Unbestimmtheit und Ungleichheit (Rousseau, Schiller, Rütli-Kiez)

1.

Rousseau hat nicht nur die Abschaffung der Sklaverei kritisiert, weil die Ausdehnung der Notwendigkeit zu arbeiten in seinen Augen das Ende der politischen Freiheit brachte. Er diagnostizierte auch, nichts stehe der Verwirklichung von Gleichheit nachhaltiger im Weg als eine liberale Sozio-Ökonomie, die Talent, Fähigkeit und Arbeitsleistung zum maßgeblichen Faktor für den gesellschaftlichen Status erklärt.

Die sozio-ökonomische Liberalisierung der feudalen Ordnung war die falsche Liberalisierung. Anstatt die positive und durchaus bestimmte aristokratische Freiheit des Nichtarbeitens zu verteilen (wenigstens zu überlegen, wie man das anstellen könnte), definierte sie Freiheit als Unbestimmtheit, die es ermöglicht, etwas zu werden – womit zugleich das Werden, die Realität der Veränderung, des Wechsels, in die sekundäre Zielbestimmtheit eines Etwas-Werden-Müssens geriet. Die Lebenspflicht, etwas aus sich zu machen, drängte sich dem Subjekt im Verein mit der Einsicht auf, nichts zu sein, d.h. Mensch zu sein.

Schiller skizzierte in seinen Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschengeschlechts, wie die von Baumgarten und Kant ins Leben gerufene Ästhetik zu diesem Projekt einer Erneuerung von Gesellschaft, Ökonomie und Politik aus dem Geiste der Unbestimmtheit beitragen konnte. Die ästhetische Betrachtung, bei der das Subjekt keine materiellen Interessen am betrachteten Gegenstand verfolgt, sondern in dessen Anschauung das Zusammenspiel der eigenen Vermögen genießt, wird ihm zur Matrix einer Regeneration des Menschengeschlechts nach Maßgabe jener spielerischen Freiheit, die hat, wer nichts ist außer Mensch. Jacques Rancière hat zu Recht bemerkt, dass in diesem ‚nichts … außer Mensch’ eine Idee von Gleichheit eingepflanzt ist: Zur ästhetischen Erfahrung bedarf es weder spezifischer Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten über die subjektive Sensibilität hinaus, noch hängt sie vom sozialen oder ökonomischen Status des Rezipienten ab. Dieser „Irgendjemand“, der das Subjekt der ästhetischen Erfahrung ist, beginnt im Schiller’schen Programm zu produzieren – und er beginnt, das Rezeptive und das Produktive in seinen Tätigkeiten verknüpfend, ästhetisch zu leben. Das Mehr des Ästhetischen gegenüber den ‚vulgären’ Formen des Produzierens und Lebens ist ein Mehr an Freiheit; und diese Freiheit unterhält ihre Beziehung zur Gleichheit eben dadurch, dass ein jedes Subjekt hier mit allem, was es empfängt, tut, lebt, aus dem Unbestimmten kommt:

„Im ästhetischen Zustande ist der Mensch also Null, insofern man auf ein einzelnes Resultat, nicht auf das ganze Vermögen achtet, und den Mangel jeder besonderen Determination in Betracht zieht. […] Durch die ästhetische Kultur bleibt also der persönliche Werth eines Menschen, oder seine Würde, insofern diese nur von ihm selbst abhängen kann, noch völlig unbestimmt, und es ist weiter nichts erreicht, als daß es ihm nunmehr, von Natur wegen, möglich gemacht ist, aus sich selbst zu machen, was er will – daß ihm die Freyheit, zu seyn, was er seyn soll, vollkommen zurückgegeben ist.“ (21. Brief)

Etwas aus mir machen kann ich dann am besten, wenn nichts da ist – wenn das, was ich bereits bin, prinzipiell suspendiert wurde und ich quasi auf jedes Besondere meines Daseins als Individuum aus diesem Null-Zustand zurückkommen kann. Entscheidend dafür ist, dass der Null-Zustand tatsächlich die Quasi-Objektivität einer ästhetischen Kultur bekommt: einer Sphäre des Lebens und Zusammenlebens, in der die Figur der Rückkehr aus dem Unbestimmten teilbar und mitteilbar, um nicht zu sagen: verwaltbar wird.

(Novalis hatte ein ähnliches Ziel, nämlich die spielerisch-reflexive Dynamik des Ästhetischen für ökonomische und politische Zwecke zu nutzen; doch er verfolgte eine alternative Strategie: Das Subjekt beginnt sein Leben-Produzieren mit Vielem, mit der Welt in ihrer Fülle und Mannigfaltigkeit – und durch seine Bildung lernt es, immer Mehr mit immer Weniger zu machen, bis es schließlich Alles aus Einem zu machen versteht.)

2.

Es hat eine gewisse ironische Folgerichtigkeit, dass die Elemente, die in seiner sozio-ökonomisch liberalisierten Gesellschaft am meisten stören, die vorzeitig Bestimmten sind. Das Stigma, das trägt, wer eine Hauptschule in einem „Problemkiez“ besucht, hängt nur mittelbar mit dem niedrigeren Unterrichtsniveau und infolgedessen tatsächlich schlechteren Fremdsprachen- oder Mathekenntnissen zusammen (das würde voraussetzen, dass die Betreffenden zumindest Gelegenheiten erhalten, dieses Unzulängliche zu beweisen). Konkreten und realen Tests vorgeschaltet, geht es bei dem „Problem“ um den Nachteil, durch eine Herkunft, einen Ort, eine Institution, eine Soziosphäre bestimmt zu sein. Das Bestimmtsein selbst ist das Problematische.

Der Funktionale im sozio-ökonomischen Liberalismus ist jemand, den seine Umgebung zu jener Unbestimmtheit erziehen konnte, die Schiller als zivilisatorisches Elementarniveau beschreibt: ein Mensch, der ökonomisches Potenzial hat, weil er sozial vor allem Potenzial ist. Das Paradox der liberalen Erziehung besteht darin, dass sie durch sehr spezifische Einflüsse zu einer großen, gehaltvollen, die Welt als Summe möglicher Hinwendungen, Einlassungen und Vertiefungen erschließenden Unbestimmtheit heranbilden will – dass sie dies durch alle Anpassungen an eine aktuelle Nachfragesituation am Arbeitsmarkt hindurch tun muss, denn nur so kann Pädagogik die Fiktion unterstützen, Menschen seien abhängig von Talent, Fähigkeit und Leistung imstande, den Platz, den sie suchen, zu finden.

In dem Maße, in dem es in einer bürgerlichen Gesellschaft keine positiv-bestimmte, wirkliche Gleichheit gibt, hängt ihr Selbstverständnis als eine prinzipiell egalitäre Ordnung davon ab, zwischen Menschen Vergleichbarkeit im Unbestimmten herzustellen. Um solcher Vergleichbarkeit willen bekommen daher gerade die erzieherischen Institutionen, deren Zweck man sich populär gern als Anfüllen mehr oder weniger ‚leerer’ Köpfe mit Wissen vorstellt, die Aufgabe, dieses Unbestimmte herzustellen. Und es ist keineswegs widersinnig, wenn gerade diejenigen Schulen das größte Prestige genießen, die das zivilisierte Elementarniveau – diese hohe Null, die den jungen Absolventen als Träger eines high potential ausweist – am perfektesten einzurichten versprechen. Es ist bloß sozio-ökonomisch konsequent, wenn ausgerechnet der neoliberale Kapitalismus, die barbarischste aller Lebensformen, die Eltern und Lehrer, die seinen Vorgaben entsprechen, hin zu ‚klassischer’ bürgerlicher Bildung treibt: Latein, Griechisch, schöne Künste, christliche Religion… Der Humboldt’sche Bildungsbegriff – als Gegenmodell zu Arbeitsteilung und einseitiger Spezialisierung gedacht – erfährt im postindustriellen Zeitalter eine Renaissance als Garant der Allseitigkeit, die das postfordistische Weiterwenden von Arbeitsteilung in die flexibel ein- und ausfaltbare Architektur von work performance verlangt.

Wo die Stigmatisierten und die zum Potenzial herangezogenen Kinder und Jugendlichen aufeinander treffen (was die Erziehungsberechtigten tunlichst zu verhindern suchen), wird schnell klar, inwiefern die ersteren auf der Ebene eines direkten Kampfes die überlegenen sind. Wäre der Kapitalismus des 21. Jahrhunderts tatsächlich ein Überlebenskampf, eine ins Kulturelle kopierte Evolution, die Mitglieder von Gangs, die in den „sozialen Brennpunkten“ unserer Städte ihre lernwilligeren Mitschüler verprügeln und abzocken, wären weitaus besser angepasst als fleißige, neugierige, der Welt gegenüber aufgeschlossene Gymnasiasten. Wenn sie über kurz oder lang doch auf der Verliererseite landen, dann weil dieser Kapitalismus ein sozialer Kapitalismus ist und dessen Wettbewerb eben kein Wettkampf: Die Gewalt des Weggedrängtwerdens ereilt die Individuen im Zuge eines Sich-Bewerbens-um, d.h. in einer Situation, wo sie als Konkurrierende sich den Kriterien eines bewertenden Dritten unterwerfen. Was der eine von ihnen dem anderen im Kampf anzutun vermag, ist für Erfolg in diesem Wettbewerb(en) von geringem Belang (Konkurrenten kämpferisch auszuschalten eher eine fromme Legende). Der für den Kampf bestens Gehärtete zieht beim Konkurrieren den Kürzeren, da eben seine Härte, die zu frühe und zu schnelle Anpassung seines Verhaltens und Charakters an spezifische Herausforderungen des Lebens nun als Mangel an Flexibilität herauskommt.

Der Sieger der Schulhofschlägereien ist nicht „asozial“, wie ein naiv-bürgerlicher Sprachgebrauch heute (wieder) behauptet. Er ist zu sozial, zu sehr durch die besonderen Umstände seiner Lebensumgebung geprägt, um zum ökonomischen Kompetenzträger heranzureifen. Nachdem er all seine Kraft und Intelligenz darauf verwendet hat, auf den sozialen Szenen seines Aufwachsens zu demonstrieren, dass er der Überlegene ist, wird ihm gerade diese Fokussierung zum Verhängnis. Überlegenheit zählt außerhalb der engen Kreise von Peer-Groups solange nicht für das sozio-ökonomische Prestige, wie der Agierende nicht durch den Vergleich im Unbestimmten hindurchgegangen ist und sich darin bewährt hat. Ich und der andere, den ich auf den Platz des weniger Exzellenten verweise – wir müssen beide der Gesellschaft in einem Moment bekannt sein, da wir nichts als Talent zu sein schienen. Ohne das wird man es mir lediglich als mangelnde Integration in eine imaginäre Gemeinschaft ankreiden, wenn Konkurrenten, die mir den Weg kreuzen, am Boden liegen.

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