Massenmedien ohne Politik ohne Massenmedien

Gedankenspiel: Was wäre, wenn die Massenmedien Zeitung, TV & Radio aufhören würden, über sog. ‚Politik‘ in der pseudo-verantwortungsvollen Weise zu berichten, wie sie es tun? Wenn sie uns nicht mehr suggerieren würden, diese sog. ‚Politik‘ zu verfolgen sei ein moralischer Imperativ für den mündigen Bürger, das schlechte Gewissen und die Angst, was zu verpassen, eine wertvolle Antriebskraft fürs Sichinformieren – um stattdessen die Freiheit von der Notwendigkeit, Menschen mit etwas zu versorgen, was sie angeblich brauchen, dafür zu nutzen, sich auf ihr jeweiliges Medium zu beziehen, wie Künstler dies tun?

Diesen Vorschlag machte der amerikanische Soziologe David Riesman in den 50er Jahren:

„Since politics is actually less real than the press lords pretend to themselves and their audience that it is, the consumption of political vituperation  may easily become more than ever an escape in the usual invidious sense, rationalized by its high, media-based prestige. Thus, the sources in popular art and culture from which eventual political creation may flow are partially dammed up by false considerations of prestige and by the displaced guilts and ethical urges shared by those who control the media and those who, in turn, look to them for a bill of cultural fare.“

Riesman plädiert für das Wagnis, die Bevökerung mit dem Ausmaß ihres Desinteresses an dem, was der Regierungsbetrieb und die Massenmedien einmündig Politik nennen, zu konfrontieren. Er widerspricht der schon damals zu den Standards des Ressentiments zählenden These, die Massenmedien würden nicht ’seriös‘ genug über politische Angelegenheiten berichten, den Ernst der politischen Sache durch Unterhaltung verwässern. Die strukturelle Verschleierung der massenmedialen Politikberichterstattung liege, so argumentiert er, vielmehr darin, dass sie Dinge, die Staats- und Lokalpolitiker, Diplomaten, Unternehmer usw. tun, mit einer Aura des Wichtigen umgeben, die in den Haltungen der Menschen längst keine Entsprechung mehr hat. (Die Tagesschau-Berichte der letzten Jahre verraten zwanghaft, wie schwer den Machern es mittlerweile fällt, das weiter aufrecht zu erhalten: der Tonfall von Kommentaren und die Beziehungen zwischen Bildern und Text schlagen immer hemmungsloser in Satire um, und das Alberne vertritt eine kritische Distanz, die der professionelle Journalist nicht haben kann, da ihm das Wissen um den Grund für seine Nähe fehlt, denn seine Profession ist selbst der einzige Grund.) In dieser Situation biete die – vonseiten der Journalisten gut gemeinte – ethische Aufladung der Informationen  über Politik die Gelegenheit zu einem Eskapismus sozusagen zweiter Ordnung: Pflichtgemäße tägliche Zeitungslektüre oder regelmäßiges Nachrichten-Gucken/Hören dienen dem Bürger dazu, sich selbst darüber zu täuschen, wie wenig ihn das Berichtete angeht. Die Aufrechterhaltung dieser Fiktion von Interesse verhindert, dass die Indifferenz zu einer politischen Kraft wird. Die Kollektivkonstellation eines Publikums absorbiert und neutralisiert das Kollektiv der Indifferenten.

Dabei besteht das Problem, wie Riesman nahe legt, möglicherweise darin, dass die Medien sich nicht dazu entschließen können, ihre Adressaten wirklich als ein Publikum anzusprechen: nicht als eine Bevölkerung, die von ihrer coverage steuernd-gesteuert betreut werden muss wie dieselben Menschen als Objekt der Biopolitik von der Regierung, sondern als Leute, die freiwillig etwas rezipieren, was von Produzierenden nach deren eigenen Kriterien von Qualität gemacht ist und was vor allem auch den eigenen, nicht vorab an einem imaginären oder statistisch ermittelten Allgemeinen abgeglichenen Interessen dieser Produzierenden folgt.

„The probabilities are that the media, in their direct, message-bearing impact, are likely to do less either to help or to hurt the audience than the controllers of the media and their critics like to think. Awareness of this fact may permit both the controllers and the critics of the media to reorient their attention. They are free, much freer than they realize, to attend to the medium itself, rather than to the message it purveys or is believed to purvey. […]

In these and other ways, the men who work in radio, film, and fiction tend to give politics, as the press and its uplifters see it, a prestige denied to art, and especially the popular art of the media themselves. There is pathos in this for their personal lives, since it leads them to unwarranted contempt of their own craft. There is irony in this for American politics, since it seems to me that a country which produced artistically first-class movies, papers, and broadcasts – no matter what the topic and, indeed, subordinating the whole question of topic – would be, politically as well as culturally, a livelier and happier land. Good mass-media artists are quite as important, and perhaps even scarcer, than responsible, anti-escapist commentators.“

(David Riesman, The Lonely Crowd, S. 205)

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