Up/Down Kunst/Leben

Die Auseinandersetzung zwischen den Up-/Downloadern und den Entertainment-Konzernen befindet sich offenbar gerade in Episode II (The Empire Strikes Back, nach der alten Zählung). Ob die Guten am Ende siegen werden, wissen wir gerade nicht – und eine Kolumne wie „Collateral Damage“ im Musikmagazin The Wire scheint darauf hinzudeuten, dass auch Zweifel auftauchen, vor wem man mehr Angst haben sollte.

Während des Wartens bleibt zumindest Zeit, um zu überlegen, was denn wäre, wenn die Industrie mit ihrem Argument gegen das freie nichtkommerzielle Teilen ihrer Produkte Recht hätte: Das Abnehmen der Profite könnte in nicht allzu ferner Zukunft dazu führen, dass nicht nur die aufgeblasenen Apparate der großen Unternehmen in sich zusammenfallen, sondern tatsächlich von Major bis Indie auf keinem Level mehr genug Geld da ist, um Künstlern ein Leben vom Verkauf ihrer Arbeit zu finanzieren.
Ein bestimmter Typ von Berufskünstlertum, das wir seit ca. 200 Jahren haben, käme damit ans Ende. Was ‚Künstler sein’ heißt, müssten viele Kunstmachende neu herausfinden.

Das hieße auf jeden Fall auch, dass etwas verloren geht: Die ‚großen’ Werke, die möglich waren, weil zumindest eine gewisse Zahl von Privilegierten nichts anderes zu machen brauchte als Kunst und sich mit ganzer Zeit und Kraft dem Schaffen widmen konnte, wird es so dann vielleicht nicht mehr geben. Das kann man bedauern. Mir persönlich fällt der Abschied vergleichsweise leicht, aber wer weiß – wie alle habe ich derzeit nur eine vage Ahnung, wie ein Leben ohne die von Gertrude Stein besungenen Meisterwerke sich anfühlt.

„Deshalb ist letztlich sogar in der Religion eins nicht eins.
Aber im Geist des Menschen und in Meisterwerken o ja o ja.“
(Gertrude Stein, Annäherung an Meisterwerke)

Wichtiger als Nostalgie finde ich die Frage nach Kriterien der Größe – wenn wir dieses Wort vorerst weiter verwenden wollen – für die angebrochene Epoche, in der man von der Kunst zumeist nicht mehr leben kann und daher die Kunst auf eine Weise in sein Leben integrieren muss, die beides gestattet: Kunst, Leben.

Wenn Berühmtheit nicht mehr automatisch materiellen Reichtum bedeutet, wird der Ruhm (glory) vielleicht wieder attraktiver.

In der Performancekunst ist das, was den Musik- und Filmproduzenten als Zukunft droht, schon länger Gegenwart: Wenige verdienen durch Auftreten genug, um ihre Existenz zu bestreiten (falls die Performances überhaupt in Aufführungsformaten stattfinden). Anders als die bildenden Künstler haben die Performer auch keine Objekte zu verkaufen, und der künstlerisch motivierte Widerstand dagegen, sich selbst zur Marke zu machen, erschwert Vielen das Unternehmerische zusätzlich.

In dieser Szene findet man verschiedene Lösungsansätze, die auch für Rockbands, Orchester und Dirigenten, Regisseure und Schauspieler in Frage kommen – bzw. es abseits vom bisweilen noch kommerziell Erfolgreichen bereits tun: Performer arbeiten zugleich als Kuratoren für Festivals, nehmen Lehraufträge (oder im besseren Fall Gastprofessuren) an Hochschulen wahr, sofern sie nicht ohnedies sowohl Künstler als auch Wissenschaftler sind; sie lassen sich von Kommunalverwaltungen oder NGOs für soziale Projekte engagieren; sie gründen Support-Netzwerke, die ihnen als Freelancer gewisse Absicherungen bringen, betrachten das Sichbewerben um Fördergelder als Teil ihrer Arbeit und ziehen da hin, wo das Leben billig ist (und wieder weg, wenn die Mieten dort steigen).

Diese Situation ist für die Betreffenden nicht unbedingt angenehm, und es besteht kein Anlass, sie als Modell des Kreativlebens zu idealisieren. Sie stellt einfach bloß für den Großteil derjenigen, die im Bereich Performance arbeiten, die Realität dar. An dieser Wirklichkeit einer post-industriellen künstlerischen Professionalität lässt sich einiges ablesen hinsichtlich der Richtungen, in denen ein geändertes ökonomisches Milieu auch die entstehende Kunst – ihr Produzieren, ihre Rezeption, die Kriterien ihrer Bewertung – verändert.

Wenn Xavier Le Roy mit einem Stück tourt, von dem er erklärt, es sei in seiner Freizeit entstanden – und das zusätzliche Einkommen daraus setze seinen Durchschnittsverdienst pro Stunde herauf, da das Aufgewendete nicht in die Kategorie Arbeit falle –, deutet das nicht nur auf eine Wiederentdeckung des Dilettantismus, der ursprünglich ein luxuriöses Vergnügen für Begüterte war, im Kontext aktueller Arbeitsverhältnisse. Es fordert auch dazu auf, das eigene Urteil auf die Angemessenheit seiner Kriterien an solch ein professionell-dilettantisches Produkt zu prüfen: Eine Performance von „Product of Other Circumstances“ bewerte ich anders als eine Aufführung von William Forsythes Truppe. Und zugleich anders als den Nô-Tanz, den eine japanische Bekannte seit vielen Jahren als Hobby erlernt. Was ist die Größe dieses doppelt Anderen?

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