Lektürenotiz zu Naoki Urasawas „Pluto“

Die Geräte, die zuletzt unser Leben verändert haben, hatten diese Wirkung dank einer Kombination von Technologie und Gebrauch. Das Handy bspw. war für sich genommen nur eine Weiterentwicklung des Telefons, SMS eine technologisch sehr primitive Zusatzoption. Erst dadurch, dass Millionen Menschen sich diese Option zunutze machten, auf der Basis der auferlegten Vereinfachungen einen eigenen Diskurs generierten, entstand eine neue Kultur des Kommunizierens mit dem Prinzip, sehr häufig sehr kurze Nachrichten zu verschicken, die den Signalcharakter gegenüber dem Informationsgehalt betonen. Diese Kommunikationskultur begünstigte andere kollektive Organisationsformen, was wiederum die Richtung technologischer Innovationen beeinflusste: Ein Social Network wie Facebook führt mit den Möglichkeiten des multimedialen Internet das Häufig-aber-kurz-Prinzip der SMS-Kommunikation weiter; eine internetfähige Handy-Generation erlaubt den Zugriff von unterwegs auf die FB-Seite, usw.

Technologischer Fortschritt folgt einer geraden, absehbaren Linie allein bei der Erhöhung von Prozessorleistung. Ansonsten entwickelt Technologie sich in einer Dynamik der Wechselbestimmung mit Gebrauchsweisen und deren kulturellen, sozialen, ökonomischen, mitunter politischen Effekten.

DER ROBOTER ist ein technologisches Produkt, das von diesem Dialog mit dem Gebrauch abgeschnitten scheint, weil eine andere Bestimmung seiner Funktionalität allen konkreten Gebrauchsoptionen vorausgeht: die, den Menschen zu ersetzen – und ihn in den Ersetzungen zu repräsentieren.

Was immer EIN ROBOTER tut, könnte ein Mensch auch getan haben. Der offizielle Begriff „Artificial Intelligence“ sagt das im Grunde sehr klar. Er lässt die Differenz zwischen der natürlichen und der künstlichen Version von etwas verlaufen, was die Abbildbarkeit zwischen Mensch und Maschine garantiert. Egal, worum es sich bei dieser Intelligenz schließlich handelt, sie wird jedenfalls die Freiheiten des Gebrauchs, die sich Menschen mit Geräten herausnehmen, in eine Auseinandersetzung einbinden, die der Mensch mit einem Bild von sich selbst führen muss.

Insofern zählen die AI-Debatten zu jener Zähmung des Politischen in einer ‚Ethik’, die Alain Badiou zurecht attackiert hat: In der Zukunftsprojektion eines ROBOTERS, der über menschenähnliches Empfindungs- und d.h. Leidensvermögen verfügt, sprechen sie der Technologie den Beitrag zur politischen Emanzipation ab, den diese gegenwärtig immerhin leistet. Apparate in das Erwartungsbild eines anderen Menschen zu bannen – das neutralisiert Willkür und Beliebigkeit ihrer Verwendung im Namen einer Fiktion von Achtung vor der Andersheit des minderwertigen Selben (einer Achtung, der die Angst vor der Überlegenheit des Minderwertigen korrespondiert wie schon beim Rassismus). Es erklärt die Kräfte weg, die Technologien Techniken zur Befreiung des Menschen von seinesgleichen entnehmen.

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