Ersetzbarkeit

1.

Brecht glaubte noch an die gute Ersetzbarkeit. In den Geschichten von Herrn Keuner ist von einem Beamten die Rede, den seine Kollegen mit den Worten loben, er sei unersetzbar. Herr Keuner weist sie darauf hin, dass es seine Aufgabe als Beamte gewesen wäre, sich ersetzbar zu machen:

„Wie kann er da ein guter Beamter sein, wenn das Amt nicht ohne ihn liefe?“ sagte Herr K., „er hat Zeit genug gehabt, sein Amt so weit zu ordnen, daß er entbehrlich ist. Womit beschäftigt er sich eigentlich? Ich will es euch sagen: mit Erpressung!“ (GW12, S. 396)

Wenn ersetzt zu werden die formale Definition des Amtes in einer Staatsform ist, die Claude Lefort Demokratie nennt, so sollte eine entsprechende Ethik verlangen, dass diejenigen, die Ämter bekleiden, etwas für ihre Ersetzbarkeit tun. Das ist ziemlich viel verlangt. Normierung war Ausdruck des Misstrauens der Institutionen, ob ihre Mitarbeiter dem Anspruch gewachsen wären. Wo diese die Normen internalisierten, brachte das nicht selten die Schwächung des Charakters, die das Misstrauen stärker begründete. In der Hülle des Korrekten züchtete die Bürokratie instabile Narzissten, deren Selbstrechtfertigung keine anderen Werte kennen konnte als solche der Stabilität. Richard Sennett kommentiert Umfragen unter Beschäftigten des öffentlichen Dienstes, die deren Reaktion auf den Ansehensverlust ihrer Berufe im späten 20. Jahrhundert dokumentieren sollten:

„In all diesen Beispielen verwiesen die Beschäftigten des öffentlichen Dienstes nicht auf ihren Wert für die Organisation oder für die Allgemeinheit, sondern auf die Tatsache, dass sie etwas Nützliches taten. Nützlichkeit erhält hier die Merkmale handwerklichen Könnens, und zu diesen Merkmalen gehört auch die egoistische Versenkung in die Aufgabe als solche. Wir finden keine reservierte Zurückhaltung hinsichtlich des Wertes dieser Arbeit für andere, aber auch nicht l’amour propre im Rousseauschen Sinne neidvollen Wettbewerbs, sondern lediglich die Überzeugung, dass die Arbeit es wert sei, getan zu werden.“ (Richard Sennett, Respekt im Zeitalter der Ungleichheit, Berlin 2002, S. 244)

Das heißt, Nützlichkeit sondert sich ab von der Beziehung zu denjenigen, denen der Nutzen zugute kommen sollte. Die Arbeitenden sehen sich im Dienste einer Sache, nicht in dem fremder Menschen, deren ihnen zugewandte Gesamtheit die Öffentlichkeit im Namen ihres Dienstes bildet. Das ist offenkundig eine sehr defensive, aus Ängsten, Sorgen, schlechten Ahnungen geborene Bestimmung dessen, was sie tun und sind. Aber eben das Defensive krallt sich im Unersetzlichen fest. Die Überheblichkeit des Brecht’schen Beispielbeamten, von der sein Ruf ein Echo enthielt, war, politisch bewertet, noch das Beste an ihm.

„Die für Talente offene Karriere“, die das Bürgertum gegen die feudale Ordnung durchsetzte, wurde bereits im 18. Jahrhundert „zunehmend bürokratisiert und rationalisiert, doch die Fähigkeiten selbst wurden für die Öffentlichkeit zunehmend rätselhaft“ (ebd., S. 97). So konnte eine Unersetzbarkeit entstehen, die nicht auf einem Mehr an Fähigkeiten beruhte, sondern auf einer Opazität dessen, worum es bei diesen Fähigkeiten überhaupt ging, wie diese sich in Tätigkeiten aktualisierten. Es gab schließlich kaum etwas weniger Öffentliches als das, was in den Büros von Beamten geschah.

2.

Ehe die bürokratische Epoche nur ansatzweise dazu gekommen ist, eine Ethik der Ersetzbarkeit zu etablieren, führt nun der Postfordismus ein anderes Ersetzen ein: Dem Arbeitenden wird seine Ersetzbarkeit gleichsam von außen eingegeben. Die Beschreibungs- und Bewertungssysteme lassen alles, was er tut, so undeutlich und unschlüssig werden, dass man tatsächlich jederzeit einen vage Ähnlichen an seine Stelle setzen könnte: X arbeitet auch zu Performance und Politik. Y auch zu Kunst und Mehrwert… Das Gemeinsame, das Arbeit nötig hat, die wesentlich Kommunikation ist – die topoi koinoi, die Gemeinplätze, von denen Paolo Virno sagt, dass sie postfordistische Arbeit als Ökonomisierung eines General Intellect strukturieren – sichert zugleich mit der Möglichkeit der Zusammenarbeit die Austauschbarkeit.

Hinzu kommt die Evidenz des Downsizing: dass die Einsparung wichtiger Leistungsträger zwar Auswirkungen hat, aber kaum Konsequenzen. Die Auswirkungen zählen lediglich zu einer neuen Ausgangssituation, die eine neue organisatorische Lösung als Herausforderung annimmt (sofern nicht das Schlechtere sich längst als Normales etabliert hat, ehe es dazu kommt). Es ist in diesem Sinne unmöglich geworden, der Institution zu fehlen. Nur das persönliche Urteil von Vorgesetzten oder Kollegen, die einen nicht missen möchten, bewahrt gegebenenfalls vor der Entlassung. Aber dieses Urteil kann sich, wo es institutionell Einfluss ausüben will, nicht mehr auf die Überzeugung von der Unentbehrlichkeit berufen; es kann nur noch in Anträgen oder Verhandlungen das Wohlgefällige in eine herbeigeredete Notwendigkeit kleiden und hoffen, dass jemand es glaubt.

3.

Was wäre in dieser Situation von der (Um-)Besetzungspraxis des Theaters (der Oper?) zu lernen? Und von der performance art, wo es offenbar darauf ankommt, dass der Künstler nicht nur selber etwas tut, sondern es auch selbst ist, der etwas tut (eigenartige Verschränkung von ‚selber’ und ‚selbst’)?

In Brechts Maßnahme ist der Rollentausch der Spielenden, die in den Szenen nacheinander die Agitatoren und den jungen Genossen spielen, ein wichtiges Prinzip: „Jeder der vier Spieler soll die Gelegenheit haben, einmal das Verhalten des jungen Genossen zu zeigen, daher soll jeder Spieler eine der vier Hauptszenen des jungen Genossen spielen (Brecht, Einübung der ‚Maßnahme’, in: Die Maßnahme, hg. von Reiner Steinweg, S. 242)

Bemerkenswerter Weise war dieser Tausch den Studierenden eines Seminars, mit denen ich eine Aufführung der Maßnahme besucht hatte und die anlässlich eines Referates bei der nächsten Sitzung eine Szene aus dem Stück mit verteilten Rollen lesen wollten, zwar keineswegs entgangen, aber sie hielten ihn bei ihrem Vorlesen für überflüssig.

Für die Spieler geht es darum, in der Praxis ihres Spiels zu erfahren, was es heißt, jemanden auf seiner Position zu ersetzen und selbst ersetzt zu werden, wenn sie die Tötung des Genossen verhandeln, der beseitigt werden muss, um den Erfolg der Agitation für die Revolution nicht zu gefährden, der aber nicht ohne sein eigenes Einverständnis umgebracht werden kann. Dieser Punkt bleibt noch für Heiner Müllers Maßnahmen-Version Mauser maßgeblich: Das Ersetzen eines Menschen unterscheidet sich von dessen Auswechslung dadurch, dass er der Ersetzung zustimmt, sich ersetzen lässt aus Einsicht in deren Sinn (und d.h. die Notwendigkeit). Indem, wie es zum Schluss der Maßnahme heißt, vor allem Einverständnis zu lernen ist, geht es auch um das Lernen von Ersetzbarkeit – in einer dialektischen Verschärfung dessen, was Herr Keuner von einem Beamten erwartet.

Die Dynamik des Ersetzens berührt die Frage, wie eine revolutionäre Bewegung ihr Weitergehen organisieren, sich auf eine Dauer hin öffnen soll. Revolution unterscheidet sich von Reform darin, dass sie gegen die Verbesserung einzelner Elemente auf der Ersetzung des Ganzen beharrt, darauf, auch dem Übernommenen einen radikal neuen Sinn zu geben, da die alten Elemente nun Teil einer anderen Ordnung werden. Die Ersetzung ist dabei zugleich Ursprung und Ziel. Über die komplexe Temporalität der Revolution und ihre Selbstbestimmung aus einer Zeit des Dazwischen ist viel gesagt worden (hier und da auch über die Probleme, in dieser Zeitlichkeit des Dazwischen ein Andauern zu bewerkstelligen – z.B. Jacques Rancières Diskussion der Ikarier-Bewegung, der schwierigen und letztlich scheiternden Kontemporalität zwischen denen, die in der Neuen Welt bereits die Utopie verwirklichen, und denjenigen, die in der alten Welt weiterhin abhängige Lohnarbeit verrichten, um die anderen zu finanzieren). Die dialektische Form, die man dem Problem der Dauer zumeist gegeben hat, spitzt sich zu in der Frage, wie die Revolution verhindern kann, zum Stillstand zu kommen und in Reaktion umzuschlagen, ohne sich in ihrer Konsequenz selbst zu ersetzen. „Geschmeidigkeitsübungen“ in Dialektik – so eine Beschreibung Brechts zum Lehrstück – sind hilfreich, weil die Schärfe der dialektischen Argumentation eine sanfte und leichthändige Pragmatik braucht, um nicht in Selbstzerfleischung zu münden. Es muss etwas hinzukommen, das der Praxis entstammt – gegebenenfalls das, was Walter Benjamin in seinem Kommentar zu Brechts Die Mutter als nicht-radikale pragmatische Klugheit der Titelfigur beschrieb:

 „Denn die Dialektik braucht keine Nebelfernen: sie ist in den vier Wänden der Praxis zu Hause, und stehend auf der Schwelle des Augenblicks spricht sie die Worte, mit denen die ‚Mutter’ schließt: ‚Und aus niemals wird: heute noch!’“ (Walter Benjamin, Ein Familiendrama auf dem epischen Theater, in: Versuche über Brecht, S. 43)

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