Vom Wettkampf zum Wettbewerb #1: der Triumph

Agamben macht in seinen Untersuchungen zur Akklamation in Herrschaft und Herrlichkeit eine „tiefgreifende Veränderung“ im römischen Staatsrecht dort aus, wo der Kaiser ein stetiges Recht auf Triumph erhält.

Zuvor konnte ein Magistrat den Senat um die Gewährung eines Triumphes bitten, wenn er als Feldherr siegreich von einer Schlacht heimkehrte. Er musste die Entscheidung außerhalb des pomerium, vor den Toren Roms, abwarten, und erst nach positivem Bescheid war es ihm gestattet, in militärischer Tracht, d.h. im Ornat eines Führers, in die Stadt einzuziehen (während er üblicherweise vor dem Passieren der Stadtgrenze die militärische Uniform mit der Toga, dem Gewand eines Bürgers, zu vertauschen hatte – der politische Signalwert des Triumphes bestand Agamben zufolge gerade in der Ausnahme einer geduldeten Überschreitung dieses Verbotes, in der zeitweiligen Suspendierung einer Trennung zwischen dem Militärischen als Sphäre hierarchisch organisierter Macht und dem Zivilen als Sphäre verteilter, durch kollektive Entscheidungen ausgeübter Macht). Der Triumph verweist hier somit auf zwei Entscheidungen: den tatsächlich errungenen Sieg im Kampf und den auf Rechtsgrundlage und in Abstimmung gefällten Senatsentscheid.

Mit dem Kaisertum löst sich der Triumph jedoch von der Entscheidungssache und wird zu einem dauerhaften Vorrecht:

 „Wenn der Triumph technisch gesehen als eine Ausweitung von Vorrechten, die dem imperator nur außerhalb des Pomeriums zustehen, auf das urbane Territorium bestimmt werden kann, wird die neue kaiserliche Macht gerade dadurch definiert, daß sie das Triumphalrecht erweitert und fixiert. Und wenn laut der eindringlichen Formel Mommsens die Zentralisierung des imperium in der Hand des Prinzeps den Triumph zu einem ‚kaiserlichen Reservatrecht’ machte, kann umgekehrt der Kaiser als derjenige bezeichnet werden, der das Monopol auf Triumph innehatte, dessen Abzeichen und Sonderrechte dauerhaft besaß.“ (Agamben, Herrschaft und Herrlichkeit, S. 220f.)

Die souveräne Macht bestimmt sich hier also durch eine Potenzialisierung, die im selben Zug wie die politische Entscheidung über die Gewährung einer temporären Überschreitung für das Gemeinwesen strukturgebender Verbote die militärische Entscheidung betrifft. Die Transformation der politischen Entscheidung in ein dauerhaft zugestandenes, vom Herrscher jederzeit aktualisierbares Privileg erfasst auch diejenige Entscheidung, die nach dem alten Rechtsbrauch der unzweideutige Ursprung des Triumphes ist. In dem Maße, wie die Akklamation dem Souverän zusteht unabhängig von der Prüfung des Einzelfalls, büßt die Entscheidung im Kampf ihre Klarheit als Ereignis ein. Der Kampf wird zu einem möglichenAnlass des Triumphes.

Was sich mit dieser Potenzialisierung ebenfalls ändert, ist der Charakter der Bewegung: Der Triumphzug des Magistraten wirkt als Bewegung kraft der symbolischen Operation, die das Auftauchen einer militärischen Führerfigur innerhalb der bürgerlichen Ordnung des pomerium bedeutet. Aber diese Bewegung ist dabei die Verlängerung jener Heimkehr von einer siegreich ausgefochtenen Schlacht, die an der Stadtgrenze nur kurz zum Halten gekommen war. Die Bewegung gehört hier noch zu einer Handlung, ihr ‚zeremoniöser’ Teil, wo sie als Bewegung selbst eine politische Wirkung erlangt, bildet den letzten Abschnitt des Handlungszusammenhangs, der mit dem Aufbruch in den Kampf begonnen hatte und nun seinen Abschluss findet (eben insofern sie Abschluss ist, ist die Bewegung selbst unwiederholbar – wie Hegel sagen würde: nicht institutionabel). Der Zug durch die Straßen Roms hat so eine doppelte Valenz: er vervollständigt die militärische Handlung ‚Kriegszug’, und er supplementiert diesen Handlungszusammenhang zugleich, indem er vom Handeln ein Stück Bewegung abtrennt, der es gestattet ist, als Bewegung in Erscheinung zu treten, wobei die Uniform des Heerführers außerhalb des militärischen Funktionsbereichs zum Zeichen des Besonderen wird und so performativ eine außerordentliche Anerkennung erheischt.

Der Kaiser, der sich das Recht auf Triumph reserviert, ist dagegen bereits die Instanz einer Macht, die primär auf der Szene der Bewegung agiert. Die politisch wirksame Bewegung-als-Performativ wird zum originären Modus, in dem diese Macht sich als Herrschaft realisiert – was Agamben mit seiner These von der Herrschaft durch/als Herrlichkeit meint. Er beschreibt ein kaiserliches Zeremoniell nach dem Traktat des Kaisers Konstantin VII. aus dem 10. Jahrhundert – eine bis ins kleinste Detail geregelte Ordnung von Akklamationen, die auf Bewegungen des Kaisers reagieren (selbst Handlungsvollzüge wie ‚der Kaiser kniet nieder und betet’ erfasst das Protokoll als Bewegung, wie die cues in einer Liturgie sich überhaupt nur auf Bewegungsabläufe, nicht auf Handlungsvollzüge beziehen können). Es ist also gerade die Ablösung der herrscherlichen Bewegungen von aktuellen Handlungen, die den Bereich des Zeremoniellen als Sphäre/Modus einer Inszenierung von Macht als Potenz schafft. Herrlichkeit gibt es dort, wo die Bewegung des Herrschers ein wirkliches Handeln nicht einmal mehr verlängert und supplementiert, sondern eigenständig die Szene des Öffentlichen besetzt. Sobald das etabliert ist, können in das Zeremoniell wiederum auch einzelne Handlungen eingefügt werden (Begnadigungen usw.), ohne dass dies das Primat einer die Potenz gebärdenden, von der Aktualität des Handelns unabhängigen Bewegungschoreographie antastet.

(–> Kleist verfolgt im Guiskard-Fragment diese Verschiebung von der Handlung zur Bewegung weiter, als sie gehen sollte: Die Aufmerksamkeit der Menge richtet sich auf die Aktualität des körperlichen Zustands hinter den Gesten des Heerführers – oder in diesen. Eine souveräne Macht, die wortwörtlich nichts ist außer Bewegungen, welche als solche politische Wirkungen haben, sieht sich auf die physiologische Aktualität des Herrscher-Körpers zurückgeworfen.)

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