Entscheiden, Wählen, Kuratieren

Ist das Politische in den sog. parlamentarischen Demokratien dadurch verarmt, dass die Wahl die Entscheidung ersetzt hat?

Heißt Entscheiden, die Unterscheidung, die zwei oder mehrere Wege voneinander trennt, selber zu treffen – sie aus dem Vorzug, den ich einem dieser Wege gebe, heraus zu treffen –, fragt das Verfahren der Wahl nur nach meinem Kreuz neben einer der vorgefassten Alternativen (oder meinem Griff nach einem der Kästchen). Wählen verlangt die Akzeptanz einer Institutionalisierung nicht allein des Verfahrens, sondern auch das Wählbare hat sich immer schon institutionell objektiviert. Im Zeichen dieses Objektiven gehen das Ökonomische und das Politische ineinander ein: Die Wahl zwischen einer Anzahl von Kandidaten für das Amt eines Regierungschefs, Ministerpräsidenten oder Bürgermeisters hat mehr Ähnlichkeit als Differenzen zur Einstellung eines Mitarbeiters im Unternehmen, zur Besetzung einer Professur, zur Auswahl von Stipendiaten usw. Ernsthaft in Betracht kommen kann jemand für all das ohnehin nur, sofern seine sozio-ökonomische Objektivierung geschafft ist, d.h. sofern es sich als „Institution in einem Einzelfall“ präsentiert.

„Institution in einem Einzelfall“ – so definierte Gehlen einen Menschen, allerdings mit einer Gesellschaft im Blick, die diese Institutionalisierung noch für ihre Mitglieder erledigte, während die liberalen Gesellschaften des 21. Jahrhunderts mit ihren postfordistischen Arbeitsstrukturen sie als Aufgabe dem Individuum übertragen.

Unterhalb dieser Schwelle des Wählens, Ernennens und Berufens ist da ein Netzwerk persönlicher Beziehungen, in das ich eingelassen bin seit der Zeit meines Zur-Welt-Kommens und das sich verändert, verzieht um mich, in mir, durch mich. In meinem Verhalten überlagern sich verschiedene Motivationen, Kräfte und Schwächen. Zufälle spielen eine erhebliche Rolle. Gelegenheiten und deren Eigendynamik. Es fehlt weder eine ökonomische Dimension noch eine politische – aber das eine wie das andere bleibt diesseits jener Verrechnung des anderen mit sich selbst, die aus ihm einen Wählbaren macht. Mein Verhalten artikuliert sich in verbindenden und trennenden Wendungen; aber das eine wie das andere erkennt an, dass der andere und ich in einer Welt leben, dass es diesbezüglich, bezüglich des Lebens, keine Wahl gibt, weder für ihn (sie) noch für mich.

Wenn ich mich entscheide, etwas mit jemandem zu machen, wählt ihn das nicht aus. Wenn ich mich entscheide, etwas nicht mit jemandem zu machen, wählt ihn das nicht ab. Was an dieser Entscheidung für ein Zusammenhandeln Wahl ist, bleibt persönlich – d.h., es gibt dem Augenblick der Gelegenheit, die wir damit wahrnehmen, mein Gesicht.

Die sozio-ökonomische Prozedur des Kuratierens, wie sie derzeit den Kunstbetrieb beherrscht, bringt uns dazu, diese beiden Versionen des Wählens aufeinander zu projizieren: Ich muss den anderen im selben Moment als den Freund oder Bekannten sehen, mit dem mich eine Kette biographischer Zufälle, ähnlicher Interessen, menschlicher Sympathien verbindet, und als Institution in einem Fall, als Selbstanbieter und Kompetenzträger innerhalb eines Feldes von Alternativen, aus denen es welche herauszusuchen gilt, weil die Veranstaltung XY eine passende Auswahl und Anordnung braucht.

‚Der Kurator’ kann deshalb als Prototyp des zeitgenössischen Entscheiders erscheinen, weil in seiner Tätigkeit sämtliche Verschiebungen, die sich zwischen Entscheidung und Wahl zugetragen haben, zur Wirkungen kommen: Er erbt das souverän Setzende der herrscherlichen Anordnung („Es sei eine Veranstaltung XY – und sie habe n Teilnehmer, die folgende Konstellation ergeben sollen…“). Er erbt vom Verwaltungsstaat die Beschränkung der Wahl auf vorhandene Alternativen. Er erbt die manageriale Übersetzung der Entscheidung in eine Problem-Lösung und die diplomatische Rationalität des sozialen Kapitalismus: die Identifikation der Sphäre wählbarer Personen-Institutionen mit dem Netzwerk persönlicher Beziehungen, die es erforderlich macht, Vorlieben und Aversionen als begründete Selektionsschritte gemäß kommunizierbarer Kriterien zu reformulieren und als Mehrwert an Persönlichkeit dem Ereignis ‚Veranstaltung’ zurechnungsfähig zu machen (der Ausstellung „seine Handschrift zu geben“).

Gegenwärtig scheinen viele Kunstmärkte von einer Handvoll prominenter Kuratoren dominiert. Was aber im Schatten dieses Oligopols geschieht, ist eine verbreitetes Kurator-Werden, und letztlich dürfte der socio-economic turn der Künste darauf abzielen, dass der Kunst Machende das Kuratorische in sein professionelles Profil integriert. Denn diese Weise, Menschen zu wählen, wird sich am ehesten dadurch totalisieren können, dass jeder, der gewählt werden will, auch potenziell Wählender sei und die Kriterien des Wählens ebenso für sein Verhalten in der Rolle des zu Wählenden beherzige.

Was ist ein Türsteher gegen einen Kurator?

Wer Widerstand gegen diese Totalisierung leisten will (und es wird viele gute Gründe geben, keinen zu leisten), der findet hier einen Punkt: Mich anders entscheiden, etwas zu machen, als ich zum aussichtsreichen Kandidaten bei einem Auswahlverfahren werde. Der Auswahl nicht entgegenkommen. Denjenigen, die eine Wahl treffen müssen, weil freie Stellen im Bereich, den sie verwalten, dazu nötigen (sonst gestrichen werden), nur die Wahl lassen, sich für mich zu entscheiden – mich zu nehmen, weil sie mich vorziehen aus ihrer eigenen, ihr Gesicht zeigenden Neigung, oder mich von Anfang an zu übersehen.

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