Die Wirklichkeit moralischen Handelns

Praxis darf niemals etwas bezeichnen, was nur die anderen tun. Das wäre der politisch-ethische Grundsatz ihrer Definition.

Adorno verübt ein typisches akademisches Vergehen: Als Beispiel für das „atheoretische“, „spontane“ Moment der Praxis dient ihm der Widerstandskämpfer gegen das Nazi-Regime: einer der „Männer des 20. Juli“. Die Gefahr, deren jene Männer sich aussetzten, will ihm dann als maßgeblich für das Wirkliche am Praktischen erscheinen: „Praxis ist’s halt, wenn’s weh tut, und wenn es verteufelt weh tun kann.“ (Probleme der Moralphilosophie, S. 20) Aus der Behaglichkeit des Professors, der auf seinem Katheder steht, über Praxis zu sprechen, kommt ihm fast zynisch vor, und dieses „Moment von Zynismus“ attestiert er auch der Moralphilosophie als solcher. Hat er damit Recht, demonstriert er indes zugleich, wie der Zynismus zustande kommt: dadurch, dass der Philosophieprofessor das moralische Handeln in einer seiner eigenen Verfassung unähnlichen Entschlossenheit wiedererkennen will anstatt in seiner eigenen Unsicherheit. Das Wirkliche – das, was aus der Wirklichkeit die Sphäre der Gleichheit macht – am moralischen Handeln ist, dass der Hitler-Attentäter aus derselben moralischen Unsicherheit, ob er sich so etwas zutrauen kann, handelt, aus der Adorno denkt. Die „Spontaneität“ der Praxis ist in der Tat ihre Wirklichkeit – gerade deshalb aber kommt sie nicht zur Deckung mit einer Fiktion von Entschlossenheit.

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