Verteiltes Schreiben

Wer das Internet nach literarischem Schreiben durchsucht mit der Erwartung des Neuen, wird enttäuscht. Was er findet, ist Altes, für das die alten Kriterien nicht mehr gelten, am wenigsten die zur Identifizierung des Neuen (die der Moderne).

Anstatt einen innovativen Typ von Erzählung zu erfinden („der Roman der Social Network-Ära“), machen viele Leute sich daran, ein weiteres Exemplar des populärsten und ordinärsten Genres aus der Epoche der Massenpublikation von Büchern zu verfassen: des Fantasy-Romans.

Dabei kommt kaum eins der Schreibprojekte, die mir untergekommen sind, über das hinaus, was ein überlieferter Begriff die Exposition nennt. Die Autoren verwenden Hunderte, bisweilen Tausende von Sätzen darauf, Planeten, Landstriche, Völker und Reiche zu beschreiben. Sie nennen Figuren beim Namen und verfolgen deren Biographien und Genealogien durch zwanghaft ununterbrochene Geschlechterfolge zurück bis in die mythische Vorzeit, in der Ursprünge sich zu verlieren pflegen. Sie tun, mit anderen Worten, das, was Tolkien in Der Herr der Ringe auch tut, nur ohne über dessen handwerkliches Rüstzeug zu verfügen, das ihm aus der bleiernen Ausführlichkeit der Abschilderungen heraus die groben Züge eines Abenteuers zu meißeln und als Diegese mehr oder weniger durchzuführen erlaubt. Die Varianten der Fantasy-Amateure bleiben im Anfang und im Bezirk dessen, was sich in einen Anfang an bekannten Versatzstücken von Handlung eintragen lässt (der Kampf mit einem Drachen oder sowas).

Was wäre nun die passende Frage an solche literarischen Aktivitäten? Ob das Genießen, das sich dort im Schreiben eingerichtet hat, nicht genau diesen Akt des Anfangens und im Anfang Verbleibens betrifft. Eine literaturwissenschaftliche Analytik dieses Schreibens bräuchte ein Vokabular für das Anfangen von großen Romanen – nicht für den Anfang, sondern für das Anfangen, denn es es müsste tatsächlich eine Analytik nicht zunächst von Texten, sondern des Schreibens von Texten sein.

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