Gibt es eine politische Rhetorik?

Agoren

Was heißt es, unter Gleichen zu sprechen?

Die antike Situation: ein präzises Bewusstsein davon, wie man sich als Redner unter Gleichen auszeichnen kann. Eine präzise Bestimmung des politischen Ruhmes als Unsterblichkeit zu Lebzeiten. Die Rolle als Hausherr, der über seinen Besitz Herrschaft ausübt, kompromittiert die des Redners unter Gleichen nicht, da beide Bereiche klar getrennt sind.

Nach dem Verschwinden der politischen Rede im Mittelalter eine moderne Situation: der von Elias so genannte „Verhöfischungsprozess“, der Adelige, die es gewohnt sind, auf ihrem Gut als Alleinherrscher zu agieren, auf Gleichrangige treffen lässt. Hier gibt es keine Grenze mehr – die Abgrenzung muss erst neu geschaffen werden, und sie wird als eine sprachliche Grenze, als eine Selbstbegrenzung des Sprechens (und von dorther als Disziplinierung des gesamten Verhaltens) etabliert. Statt den Streit auf das Überreden und Überzeugen zu begrenzen, vermeidet man alles, was zu Streit führen könnte, entleert die Sprache von allen direkten politischen Inhalten. Man spricht nicht mehr über Politik – und Herrschaft integriert dieses Nicht-Sprechen dort, wo sich im Kern der souveränen Macht ein sozialer Umgang entfaltet.

Politik selbst reformuliert sich in diesem neuen souverän-sozialen, d.h. diplomatischen Diskurs (das Diplomatische ist das Souveräne, das soziale Rücksichten nimmt – und von Anfang an im Begriff, das Soziale zu werden, das sich souverän gibt: Sie wird nur mehr durch Anspielungen, indirekte Bezugnahme gemacht (oder in einer geheimen Privatsphäre, die mitten in der Öffentlichkeit des Hofes eigens geschaffen wird). Die politische Sprache zerfällt in eine gereinigte, entleerte öffentliche Sprache und eine Geheimsprache – und das diplomatische Sprechen stellt gewissermaßen die Einheit der Differenz dieser beiden Dimensionen des Sprechens dar: Sie ist zugleich offiziell und geheim, verbirgt sich in sich selbst, indem sie besondere Codes verwendet, die nur Eingeweihte verstehen.

Parallel wäre zu untersuchen, wie Händler miteinander reden, wie eine Sprache des Kommerzes entsteht. Diplomatie ist die Kunst des Verhandelns – ihrer Herkunft nach ist sie eine aristokratische Kunst, das Produkt einer Sozialisierung der Aristokratie. Doch spätestens ab dem 19. Jahrhundert geraten die Verhandlungen der politischen Diplomaten und die Geschäftsverhandlungen der Unternehmer in eine Verbindung, die bis heute nicht aufgebrochen scheint. Tatsächlich erleben wir im 20. und 21. Jahrhundert eher die Redeterminierung des politischen Diskurses durch den wirtschaftlichen: Der Staat geht immer häufiger nicht mehr den Weg der Gesetzgebung, sondern handelt einzelne Probleme mit zivilen Instanzen aus. Diese Geschäftsbeziehungen zwischen politischen und wirtschaftlichen Akteuren können sich besonders dort entfalten, wo in der Entstehungsphase neuer politischer Ordnungen die alten nationalstaatlichen Kompetenzen suspendiert oder zumindest vorübergehend unklar werden, z.B. in der EU-Politik.

Wie steht es aber genau um die Sprache(n) des Verhandelns, wenn es um das Aushandeln von Deals, um den Geschäftsabschluss geht? Neben der starken juridischen Dimension kommt es dabei vor allem auf die Frage an, welche Relevanz die sprachliche Formulierung (die Tatsache, dass man etwas sagt, es zur Sprache bringt) für jene Dynamik hat, die ein Wort wie „Aushandeln“ als eine Art wechselseitiger Exteriorialisierung beschreibt, als ein Übereinkommen dadurch, dass beide Parteien den durch ihre Bereitschaft zum Verhandeln umrissenen gemeinsamen Bereich zum Ort einer Differenzierung machen, vermittels derer jeder um die Beziehung zum anderen vermehrt zu sich selbst zurückkehrt. Kommt der sprachlichen Präzisierung dafür eine Bedeutung zu? Handelt es sich um eine rhetorische Präzisierung? Oder ist das Sprechen nur ein soziales Geräusch, das der Aufrechterhaltung des Kontaktes dient, eine Art Stimmfühlung, während der die Entscheidungen auf beiden Seiten nach anderen als sprachlichen Kriterien getroffen werden? Was heißt es, gut zu verhandeln?

Es geht damit also um das Verhältnis von Sprache und Entscheidung in einer Situation, in der Souveränität aus sich heraustritt, um dort ihresgleichen zu begegnen…

2.

Man könnte, mit Roland Barthes, Folgendes einwenden: Genau genommen kann es keinen Diskurs der Politik geben – insofern nämlich der Diskurs „das ist, was niemals abreißt […], was immer wieder einsetzt, immer auf neue entsteht“ (Wie zusammen leben?, S. 223) Die Macht des Diskurses lässt jede Rede mit einem „Wie ich schon sagte…“ anfangen. Der Redner beginnt, spricht und verstummt (vorübergehend) in einer Zeit, die ganz die Zeit des Lebens ist: ein zähes Kontinuum, in dem man immerfort dasselbe sagt und dasselbe tut, das den Tod als Grenze braucht, damit überhaupt jemals etwas anderes gesagt werde.

Die politische Rede dagegen steht vor der Aufgabe, in dem Moment, da ein Redner das Wort ergreift, mit dieser Zeit oder diesem Zustand von Zeit zu brechen. Ihre eigentümliche Vergangenheitslosigkeit (die zumeist nur als Inkonsequenz oder mangelnde Standhaftigkeit des Politikers bemerkt wird, der nach den Wahlen etwas anderes sagt als davor, in der Opposition etwas anderes als in der Regierung, in der Mitte-Links-Koalition etwas anderes als im Mitte-Rechts-Verbund) scheint bei aller offenkundigen Problematik doch etwas zu sein, das der politischen Rede wesentlich ist. Um ein Sprechen zu initiieren, das sich zu einer Entscheidung eignet (einer Entscheidung zueignet), das eine Veränderung zu tragen vermag, muss die politische Rede über jenes mitteilsame „Wie ich schon sagte…“ mit einer gewissen Überheblichkeit hinwegsetzen, muss sie sich von dem abtrennen, was aus ihren Worten eines Diskurs machen würde, der auf die Konsistenz eines Lebens verweist: auf die gegenwartlose Wiederholung des Leben-Sprechens, die das Entscheidende immer schon gesagt zu haben meint und damit weiter hinausschiebt, bis irgendwann das Ableben sie von der peinlichen Wahrheit des endgültig Unentschiedenen erlöst.

Politische Integrität ist nicht die Konsistenz eines Diskurses zu den Bedingungen des Lebens, den der Politiker nur führen kann wie andere auch. Politische Integrität bedeutet, mit dem, was man sagt, die Wahrheit einer anderen Wiederholung in Umlauf zu bringen: einem anderen Weitermachen stattzugeben als dem zwanghaften Anschließen an etwas, was man nie wirklich gesagt und nie wirklich getan hat.

3.

Reason would not be itself if it didn’t grant the power to speak in the assembly as in any other place. Reason is the power to learn all languages. It will thus learn the language of the assembly and the tribunal. It will learn to rave. (Jacques Rancière, Le maître ignorant, S. 93f.)

Only the names must be changed. (Joseph Jacotot, zit. nach ebd., S. 94.)

But we also know that the bombast of sentences and stylish ornament are not the quintessence of oratorial art. Their function is not to persuade minds but to distract them. (Ebd.)

„Bekanntlich gibt es heute keine Kunst der Überredung mehr (es sei denn eine schändliche)“, schreibt Barthes in den 70er Jahren (Die Spaltung der Sprachen, in: Das Rauschen der Sprache, S. 109-123, hier S. 120). Er macht die Partikularisierung der Sprache, ihre Aufspaltung in Soziolekte für das Verschwinden einer politischen Rhetorik verantwortlich. Statt eines Versuchs, den anderen zu überreden, der eine gemeinsame Sprache unterstellt, bringen jene kommunikativen Operationen, die über die Grenze von Soziolekten hinweg ausgeführt werden, die Disposition des einen Systems gegen das andere zur Wirkung: Der Philosoph will den Juristen (der „rational“ argumentierende Politiker ist prinzipiell Jurist) nicht überzeugen, sondern es geht ihm darum, die „akratische“, d.h. nicht mit der Macht paktierende, subversive Disposition des eigenen Diskurses auf einer Szene darzustellen, auf der er als politischer Rhetor, als Überzeugender, scheitert. Der Diskurs, der die Macht angreift, macht aus dem Scheitern des Überzeugens ein Zeichen seiner Integrität. Er macht vor allem (und durch alles, was er zu sagen versucht, hindurch) deutlich, dass es ihm unmöglich ist, die Vertreter der Macht zu überzeugen. Und er teilt dadurch mit, dass jene Vertreter der Macht nicht mehr imstande sind, sich überzeugen zu lassen – dass ihre Position als Funktionäre, die durch die Verwaltung der Macht gebunden sind, ihnen das nimmt, was die Größe des Gleichen ausmacht: die Fähigkeit, dem Wort des anderen zuzustimmen.

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