Rating

Die aktuelle Parole, man müsse die „Macht der Rating-Agenturen begrenzen“, ruft zum Kampf gegen diejenigen auf, die sich erlauben, von der Macht des Ratings Gebrauch zu machen. Wie diese Macht sich bilden konnte – und wie es um sie eigentlich beschaffen ist –, scheint dagegen wenig zu interessieren. Man wäre auch erstaunt, wo man sie überall noch findet: wo Bewertung nicht Getanes oder Geschehendes zum Gegenstand nimmt, sondern Potenziale, Möglichkeiten, Eventualitäten, und wo gerade das Unwägbare, die zu vorliegenden Daten hinzutretende und diesen erst eigentlich einen Sinn gebende willkürliche Einschätzung die Instanz von Herrschaft ausmacht. Die Macht der Rating-Agenturen ist doppelt unangreifbar: Erstens, weil sie etwas beurteilen, das sich nicht objektivieren lässt, so breit die empirische Basis auch sein mag, auf der die Schlussfolgerungen zu beruhen behaupten. Man kann anders rechnen als Agentur A oder B, aber nicht richtiger urteilen – denn das Urteil betrifft nicht das Ergebnis der Rechnungen, sondern dessen Aussagewert für eine allen gleichermaßen unbekannte Zukunft. Zweitens, weil ihre Kompetenz sich nicht durch die Grundlagen ihrer Bewertungen bestimmt, sondern durch das, was die Bewertungen bewirken. Die Reaktionen an den Finanz- und Aktienmärkten geben ihnen Recht.

All das ist keine perverse Ausnahmeerscheinung. Es handelt sich um einen nur etwas unangenehm deutlichen Einblick in die Realität des Wertes in einer performance economy – einen Einblick in die Performativität von Bewertung. Die Macht einer Beurteilung, die wirkt unabhängig von ihrer Nachprüfbarkeit, ja deren Nachprüfung vom Wesen dessen, was man zu messen begehrt, selbst suspendiert wird, verschwände nicht mit der Zerschlagung von Agenturen (gesetzt, es bestünde Aussicht, dass es dazu kommt). Wer etwas gegen diese Macht unternehmen will, muss den Glauben an die Kompetenz zerstören, die Rating-Agenturen nicht anders als andere für sich reklamieren. Das aber ginge vielleicht nicht ohne die Zerstörung jenes Glaubens ab, der den Kredit trägt. Es wäre nichts zu retten.

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