gegründete, auf seiner Gründung bestehende und die Größe des Gründungsaktes erinnernde Gemeinwesen stellt das Handeln in einen bestimmten temporalen Horizont. Vom römischen Reich über die christliche Kirche bis zu den modernen Nationalstaaten hat diese Vergangenheitsbindung die abendländischen Institutionen beherrscht und in ihrem Funktionieren zugleich stabilisiert und eingeschränkt.

Mit dem kapitalistischen Unternehmen tritt zum ersten Mal ein institutionelles Gebilde auf, das diese Bindung an die auctoritas nicht teilt, dessen Strukturen sich einer gegenwärtigen Gelegenheit anbilden und auf die Zukunft ausrichten. Das Unternehmen ist die Institution ohne Vergangenheit, und die Verteilung von Autorität innerhalb dieser anderen, ganz der Performance zugedachten Institution stellt ein völlig neues Problem dar.

Der Gründungsakt selbst ist hinsichtlich des Unternehmens von einer explosiven Widersprüchlichkeit: Einerseits gibt es so etwas wie eine bürgerliche Semantisierung der Gründung und der daraus hervorgegangenen Institution. Andererseits handelt es sich bei der Unternehmensgründung um die schnelle Wahrnehmung einer flüchtigen Gelegenheit, und es geht dem Unternehmen keineswegs darum, den dynamischen Impuls, der an seinem Anfang stand, zu neutralisieren und in der Genealogie stillzustellen (im Gegenteil schaltet sich hier eine dem Militärischen verwandte Logik ein, und im 20. Jahrhundert erfolgt eine Reorganisation der Funktionshierarchien in den Unternehmen nach militärischem Muster, die zu Teilen bis heute überdauert). Eine Rekonstruktion der Gründungssemantik hätte sich mit dieser Spannung zu befassen: Das Unternehmen befindet sich „in Familienbesitz“ – das heißt, man rekonstruiert durch eine Kontinuität zwischen der handwerklichen Sphäre des Herstellens, die an den oikos, das Haus und die Familie geknüpft ist, und dem Unternehmertum in der Welt des Kapitalismus eine genealogische Sinnperspektive. Der Gründungsakt durch den Großvater, Urgroßvater usw. erscheint wie eine Verpflichtung für die folgenden Generationen, und der Leiter eines Unternehmens, der mit seiner Führungsposition vor allem eine Familientradition fortsetzt, sich der Verpflichtung stellt, das Gegründete zu bewahren und auszubauen und es nicht verfallen zu lassen, macht dies gegenüber seinen Angestellten als Basis seiner Autorität geltend. Die Idee des „obersten Dieners“ wird hier auf die unternehmerische Tätigkeit appliziert: der Chef, die höchste Autorität im Unternehmen, dient einer noch höheren Autorität: der Tradition, d.h. der Zeitbindung, die durch die Gründung entstanden ist.

Solche Traditionsbindungen können sich über familiäre Grenzen hinaus erstrecken. Das Unternehmen erscheint allgemein als kulturelle Leistung, als Errungenschaft, als Werk und Wert. In der industriellen Phase materialisieren Grundbesitz, Gebäude und Maschinen diese verpflichtende Würde des Gegründeten. In einer postindustriellen Ökonomie, wo die materielle Basis der Produktion entweder entfällt oder größtenteils geleast bzw. outgesourct wird, verschwinden diese Symbole und damit ein Stück „Gedächtnis“.[1] Zugleich tritt die Volatilität des Gründungsakts wieder stärker hervor, das Gelegenheitsbezogene, auf einen schnellen Vorteil Angelegte. Je mehr es um Flexibilisierung, Dynamisierung, Schaffung neuer Märkte geht, desto mehr rückt der Gründungsakt selbst ins Zentrum der unternehmerischen Tätigkeit – bzw. kollabiert die Differenz zwischen Gründung und Führung eines Unternehmens. Management-Theorien, die empfehlen, ein Unternehmen so zu führen, als ob man es jedes Jahr, jeden Monat, jede Woche oder jeden Tag neu gründen würde, reflektieren diese Veränderung, die zum einen der Führung des Unternehmens jenes Kontinuierliche entzieht, was die genealogische Bindung der Zeit symbolisiert hatte, zum anderen aber dem Gründungsakt weitaus mehr an Erwartungen aufbürdet als die Perspektive der institutionellen Autorität.

Die etwas hilflos und verquer wirkende Debatte um die „ethische Verantwortung“ von Unternehmen, die in Deutschland um 2005 zwischenzeitlich aufflackerte, endet zwangsläufig an diesem Punkt: Unsere Konzepte von Verantwortung stehen allesamt in der Tradition der auctoritas, eines seinem Wesen nach römischen Respekts vor der gegründeten Ordnung. Der unternehmerische Gründungsakt ist aber seinem Wesen nach volatil, er stellt lediglich einen Reflex auf das durchaus kontingente Sichbieten einer Gelegenheit dar. In der Anfangsphase des Hochkapitalismus, als das Unternehmen noch nicht als Rechtsform abgesichert und seine Dauerhaftigkeit noch nicht durch die zahlreichen gesetzlichen Bestimmungen und staatlichen Maßnahmen, die wir heute kennen, gestützt war, konnte dies bereits nur durch die Familie verschleiert werden. Heute gibt es im Grunde nichts mehr, was eine solche Illusion von Stabilität erzeugt. Die unternehmerische Aufgabe ist das Gründen selbst, das sich mit Businessplan-Wettbewerben, Gründer-Messen etc. zu einer eigenen Sphäre ausdifferenziert hat. In der Vorstellung der Existenzgründung verweist die Gründung nunmehr direkt auf die Einzelperson des Unternehmers, auf sein bloßes Leben und nicht mehr auf eine familiäre, soziale oder kulturelle Bindung seiner Lebenszeit. Jemand, der existiert, indem er gründet, der sein Unternehmen und sein Leben dadurch führt, dass er unentwegt neu gründet, den Gründungsakt darin nicht so sehr bestätigt als in einer prekären Dynamik durch sich selbst ersetzt, bewegt sich offenkundig in einer Zeit, deren temporale Konfiguration die klassischen Figuren der Verantwortung nicht mehr aufzunehmen vermag.

Wie sich auch in anderen Bereichen zeigt (etwa in der „Weltinnenpolitik“, wo das „Übernehmen von Verantwortung“ heute ebenfalls an die Initiative geknüpft ist und keinen Erhalt und behutsamen Ausbau gewachsener Strukturen, sondern Interventionskriege bedeutet: Gründungskriege, bei denen die Interventionsmacht das besiegte Land am liebsten verlassen will, sobald der Gründungsakt für „Freiheit und Demokratie“ erledigt ist), determiniert das Moment der Initiative das unternehmerische Agieren heute so stark, dass der Gründungsakt jede Traditionsbindung verliert und die Spannung zwischen Verpflichtung und Volatilität somit kein übergreifendes ökonomisch-sozial-politisches Feld mehr eröffnet. Gründen kann heute gar nichts anderes mehr sein als eine Tätigkeit wie jede andere. Je direkter administrative Maßnahmen den Gründungsakt fokussieren, je rückhaltloser sie ökonomisches Agieren und Existenzgründung miteinander identifizieren, desto freier wird die Dynamik des Gründungsaktes zwischen den elementaren Operationen des (Über-)Lebens verteilt.

 ***

Schöpfung ist, wie Jean-Luc Nancy in seiner philosophischen Analyse der Globalisierung ins Gedächtnis zu rufen versucht hat, zunächst Äußerung, nicht Produktion.[2] Indem sie eine Welt macht, erzeugt sie eine Manifestation ihrer selbst und somit eine ursprüngliche Spaltung ihrer selbst. Das Geschaffene kommt daher in seiner weltlichen Existenz aus dieser künstlichen Fremdheit einer Selbstentfremdung schöpferischer Kraft, und es bezeugt in allem, was es ist, gerade auch in seiner Vergänglichkeit, sein Geschaffensein eher als seine Eignung, in bestimmten Prozessen der Konsumption, der Weiterverarbeitung oder Reproduktion aufzugehen.

Insofern richtet sich Schöpfung niemals direkt auf ein Ding, sondern auf eine Welt, in der die Dinge den schöpferische Impuls, das ursprüngliche momentum, wiederholen und differenzieren. Existieren, Gründen – das sind scheinbar die Begriffe, die am unmissverständlichsten auf jene Hinsicht verweisen, in der das menschliche Leben selbst zum Werk wird. Doch verdeckt diese Gründungsmetaphorik, dass der Schritt vom Angestellten in einem postfordistischen Unternehmen zum selbstständigen Unternehmer nur ein gradueller Übergang oder so etwas wie eine Abweichung ins Selbstständige ist. Die Unternehmensgründung bedeutet keineswegs mehr die entäußernde Aufgabe aller Sicherheiten, um einen selbstbestimmten Neuanfang zu wagen – denn einerseits bietet das Angestelltenverhältnis die Sicherheiten gar nicht mehr, und andererseits führt selbst ein erfolgreiches Start-up nicht unbedingt in die Selbstbestimmung, sondern mit höherer Wahrscheinlich in die Abhängigkeit von „Business Angels“, Mehrheits-Aktionären oder zu einer Übernahme des blühenden kleinen Unternehmens durch Großinvestoren, woraufhin der Gründer sich erneut als Angestellter wiederfindet.

So ist das Unternehmertum zwar zum zentralen Modell beruflicher Tätigkeit geworden, das alle anderen Formen von Arbeit integriert (und d.h. so weit verändert, dass sie darauf abbildbar werden). Doch kommt das tatsächliche Unternehmer-Sein dadurch als eine Option zwischen anderen heraus, als etwas, das kaum mehr wie ein besonderes Wagnis aus dem Spektrum von naheliegenden nächsten Schritten herausragt. Dasselbe Provisorische, das die Angestellten-Jobs bestimmt, refiguriert auch die Unternehmensgründung: „Mindestens eine Gründung kann sich jeder leisten“, schreibt Ingo Niermann in der Einleitung zu seiner Protokollsammlung Minusvisionen. „Geht man in Konkurs, lassen sich die Gläubiger auf einen Vergleich ein, die Eltern helfen einem aus, oder nach siebenjährigem Wohlverhalten im Offenbarungseid sind alle Schulden (außer Steuerschulden) verjährt.“[3]

Mit der staatlich geschützten Haftungsbeschränkung beginnt die Abspaltung einer vom Staat quasi unabhängigen Sphäre namens Wirtschaft, was binnen eines Jahrhunderts dazu führt, dass die Wirtschaft das Machtverhältnis umkehrt und die Politik zu kontrollieren beginnt. Für den Bürger an der Schwelle des 21. Jahrhunderts, der aus der staatlichen Fürsorge ein Stück weit in die Selbstsorge entlassen ist, bedeutet dies einen Spielraum, der nicht so sehr durch seine Größe (die „ungeahnten Möglichkeiten“) als vielmehr durch seine Konfiguration reizt. Denn es ist ein Spielraum im wörtlichen Sinne, ein gewisses Maß an zusätzlichem Platz für spielerische Variationen dessen, was man sowieso lebt, und, im positiven Fall (der nicht unbedingt der ökonomische Erfolgsfall sein muss), für eine Steigerung dieses Lebens durch seine Fortführung als Unternehmen.

Wenn man sich nicht mehr kategorisch entscheiden muss, ob man sein Leben als Angestellter oder als Unternehmer verbringen will, da die Kategorien ineinandersickern, wird der Unternehmer zu einer Spielfigur, einer Art biographischen Koloratur. Die Unternehmensführung ist kein Neuanfang, sondern eine Weiterführung des Lebens, wie man es bislang geführt hat. Man hat keine großartigen neuen Ideen, die einen Markt revolutionieren oder gar neue Märkte eröffnen, sondern realisiert mit der Gründung etwas, was man sowieso immer schon mal machen oder zumindest gemacht haben wollte: einen wirklich netten Coffee-Shop, wo man den ganzen Tag abhängen kann; ein Kino, das die guten alten Filme noch einmal in sorgsam restaurierten Originalfassungen zeigt; einen Laden, in dem es Kunst gibt, aber auch Zeitschriften, Bücher, aber auch Wein, einen Friseursalon, in dem man auch seine Wäsche waschen und im Internet surfen kann… Die in Minusvisionen porträtierten ‚alternativen’ Unternehmenskonzepte der 90er Jahre waren im Sinne eines klassischen ökonomischen Kalküls, das es auf finanzielle Gewinne absieht, eher verfehlt, weshalb auch die meisten von ihnen rasch Pleite gingen. Es handelte sich aber um wirksame – und biographisch wirkungsmächtige – Differenzierungen des Alltagslebens derjenigen, die sie gründeten: Differenzierungen, die die Identifikation von Möglichem und Wirklichem, wie sie die New Economy suggerierte, von einer anderen Seite wörtlich nahmen und sich dabei mitunter einem fast kindlichen Wunschdenken hingaben.

„Diese Unternehmer schienen mir trotz Mißerfolg keine Verlierer zu sein“, urteilt Niermann.[4] Tatsächlich legt die Dynamik dieser Existenzgründungen nahe, die Kriterien zu verschieben – von der betriebswirtschaftlichen Sichtweise, die zuerst und zuletzt die Bilanzen prüft, zu einer Perspektive, die das Unternehmertum als Lebensfigur in ihren positiven und negativen Aspekten ernst nimmt und die Unternehmensgeschichte als eine Erzählung biographisch-ökonomischer Variationen entziffert. Scheitern stellt dann nicht mehr die definitive Grenze des Unternehmertums dar. Das tat es im Grunde nie – schon der klassisch-moderne Mythos vom Unternehmer verherrlichte einen Mann, der tief fiel und wieder aufstand, um etwas anderes zu probieren oder seine Vision weiter zu verfolgen, bis das irgendwann zum Erfolg oder zur großen Katastrophe führte (jemand wie der Held von Scorceses Aviator). Die postfordistische Version dieses Mythos verzichtet auf die Tragik und das Pathos des Scheiterns ebenso wie auf den großen schöpferischen Akt der Erfindung. Sie ist eine Erzählung von kleinen (sich u. U. potenzierenden, aufschäumenden) Variationen, nicht von großen Erfindungen, und das Scheitern hat hier eher den Charakter eines Achselzuckens, mit dem jemand eine Falte seines Lebens wieder glattzieht. Was bleibt, sind wirkliche Gewinne und Verluste und deren Maß.


[1] Es ist von daher nur konsequent, die aufgegebenen industriellen Anlagen quasi in ein Museum ihrer selbst zu verwandeln, wie dies im Ruhrgebiet geschehen ist.

[2] Vgl. Jean-Luc Nancy, Die Erschaffung der Welt oder Die Globalisierung, Zürich/Berlin 2003, S. 71, Anm. 13: „expression, exposition, extranéation“.

[3] Ingo Niermann (Hg.), Minusvisionen. Unternehmer ohne Geld, Frankfurt a.M. 2003, S. 7.

[4] Niermann, Minusvisionen, S. 8.

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