Lob der Demokratie (2005)

„they know it at the time they know it“ (Gertrude Stein)

Wir wissen eigentlich genau, was Demokratie wäre. Und die demokratische Geste par excellence bestünde darin, dieses gemeinsame Vorverständnis auf eine gewisse, suggestive, ja manipulative Weise vorauszusetzen: davon auszugehen, dass jeder weiß, was ich gerade voraussetze, wenn ich das, was ich sagen will, sage. Es nicht zu erklären, nicht zur Sicherheit noch einmal zu erklären, mich seiner nicht zu versichern, sondern davon auszugehen, dass jeder, der es wissen kann und wissen will, es weiß.

Statt darüber zu streiten, was Demokratie ist, ob demokratisch oder undemokratisch, können wir davon ausgehen, dass jeder weiß, was Demokratie wäre. Das gibt unserer Rede, so streitbar sie auch sei, eine gewisse lakonische Prägung – ein lakonisches Verhältnis zum Unmöglichen, wenn wir so wollen: Was auch immer es sei, wir wissen, was es wäre. Eine demokratische Vernunft wäre wirksam in einem Denken und Reden, das sich nicht damit aufhält, Klarheiten zur weiteren Klärung zu wiederholen, sondern, davon ausgehend, dass jeder weiß, was jeder wissen kann, im Bereich dieses Bekannten operiert: des Demokratischen, der Klarheit des es wäre.

Das wäre ein Denken und Reden für jeden. Kein Allerweltsdenken, kein an eine Allgemeinheit adressiertes Denken, wahrscheinlich kein populäres Denken und sicherlich nicht der Ursprung einer zustimmungsfähigen Rede. Der Sender, das Medium und der Empfänger dieses Denkens (allesamt vordemokratische Begriffe, aber es versteht sich, was sie hier besagen wollen) wäre keine Gruppe. Eine Gruppe beginnt sich dadurch zu bilden, dass jemand an die gemeinsamen Voraussetzungen appelliert, dass er einiges von dem, was jeder weiß, als ein solches Wissen zu wiederholen versucht und die Wirksamkeit und Wirklichkeit des Zusammenseins an die Möglichkeit der Zustimmung zu den Präpositionen dieses Wissens bindet. Die Bildung der Gruppe beginnt damit, dass einige nicht wissen, was jeder weiß, dass sie es nicht wissen, obwohl sie es wissen, und einige sind innerhalb der Gruppe und einige außerhalb, wissend und nicht wissend, was sie wissen, und durch dieses Zittern zwischen Wissen und Nichtwissen zieht sich die Grenze der Gruppe und überträgt sie sich auf jede Unsicherheit.

Eine Gruppe ist der organisierte Irrtum, man könne sich auf das, was jeder weiß, noch einmal verständigen, und was ist eine Partei. In einer Partei hat der Irrtum, der die Gruppe ausmacht, sich in einer Art Wiederholungszwang stabilisiert. Insofern gibt es nur demokratische Parteien, und insofern gibt es keine denokratische Partei. Jeder weiß das im Grunde, ob er niemals einer Partei angehört hat wie die meisten oder doch. Jeder weiß, dass eine Partei eine demokratische Partei ist, und jeder weiß, dass keine Partei eine demokratische Partei ist, weil jeder weiß, was die Demokratie wäre. Davon ist selbst nach den letzten Wahlen auszugehen.

Jeder weiß, was die Demokratie wäre und dass man die Demokratie nicht wählen kann, nicht weil es keine Alternative gäbe, sondern weil man weiß, was sie wäre und diese Übereinstimmung des Wissens mit dem „wäre“ dem Wählen nicht zugänglich ist, und was sind also Wahlen. Das Wählen ist vielleicht ein demokratischer Akt oder vielleicht kein demokratischer Akt, es ist vielleicht ein wichtiger oder vielleicht ein sehr nebensächlicher demokratischer Akt, aber das eigentliche Verhältnis zum Demokratischen besteht darin, dass jeder weiß, was es wäre, Wähler und Nichtwähler, einfach jeder. Selbst nach den letzten Wahlen.

Dass es letzte Wahlen gab, ist natürlich irgendwie deprimierend. Dass es nächste Wahlen geben wird, weckt keineswegs Hoffnungen, es ist auch irgendwie deprimierend. Das Anstrengende am Wählen ist, dass man so tun muss, als wisse man nicht, was die Demokratie wäre, als sei es etwas Unbekanntes, das möglicherweise hinter Versprechungen hervorkommt, wenn man so tut, als glaube man daran, und das man für einen Augenblick damit verwechseln kann, eine Entscheidung zwischen Parteien zu treffen, die etwas versprechen. Nur für einen Augenblick, mehr wird nicht verlangt, aber das ist unheuer anstrengend, wirklich ungeheuer schwierig und anstrengend: auch nur für einen Augenblick so zu tun, als wisse man nicht, was das Demokratische wäre. Auch nur für den Augenblick einer einzigen Entscheidung, selbst wenn man sich einredet, dass es gar nichts zu entscheiden gibt. Das Verdummende am Wahlkampf, die Zumutung dieser Aufforderung, wählen zu gehen – und der ganze Wahlkampf ist ja nichts anderes als eine Aufforderung, wählen zu gehen, es sind verschiedene Parteien, die sagen, dass man sie wählen soll, aber im Grunde wollen sie alle nur, dass man wählt – die Zumutung dieser Aufforderung, sich demokratisch zu verhalten, besteht darin, dass sie suggerieren, demokratisches Verhalten bestünde darin, so zu tun, als wisse man nicht, was das Demokratische wäre, dass man die Gewissheit seines Wissens um das wäre gegen die Unsicherheit des Zögerns zwischen verschiedenen Parteien aufgibt, die alle nichts anderes wollen als dass man wählt. Als könnte man irgendwem zustimmen.

2.

Freiheit, der demokratische Begriff par excellence, der Begriff, in dem sich die Demokratie selbst als solche zu begreifen beginnt in dem Moment, da sie dabei ist, sich als Gesetz einer Gruppe zu institutionalisieren – Freiheit ist das Wort dafür, dass jeder weiß, was es wäre, und wie konnte das in Vergessenheit geraten. Dass die Demokratie die Institutionalisierung der Freiheit sei, ist eine herrschende Meinung spätestens seit das in Vergessenheit geraten ist, aber vielleicht schon früher. Aristoteles gibt in seiner Politik die herrschende Meinung über die Demokratie wieder, die diese Staatsform und nur diese Staatsform auf die Freiheit zurückführt, die davon ausgeht, dass die Freiheit die hypothesis der demokratischen Staatsform ist (Pol. IV, 1, 1317a). Aristoteles versucht das zu erklären, und er ist bemüht, es einzuschränken, aber letztlich kann er auch nichts anderes tun als zu wiederholen, was man erklärt: dass es bereits eine Mehrheit von Leuten gibt, die erklären, was, wie sie selbst erklären, jeder weiß, nämlich dass die Demokratie die Staatsform der Freiheit sei. Der Diskurs des Demokratischen wird, wie Derrida in einer Erklärung dessen wiederholt, was Aristoteles erklärt hat, nie etwas Besseres als ein Gerücht sein, dass die Demokratie die Staatsform der Freiheit sei und zwar die einzige Staatsform der Freiheit. Und, es sei wiederholt: Freiheit, der Gegenstand dieser Hypothese, Freiheit ist nichts anderes als der Hinweis darauf, dass jeder weiß, wie es wäre. Schlecht für dieses Wissen, dass es von Anfang an nichts Besseres war als ein Gerücht, und man sieht sofort, warum es das Demokratische nur in der Demokratie gibt und warum es keine demokratische Demokratie gibt, die diesen Namen verdient. Ich habe nicht einmal Gerüchte davon gehört, dass es irgendwo eine demokratische Demokratie gibt, aber ich empfinde es ohnehin als einen sehr unangenehmen Zustand, von Gerüchten abhängig zu sein, nicht weil sie unzuverlässig wären, sondern weil man sie nicht hört. Wie viele Worte von Gerüchten sind an meine Ohren nicht gekommen.

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